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Modfather Paul Weller: "Stop, fuck you, da mache ich nicht mit!"

Castingshows will er verbieten, die britische Demokratie findet er armselig: Britpop-Übervater Paul Weller gibt sich politisch und wütend wie lange nicht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Polit-Frust, sein neues Album "Wake Up The Nation" und die Ethik der Arbeiterklasse.

Modfather Paul Weller: "Unbequem und ungewöhnlich klingen" Fotos
Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Ihr letztes Album "22 Dreams" galt als Meisterwerk des Folkrock. Jetzt erscheint Ihre neue Platte, die vollkommen anders klingt. Was ist passiert?

Weller: Wir waren wahnsinnig erfolgreich mit "22 Dreams", obwohl es eine Art Konzeptalbum war, damit hätte ich gar nicht gerechnet. Andererseits wollte ich auch keinen zweiten Teil davon machen. Ich hatte ohnehin keine Songs mehr übrig. Es gab auch überhaupt keine Pläne, in nächster Zeit eine neue Platte zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Weller: Dann schickte mir Simon Dine, der "22 Dreams" produziert hatte, zehn kleine Skizzen, eigentlich waren es nur ein paar Loops. Damit sind wir ins Studio gegangen - und innerhalb einer Woche hatten wir sechs neue Songs, die alle sehr urban und aufregend klangen, sehr metallisch und rockig. Für mich eine völlig neue Art zu arbeiten: Ich hatte keine vorgeschriebenen Texte, nur diese Sound-Splitter, auf denen wir alles andere aufgebaut haben. Es war, als würde man ohne Sicherheitsnetz arbeiten, sehr irritierend. Aber eben auch gut, nach all den Jahren zu entdecken, dass es noch andere Herangehensweisen ans Songwriting für mich gibt.

SPIEGEL ONLINE: Alles neu, alles frisch - hat das auch etwas damit zu tun, dass Sie vor zwei Jahren 50 geworden sind?

Weller: Ach, ich weiß nicht. Viele Leute, die 50 werden, sind total verankert in ihrem Leben, und das ist wahrscheinlich gut so. Aber für mich gilt das nicht, mein Leben ist viel zu sehr darauf ausgerichtet, sich zu verändern und weiterzuentwickeln, das war schon immer so. Von daher geht es für mich nur darum, was als nächstes kommt. Und damit dann umzugehen. Wer weiß, was noch so passiert?

SPIEGEL ONLINE: Es gab jede Menge Veränderungen in den letzten beiden Jahren: Ihr Vater, gleichzeitig Freund und langjähriger Manager, ist gestorben. Und dann haben Sie sich von Ihrer Lebensgefährtin getrennt, mit der Sie seit den Neunzigern zusammen waren. Hatten diese privaten Dinge mit Ihrer musikalischen Neu-Orientierung zu tun?

Weller: Ich vermisse meinen Dad, weil ich meinen Kumpel vermisse. Aber ich glaube, ich komme damit ganz gut klar. Sein Tod kam ja nicht überraschend, er war die letzten vier Jahre sehr krank. Natürlich bin ich traurig: Wir hatten ein großartiges Leben zusammen. Und wir waren wirklich mehr Freunde als alles andere. Ich konnte mit ihm über alles reden, das ist sehr, sehr selten. Das muss man sich vor Augen führen und sich darüber freuen. Davon abgesehen fühle mich wohl in meiner Haut und mit mir selbst. Ich habe mich in eine andere Frau verliebt, ich habe Spaß an dem, was ich mache, und ich habe auch ganz schön viel um die Ohren. Und bin sehr froh darüber, dass ich immer noch etwas zu sagen habe.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. 1.
tomloew 16.04.2010
Guter Mann.
2. ,.-
gallstone, 16.04.2010
Zitat von sysopCastingshows will er verbieten, die britische Demokratie findet er armselig: Britpop-Übervater Paul Weller gibt sich politisch und wütend wie lange nicht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Politfrust, sein neues Album "Wake Up The Nation" und die Ethik der Arbeiterklasse. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,689006,00.html
ist doch mal schön, dass sowas nicht nur in Foren thematisiert wird und endlich mal den Weg in die Medien findet. das kann man so auch ganz einfach für Deutschland unterschreiben. Wobei bei sowas auf einem großen Privaten Sender wohl nicht gesendet werden würde... Guter Mann!
3. Nichts gegen Mr. Weller
gurkenhändler 16.04.2010
....ich mochte Ende der 70iger The Jam auch sehr. Aber Heute, über 30 Jahre später und wohlhabend, neheme ich ihm seine rebellische Attitüde nicht mehr wirklich ab. MAcht sich halt noch gut in gewissen Kreisen ;-)))
4. Stop, fuck you, die Kamera bleibt aus!
K-Mann 16.04.2010
Zitat von gurkenhändler....ich mochte Ende der 70iger The Jam auch sehr. Aber Heute, über 30 Jahre später und wohlhabend, neheme ich ihm seine rebellische Attitüde nicht mehr wirklich ab. MAcht sich halt noch gut in gewissen Kreisen ;-)))
Der Mann ist ein Energiebündel ohne Gleichen. Ich habe ihn vor 2 oder 3 Jahren mal live auf der Bühne erlebt, auf einem Festival in den Niederlanden. Vor seiner Nase fuhr dauernd eine Kamera mit wilden Schwenks hin und her, was ihn sehr zu irritieren schien. Nach dem zweiten Song ging er wutentbrannt zu den Technikern seitlich der Bühne, ich konnte zwar nicht hören, was er gesagt hatte, aber es war klar zu sehen, um was es ging. Von dem Moment an blieb die Kamera still, und er spielte ein großartiges Konzert. Nein, ich glaube, der Mann lässt sich wirklich nicht auf der Nase herumtanzen. Sonst wäre er wohl auch nicht so weit gekommen.
5. recherche statt fanzine!
dankewirsindzufrieden.com 16.04.2010
hihi, die wohltemperierte iphone-dosis altherrenredundanz für die morgendliche aussenalsterjoggingrunde, dann dandy-revoluzzerisch beschwingt auf die spielwiesen der angestelltenverhältnisse. jede einzelne zweitausendeinsfiliale schlägt dank dieses werbebeitrags mit sicherheit fast dreistellige tonträger-mengen von herrn wellers bestimmt brandgefährlicher, musik gewordenen butter-bei-die-fische-faust-aufn-tisch ab. der gottvater aller kulturrevolution hat endlich seine stimme erhoben und unerhörtes gelassen ausgesprochen! bourgeoisie und jugend, einer verkommen wie der andere, zittern wie espenlaub. "so läuft das nicht mehr! wir mussten damals noch barfuss durch den schnee zum label waten, ihr verwöhnten gören!" liebes spiegelonlinemusikredaktionsklüngel, es wird euch niemals gelingen, euren britpopnarreteien die bedeutsamkeit herbeizuschreiben, die ihr so gerne attestiert. gute alte männer der musik gibt es viele, und die meisten sind viel unterhaltsamer und weniger ...mitleiderregend, entschuldigt das böse wort. dieser hemdsärmelig-antiquierte interview-sermon veranlasst leider zu folgender analogie, und das nicht nur, um euch zu ärgern: weller ist jetzt der brit'sche westernhagen. so.
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Zur Person
Paul Weller, 51 Jahre alt, gilt als einer der großen Helden der englischen Mod-Kultur und als Vorvater des Britpops. Stars wie Amy Winehouse und die Band Oasis zitieren ihn als Vorbild. Weller, 1958 in Woking, Südengland, geboren, gründete 1977 mit The Jam eine der einflussreichen britischen Gitarrenbands. Später pflegte er mit den Soulpoppern The Style Council seinen Ruf als Saville-Row-Sozialist. Seit 1991 spielt Weller solo, dieser Tage erscheint sein neues Album "Waking Up The Nation".


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