Abgehört - neue Musik Ihr Körper, ihr Sex, ihre Blackness

R&B-Sängerin Kelela führt auf ihrem Debütalbum weiter, was Solange begonnen hat, Jazz-Saxophonist Kamasi Washington bannt kulturelle Differenzen mit Harmonien. Außerdem: Neues von Momus.

Von und Tex Rubinowitz


Kelela - "Take Me Apart"
(Warp/Rough Trade, ab 6. Oktober)

"Versteh mich nicht falsch, ich möchte, dass alle Menschen meine Musik genießen, ich will aber auch, dass sie wissen, dass ich diese Lieder nicht für sie gemacht habe, sondern in erster Linie für schwarze Frauen wie mich", sagte Kelela Mizanekristos kürzlich einem (weißen und männlichen) Reporter vom "Rolling Stone". Als ebenso weißer wie männlicher Pop-Kritiker muss man sich also die Frage stellen, ob es angemessen ist, ihr Debütalbum "Take Me Apart" zu rezensieren, denn Kelela glaubt nicht, dass Weiße, die ihre Musik oder das bahnbrechende Album ihrer besten Freundin Solange abfeiern, wirklich verstehen, worum es darin geht. Fair enough. Versuchen wir es trotzdem.

An "A Seat At The Table", Solanges Album aus dem vergangenen Jahr, das sich mit sanfter, aber umwerfender Vehemenz gegen die "cultural appropriation" der schwarzen Kultur Amerikas durch den weißen Mainstream stemmte, knüpft "Take Me Apart" geradezu nahtlos an, obwohl, anders als bei Solange, kein Songtext von Kelela eine direkte politische Botschaft enthält. In den 14 Stücken geht es vielmehr um das Austarieren und Erspüren von Kräfteverhältnissen innerhalb romantischer Beziehungen, aber natürlich ist in Zeiten, in denen das Miteinander von weißen und schwarzen Amerikanern vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spaltung, Rechtsruck und alltäglicher Polizeigewalt in Kunst und Medien neu verhandelt wird, auch das Private politisch.

So werden Songs wie "S.O.S", "Truth Or Dare" und vor allem "LMK" zu Ermächtigungshymnen, in denen sich die 34-Jährige als selbstbestimmte Frau gibt, die "casual sex" einfordert, ohne dadurch gleich als Schlampe abgestempelt werden zu wollen: "It ain't that deep either way/ No one's tryna settle down/ All you gotta do is let me know", singt sie: Lass mich einfach wissen, ob du Bock hast, ich will dich ja nicht gleich heiraten. Auch der Titelsong enthält eine souveräne, emanzipierte Ansage: Wer zu seinem Partner "Nimm mich auseinander" sagen kann, physisch wie emotional, der weiß im Zweifel auch ganz genau, wie er sich nachher wieder geordnet kriegt.

Andreas Borcholtes Playlist KW 40
SPIEGEL ONLINE

1. Kamasi Washington: Truth

2. John Coltrane: A Love Supreme - Resolution

3. Stanley Turrentine: Hudson Parkway (West Side Highway)

4. Ben Frost: Meg Ryan Eyez

5. Kelela: Frontline

6. Moses Sumney: Doomed

7. Maurice & Die Familie Summen: Nichtantworten ist das neue Nein

8. Dead Rider: Grand Mal Blues

9. The Weather Station: Free

10. Tom Petty & The Heartbreakers: Refugee

Ja, es geht um die Souveränität, die Kompromisslosigkeit von Gefühlen und das Recht, sie nach eigenen Bedingungen und Bedürfnissen zu äußern, aber auch, dieselbe Offenheit, Demut und Hingabe vom Anderen einzufordern. Das ist nicht nur auf der lyrischen Ebene ein Update der Black-Girl-Ermutigungen von Janet Jackson, Aaliyah, TLC, Lauryn Hill und anderen Innovatorinnen der Neunzigerjahre, es setzt auch musikalisch beim Neo-Soul dieser Ära an.

"Take Me Apart" könnte ein geradezu klassisches, slow burning R&B-Album im Stile Oleta Adams' sein, wenn es nicht über Kelelas modernistische Brechungen verfügen würde. Schon auf ihrem einflussreichen Mixtape "Cut 4 Me" (2013) hatte sie, mithilfe der Produzenten ihres damaligen Labels Fade To Mind (u.a. Bok Bok, Jam City, Kingdom) das Spektrum ihres Genres um futuristische Elektronik und Beats erweitert, auf der EP "Hallucinogen", ihrer ersten Veröffentlichung auf dem Experimental-Indie-Label Warp, war unter anderem Arca hinzugekommen, der zuvor schon für FKA Twigs und Björk neue, stilistisch transzendierende Klangsphären fand.

Kelela, Tochter von hochpolitisierten Eltern, die in den Siebzigern aus Äthiopien in die USA einwanderten, positioniert sich mit dieser zugleich warm umarmenden, aber auch immer wieder unvermittelt schroff-abrasiven Musik als R&B-Künstlerin, die ihre Blackness mit entwaffnender Emotionalität gegen die Vereinnahmungs-, Verwertungs- und Definitionsbestrebungen weißer Männer-Mächte verteidigt: "Hold on, wait, you're fucking with my groove/ Gettin' on this plane, making moves/ Cry and talk about it, baby, but it ain't no use/ I ain't gonna sit here with your blues", singt sie in "Frontline". Yes Ma'am, thank you Ma'am. (8.7) Andreas Borcholte

Kamasi Washington - "Harmony Of Difference"
(Young Turks/Beggars, seit 29. September)

Auch Kamasi Washingtons neue, rund halbstündige EP "Harmony Of Difference", seine erste Veröffentlichung seit seinem meisterlich-ausgreifenden Debüt "The Epic", ist nicht explizit politisch. Und dennoch verweist allein der Titel auf die Konversation (um mal nicht gleich das Wort Streit zu bemühen) zwischen Weiß und Schwarz in den USA. Wer Kathryn Bigelows pseudo-dokumentarischen Film "Detroit" über den schockierend rassistischen "Algiers Motel Incident" von 1967 sieht (startet in Deutschland leider erst im November), der ahnt, warum sich so viele afroamerikanische Musikkünstler zurzeit wieder auf den Soul und Jazz aus der Ära des Civil Rights Movements beziehen: Am unbalancierten, passiv oder aktiv aggressiven Verhältnis der verschiedenen Hautfarben Amerikas hat sich in 50 Jahren nichts geändert. Nichts. Jazzmusiker wie John Coltrane oder Pharoah Sanders, beide gehören zu den Vorbildern und Inspirationen für den 36-jährigen Saxofonisten aus Kalifornien, versuchten damals, mit ihrer Musik den Konflikt zu transzendieren, indem sie sich von ihrer Musik in futuristisch-abstrakte und spirituell motivierte Klangwelten erheben ließen. Mit seinem sechsteiligen Zyklus knüpft Washington samt seiner erprobten, vielköpfigen Band (u.a. Thundercat und Miles Mosley am Bass, Ronald Bruner Jr. und Tony Austin an den Drums) dort an.

"Desire", das rhythmisch an Coltranes "A Love Supreme" anklingt, "Humility", "Knowledge", Perspective" und "Integrity" loten Dynamiken und Emotionen aus, um letztlich im letzten, umwerfenden "Truth" dreizehneinhalb Minuten lang jene eigentlichen Disharmonien der Differenzen in Einklang zu bringen. Mit schwellenden Chören, auskragenden Kakophonien und immer wieder auffangenden Grooves und Melodie-Schwüngen greift Washingtons Musik aus dem Chaos der Aktualität hinaus nach einer entrückten kosmischen Schönheit und Ordnung, die sich dem irdischen Verstand entzieht und Jazz-Jahrzehnte zusammenschmelzen lässt.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Statt Free-Jazz-Exkursionen, die Puristen und Avantgardisten befriedigen würden, bleibt Washington seinem Credo der radikalen Zugänglichkeit treu; seine Arrangements sind mitreißend, funky swingend, dem altmodischen, manchmal kitschigen Fusion-Sound von "The Epic" verwandt, aber formatbedingt fokussierter. Manchmal, etwa in der Bossa-Grandezza von "Integrity", zeigt sich Bandleader Washington vielleicht sogar schon in seiner künftigen Berufung: Als Soundtrack-Komponist, und Produzent auf den Spuren von Quincy Jones. Noch so einer, der nach Harmonie zwischen den Unterschiedlichkeiten weißer und schwarzer Musikkultur strebte. (7.9) Andreas Borcholte

Momus - "Pillycock"
(American Patchwork, seit 20. September)

David Bowie klagte irgendwann mal in einem Interview: "Ich hasse meine Singstimme, ich würde meinen rechten Arm geben - na ja, vielleicht nicht MEINEN rechten Arm, aber zumindest den rechten Arm von IRGENDWEM - um jemanden davon zu überzeugen, meine Lieder für mich zu singen." Und jetzt, wo er verstummt ist, singen wir seine Lieder, oder lassen ihn, wie David Lynch in der monolithischen Neuschreibung der Genesis namens Twin Peaks, als zwei Meter große dampfende Teekanne aus Blech wieder auferstehen, in einer Welt, in der der Schöpfer von Gut und Böse ein elektrisches Bäumchen ist, das "Der Arm" genannt wird.

Der in Osaka lebende schottische Musiker Nicholas Currie, genannt Momus, ein einäugiger Ritter der Sinuswellen, kommt der Reinkarnation Bowies am nächsten, zwar weder von grellen Gesten, dessen Haltung und seinem Pathos, sondern eher von der opaken Flamboyanz des seltsamen Außenseiters her, der alles absorbiert, was er so am Wegesrand findet und immer weiter gehen muss, den nichts halten kann. Das geht nun schon seit über 30 Jahren so, mit einem schier unüberblickbaren Ausstoß an Songs, Platten und Texten - von einst, als die Pet Shop Boys ihn als ihren dritten, perversen Bruder bezeichneten, bis zur Coverversion von Bowies "Where Are We Now?", die er bereits eine Stunde nach dem Original veröffentlichte, die zweitschnellste Coverversion aller Zeiten, nur getoppt von Bowies Version von Velvet Undergrounds "Waiting For The Man", die sogar noch vor dem Original erschien.

Auf seinem neuestem Album "Pillycock" (mittelalterliches Englisch nicht etwa für Pillhuhn, sondern für Penis) klingt Momus in einem Song, dem prachtvollen Madrigal "Charcoal", gar exakt wie Bowie. Keine Imitation, sondern eine Art Fortschreibung im Geiste von "The Secret Life of Arabia" als islamischer Transgender-Sänger im elisabethanischen Zeitalter, verfilmt von Pier Paolo Pasolini. Die ganze Platte atmet die nicht fassbare Permeabilität zwischen Stilen und Genres, vielleicht kann man das als unzuverlässiges Musizieren bezeichnen, als Sich-Verzetteln im Gestrüpp der Gespenster.

Aber nicht mit distinktivem Dickkopf, sondern eher als fröhliches Verlieren in altmodischem Obskurantentum. In "Ghost" etwa hört man David Sylvians Band Japan, in "Macbeth" Kabuki für Roboter, Henry Purcell und ein einsames Morton-Feldman-Piano, und hinten in der Ecke steht die feiste Matrone Umm Kulthum und jammert und jault zu einer verstimmten Kamantsche, also der beliebten Spießgeige des vorderen Orients.

Wenn der Begriff Weltmusik nicht sowieso schon so ranzig wäre, würde er dennoch nicht passen, weil Momus einfach viel zu schlau und neugierig ist: kein Perfektionist, Archivar oder Archäologe, sondern ein kosmologischer Skizzierer all seiner vielen rastlosen Ideen, wie nur er sie zusammenstöpseln kann. (9.0) Tex Rubinowitz

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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jon_son 04.10.2017
1. Souverän daneben
"Körper, Sex, Blackness"? Ist es "fair" oder sinnvoll, nach diesen Kriterien Musik zu bewerten? Würde sagen: Viel Geschwafel, aber (mal wieder) Thema verfehlt!
tanriverdi 05.10.2017
2. Her Blackness
Mal angenommen eine weiße Sängerin würde sagen :“Meine Musik habe ich nicht für alle gemacht, sondern nur für Weiße, die Schwarzen würden die Musik auch überhaupt nicht verstehen“, dann wäre das schockierend rassistisch, alle wären empört. Wenn eine Schwarze sich aber in dieser Weise rassistisch gegen Weiße äußert, dann ist das Ausdruck von „Souveränität, Kompromisslosigkeit von Gefühlen und das Recht, sie nach eigenen Bedürfnissen zu äußern“. Der weiße Musik-Kritiker stört sich daran nicht. Im Gegenteil: Ehrfurchtsvoll fragt er sich, ob er denn die Musik jener Dame überhaupt rezensieren dürfe, schließlich habe sie ihn doch ausgegrenzt.
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