Zum Tode Claude Nobs': Der Mann, der Montreux erfand

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Miles Davis, Deep Purple, Bob Dylan und Radiohead: Claude Nobs brachte in Montreux die unterschiedlichsten Stars und Stile zusammen. Der Schweizer Musikmanager gehörte über Jahrzehnte zu den Schlüsselfiguren der europäischen Musikszene. Ein Nachruf.

Claude Nobs: Lässiger Perfektionist - perfekter Gastgeber Zur Großansicht
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Claude Nobs: Lässiger Perfektionist - perfekter Gastgeber

"Sieh dir das an!" Claude Nobs konnte lächeln wie ein glückliches Kind, wenn ihn etwas Neues faszinierte. Und er teilte es gern mit anderen. An diesem sonnigen Nachmittag 2011 fotografierte er mit der sicherlich ersten handlich-digitalen 3-D-Fotokamera die Party einer Hamburger Plattenfirma, die Künstler und das Hafenpanorama. Und seine Begeisterung war, wie immer, ansteckend.

Und diese Begeisterungsfähigkeit war eine von Claude Nobs' wichtigsten und besten Eigenschaften. Als er 1967 gemeinsam mit dem Pianisten Géo Voumard und dem Journalisten René Langel das Jazz Festival im schweizerischen Montreux begründete, hatte er nicht nur eine Vision, er dachte auch praktisch. Sogleich schlug er die Brücke in die USA: Er holte mit Atlantic Records und dem damaligen Chef Ahmet Ertegun einen der wichtigsten Jazz-Männer der Welt mit ins Boot.

Der Ball kam schnell ins Rollen. Nobs kannte als ehemaliger Fremdenverkehrs-Experte neben der Kunst- auch die Geschäftsseite. Seither kamen alle, die in der Jazz-Szene von Bedeutung waren, Jahr für Jahr an den Genfer See. Von Count Basie, Bill Evans oder Miles Davis bis hin zu Keith Jarrett und Chick Corea. Später dehnte Claude Nobs die stilistische Spannweite des Festivals zu Rock, Soul, Pop und Metal aus, natürlich kamen Deep Purple (ihr "Smoke On The Water" handelt bekanntlich von dem Casino-Brand in Montreux, Claude Nobs kommt als Retter im Text vor), aber auch Radiohead, Lou Reed, Bob Dylan, Leonard Cohen oder Eric Clapton. Alle kamen gern - und gern auch öfters - nach Montreux. Und sie kamen nicht wegen der Gage. Sie kamen wegen des Gastgebers.

Von Miles Davis bis Radiohead

Claude Nobs, am 4. Februar 1936 nahe Montreux geboren, privat stets dezent gekleidet und alles andere als ein Paradiesvogel, meist lächelnd, helle Augen, repräsentierte eine kultivierte Freundlichkeit und herzliche Wärme, vor der selbst schwierige Künstlernaturen wie Prince, Van Morrison oder Miles Davis kapitulieren mussten. Nobs selbst war ein stiller Star, ein Kommunikator von Rang, der seine Künstler verstand wie kaum sonst jemand.

Konzertveranstalter gelten ja häufig nicht eben als Sympathieträger. Von Nobs jedoch redeten alle - Musiker, Manager, Medienleute - nur mit Respekt. Alle wussten: Wer nach Montreux kommt, wird wie ein Freund empfangen und auch stets so behandelt. Für seine lässig perfekten Ansagen während des Festivals beispielsweise zog sich Claude Nobs bis zu viermal am Abend um: Jeder Künstler bekam ein eigenes Nobs-Outfit zugeordnet.

Manchmal erklomm der Festival-Leiter auch als Musiker die Bühne, vorzugsweise in Gestalt eines Mundharmonika-Virtuosen, und er dehnte die Möglichkeiten des bescheidenen Instruments bis in Free-Jazz-Gefilde. Größen wie Al Jarreau oder Carlos Santana ließen sich gern dazu überreden, einen Blues in ihren Set aufzunehmen, damit Claude Nobs "einsteigen" konnte. Improvisieren mussten alle: Einmal hatte Nobs seine Mundharmonika verlegt, Jarreau und seine Band spielten brav einen Chorus nach dem anderen, bis der Gastgeber schließlich sein Instrument gefunden hatte: Die Session gelang danach besonders heiß.

Häufiger und engagierter Gastgeber war er auch in seinem Chalet, das am Hang über Montreux lag. Claude Nobs verstand viel von guter Küche (er war neben seinen anderen Talenten auch gelernter Koch), exzellenten Weinen und kultivierter Gastlichkeit. Ganz privat im Chalet über der Stadt oder auch in großen Rahmen: Mitte der achtziger Jahre lud er alle Mitarbeiter der europäischen Warner-Brothers-Records zur Jahresparty nach Montreux ein. Ein Unternehmen wie ein G8-Gipfel: Nobs war damals auch der geschäftsführende Statthalter des US-Labels, und die Warner-Veteranen schwärmen noch heute davon, wie es dem Organisationsprofi gelang, ganz Europa und die USA zusammenzubringen.

Abenteuerliche Dinner

Partys und gemeinschaftliche Tafeln waren für einen Vorausdenker wie Claude Nobs jedoch nie Selbstzweck, die Zukunft des Festivals hatte er stets fest im Blick. So brachte er schon vor den Konzerten abenteuerliche Mixturen von Menschen zusammen, organisierte für die neu eintreffenden Künstler ein maßgeschneidertes Dinner, um sie mit interessanten Leuten bekannt zu machen, woraus dann Konstellationen fürs nächste oder übernächste Festival-Jahr erwuchsen. Viele Künstler, die seit Jahren kamen, freuten sich darauf wie auf eine Messe: Montreux war ein aufregender Ort für Musiker. Natürlich war Claude Nobs auch immer ein Träumer, aber einer mit offenen Augen.

"Und warum eigentlich nicht?" - das war eines seiner Motti, womit er auch das heillose Überziehen seines Festival-Budgets in Kauf nahm, wenn zum Beispiel der Jazz-Grande Quincy Jones über längere Zeit als Produzent und künstlerischer Berater für das Montreux Festival und dessen CD-Reihe engagiert war. "Claude war für mich ein vertrauter und geschätzter Freud, und Montreux war der Rolls Royce unter den Jazz-Festivals", schreibt Quincy Jones zum Tod von Claude Nobs auf seiner Facebook-Seite. "Ich habe eine Million großartige Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit in Montreux, und wenn Gott jemals einen besseren Freund als Claude schuf, dann hat er/sie das konsequent für sich behalten."

Claude Nobs starb am 10. Januar 2013 an den Folgen eines Ski-Unfalls.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Sehr schade
LudwigN 11.01.2013
Mir war der Mann sehr sympathisch und ich habe grossen Respekt vor seiner Lebensleistung. Das Jazzfestival in Montreux ist wirklich eine ausserordentliche kulturelle Errungenschaft, auf die die Schweizer sehr stolz sein können. Mein herzliches Beileid an alle Angehörigen und Freunde!
2. Ja, welch eine Lebensleistung!
tsitsinotis 11.01.2013
Montreux: Der europäische Geburtsort des Funk&Soul mit Les McCann(p), Eddie Harris(ts), Benny Bailey(tp) et al. in Swiss Movement, v.a. Compared to What!! Unvergesslich.. Vielen Dank, Claude Nobs!
3. Ein echter Verlust für die Festival-Szene
Emil Peisker 12.01.2013
Zitat von sysopMiles Davis, Deep Purple, Bob Dylan und Radiohead: Claude Nobs brachte in Montreux die unterschiedlichsten Stars und Stile zusammen. Der Schweizer Musikmanager gehörte über Jahrzehnte zu den Schlüsselfiguren der europäischen Musikszene. Ein Nachruf. Montreux Festival: Claude Nobs tot - Nachruf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/montreux-festival-claude-nobs-tot-nachruf-a-876995.html)
In den 70ern habe ich das Festival einige Male besucht. Es wuchs dann in den Ort hinein, mit vielen Bühnen und Präsentationen. Nobs war erstaunlich aufgeschlossen, wenn er selbst die Musik mochte. Diese hetrogene Mixtur und dieses Ambiente eines Festivals habe ich nur in Montreux erlebt.
4. Große Lebensleistung, sympathisch, bescheiden...
nerdchen 12.01.2013
Menschen diesen Typs scheinen auszusterben, schade. Immerhin habe ich Claude Nobs einmal auf der Bühne erleben dürfen. Eine bleibende Erinnerung! - nerdchen
5. optional
Larsaf 12.01.2013
Machs gut, Funky Claude!
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