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24. Februar 2010, 08:43 Uhr

Monumental-Symphonie

Das wilde Lied vom Tod

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Die "Symphonie Fantastique" vom Komponisten Hector Berlioz hat Grenzen gesprengt und viele Zeitgenossen heillos überfordert. Der belgische Orchesterchef Jos van Immerseel entdeckt bei dem Monster ungeahnte Feinheiten.

Die Revolution von 1830 fand im Konzertsaal statt. In jenem Jahr stellte Hector Berlioz (1803-1869) die erste Partitur seiner "Symphonie Fantastique" fertig, mit deren Premiere er die europäische Musik der Romantik umgehend für das 20. Jahrhundert auf Kurs brachte. Fünfzehn Jahre lang überarbeitete er das Werk ständig, bevor die endgültige Fassung des rund 50 Minuten dauernden Werkes stand. Den Begriff "Programmmusik" gab es noch nicht, aber für Berlioz' wundersame Welt von Klangfarben, Dynamik, Harmoniereichtum und vor allem innovativer Orchestrierung musste er schleunigst erfunden werden. "Ein wilder, ganzer Kerl!", das war Hector Berlioz später für den Kritiker Alfred Kerr. Wild im Wollen, aber auch im Können: Wagner, Mahler, Richard Strauss - viel Zukunft ist in der Musik des französischem Neutöners schon angedeutet.

Die tönende Geschichte eines Künstlerlebens mit Lieben, Leiden, Todesvisionen und Idyllen ist im Kern Filmmusik, lange bevor es Kino gab. Und diese Klangbilder kommen spielend ohne Leinwand aus: Hector Berlioz erfand spezielle Arrangement-Techniken, die er auch theoretisch in seinen Memoiren und seiner Instrumentationslehre (Paris, 1843) festschrieb. Angetrieben von einer leidenschaftlichen Liebe zu der irischen Schauspielerin Harriett Smithson entwickelte Berlioz in dem Werk musikalische Szenen vom Leben auf dem Land, auf einem Ball, von der Vision seines eigenen Todes und schließlich von einem wilden Hexensabbat. Dafür dachte sich Berlioz einen neuen kompositorischen Umgang mit dem klassischen Orchester aus. "Vor Berlioz berücksichtigten die Komponisten die Klangfarben der unterschiedlichen Instrumente ... nicht bewusst", schrieb Daniel Barenboim im Frankreich-Kapitel seiner Autobiografie ("Die Musik, mein Leben"). Er selbst hat mit dem Chicago Symphony Orchestra (Teldec) und den Berliner Philharmonikern (Sony) exzellente Interpretationen der "Fantastischen" auf CD eingespielt.

Auf dem sinnlichen Geheimpfad

Was bei Titanen wie Barenboim erwartbar virtuos und prall klingt, das gehen der belgische Dirigent Jos van Immerseel und sein Ensemble "Anima Eterna Brügge" mit einer beinahe skrupulösen Zurückhaltung an. Der 1945 in Antwerpen geborene Musiker steht für klanglich an Originalinstrumenten orientierte, unerhört frische Interpretationen vermeintlich wohl bekannter Werke. Nicht alles neu, aber vieles anders: Bei Immerseel wird der Hörer stets überrascht.

Wie gut das funktioniert, hört man besonders bei den leisen, filigranen Parts der Berlioz-Symphonie: Der "Ball" klingt geradezu hintersinnig düster und zerbrechlich, während der "Marsch zum Schafott" durch diesen durchscheinenden, beinahe barocken Klang der Streicher zu einem sinnlichen Geheimpfad wird. Das entwickelt sich schlank und schlüssig, selbst unter inhaltlichem Aspekt, denn der Künstler träumt sein Ende ja nur. Das Lied vom Tod schimmert als singende Fantasie.

Zum Thema Vibrato - ständiger Diskussionspunkt unter Dirigenten und Instrumentalisten - hat der sonst so mitteilsame Berlioz wenig geschrieben. Das sehr informative Booklet zur CD zitiert daher den zeitgenössischen Pariser Geigenexperten Pierre Baillot, der 1834 schon von allzu viel Vibrieren abgeraten hat: Der Effekt nutze sich schnell ab. Viele Details steuern Musiker des Anima-Eterna-Ensembles bei, zu Instrumenten, Spielweise und Interpretation. Da wedelt ein wenig der pädagogische Zeigefinger und es grüßt die Volkshochschule, aber immerhin erfährt man eine Menge aus der Konzertpraxis. Das klingt sehr gelehrt, ist aber informativ und authentisch.

Einige Kritik dürfte van Immerseel allerdings der Verzicht auf die wuchtigen Glocken zur Schafott-Szene in der Orchesterbesetzung einbringen: Er setzt stattdessen auf die dezente Klavier-Lösung. Immerseel zitiert Hector Berlioz als Kronzeugen, der unter bestimmten Umständen dem (ungedämpften) Flügel den Vorzug gibt. Eine nachvollziehbare Entscheidung: Das Pianoforte harmoniert besser mit dem luftigen Immerseel-Konzept als tiefe Glocken. Die Originalklang-Diät mit intensivem Aroma-Kern - knackig siegt über opulent.


CD Anima Eterna / Jos van Immerseel: "Symphonie Fantastique" (Harmonia Mundi)

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