Motörhead-Chef Kilmister Feier schön, Lemmy!

Er ist das Christuskind des Rock'n'Roll: Motörhead-Chef Lemmy Kilmister wurde am 24. Dezember 1945 geboren - vor genau 65 Jahren. Auch dem zähesten Headbanger-Knochen bleibt das Rentenalter eben nicht erspart. Eine Hommage an einen Mann, der uns das Gefühl gibt, es könne immer so weitergehen.

Lemmy Talking

Von Christoph Schwennicke


Dieses Jahr konnte ich leider nicht. Weihnachtsfeier der Redaktion, da kann man schlecht sagen: "Sorry, geht nicht, Lemmy ist in der Stadt. Müsst ihr verstehen."

Wie jedes Jahr pünktlich zur Adventszeit besuchten Motörhead am 7. Dezember Berlin. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, bin ich mit von der Partie, seit mindestens zwölf Jahren. Das Konzert ist auch so etwas wie ein Betriebsfest. Immer etwa 3000 ältere Herrschaften in einem Höllenlärm, viele mit Gleitsichtbrille auf der Nase, die ihren Vordermännern bei Bedarf freundlich auf die Schulter tippen, wenn die ihnen den Blick auf die Bühne verstellen. Und die rücken dann höflich einen Schritt zur Seite. So geht es zu in der Hölle des Großen Tiers Lemmy Kilmister.

Es ist ein Ritual, natürlich. Die immergleichen Sprüche, der immergleiche Sound. "Guten Abend! We are Motörhead, and we play Rock'n'Roll". Es soll diesmal wieder schön gewesen sein, habe ich in den Zeitungen gelesen. Wie jedes Jahr, wie Weihnachten.

"Alle Jahre wieder / Kommt dahas..." Lemmy Kilmister ist eine Art Christuskind des Rock'n'Roll. Der Frontmann und Bassist von Motörhead wurde am 24. Dezember 1945 in der hässlichen nordenglischen Stadt Stoke-on-Trent geboren, nicht in einer Krippe, sondern in einem dieser verrottenden britischen Krankenhäuser. Er feiert also dieses Jahr seinen 65. Geburtstag und hat angekündigt, den Übergang ins Rentenalter in Las Vegas in einem Hotel zu begehen. Vermutlich Pornokanal im Zimmer auf Dauerbetrieb, ein bisschen was trinken an der Bar, an den Spielautomaten hängen, mal sehen, was sonst noch geht. Auf keinen Fall verkrampfen.

Hört die Signale, liebe Motörheadianer!

Lemmy Kilmister ist der Mann, der uns die Illusion erhält, es gehe einfach immer weiter. Er ist der Mann, der unser schlechtes Gewissen bändigt, wenn es eines Abends wieder zu viel Wein war und man am nächsten Morgen bang an die Leberwerte denkt und das Cholesterin und die Herzverfettung. Geht doch, sagt man sich, wenn Lemmy Kilmister da vorne auf der Bühne steht, der Mann der von sich sagt, keinen Kater zu kennen, weil das voraussetze, zwischenzeitlich auszunüchtern.

Aber, liebe Motörheadianer, hört die Signale. Sie sind zu vernehmen auf der neuesten, der ungefähr 28. Motörhead-CD "The Wörld is Yours". Eine, nebenbei bemerkt, herausragende Platte, eine der besten, im Range von "Bastards" und "Inferno". Möglicherweise die beste in der Besetzung mit Phil Campbell an der Gitarre und Mikkey Dee an den Drums überhaupt. Denn es ist zwar wahr, dass alle Platten von Motörhead so gleichförmig sind wie der grandiose Rock'n'Roll von Chuck Berry. Aber das Gleiche ist auch mal besser und mal schlechter. Und dieses Mal ist es verdammt gut.

Die Frage ist: Will Lemmy uns aus gegebenem Anlass etwas Besonderes sagen? Die Nekrophilie zieht sich seit jeher durch seine Texte. Aber es sind normalerweise Schlachtfeldphantasien, Gesänge von Kriegern, Tod und Mannesmut. Was kleinen Jungs eben so im Kopf rumgeht und große Jungs zum Aggressionsabbau aus sich herausschreien. Würden alle Männer der Welt Motörhead hören und Lemmys krude Kriegsphantasien mitgrölen, es gäbe keine Kriege, das steht für mich fest.

Das neue Album: Ein Vermächtnis

Aber das hier ist jetzt nicht der normale Kilmistersche Kriegsporno. "The Wörld Is Yours" ist Lemmys eigenes Requiem. Es geht nicht um Tote auf Schlachtfeldern. Es geht um ihn. Er will uns sagen: Ich mache das schon noch, so lange es geht - "Do It Till the Day I Die". Aber macht euch zugleich bereit: "I Know How To Die". Soll nachher keiner behaupten, er hätte es nicht rechtzeitig gesagt: "We Live On Borrowed Time".

Solche Zeilen durchziehen das aktuelle Album. Ein neues Buch und eine DVD kommen zu Lemmys rundem Geburtstag zusätzlich auf den Markt. Das ist Geschäft, klar, aber es sieht auch schwer nach Vermächtnis aus. Philip Campbell und Lemmy Kilmister widmen "The Wörld is Yours" Ronnie James Dio. Dio, einer der ausdrucksstärksten Rock'n'Roll-Sänger der vergangenen 35 Jahre, ist im Mai 2010 im Alter von 67 Jahren an Krebs gestorben.

Die Andacht für verstorbene Familienmitglieder des Rockbetriebs ist seit jeher fester Bestandteil eines jeden Motörhead-Gigs. Denn alle wissen: Wir machen uns was vor. Es geht in Wahrheit nicht ewig so weiter. Deshalb, feier' schön, Lemmy, übertreib's nicht, und komm noch ein paarmal nach Berlin. Spiel noch mal diese Hammer-Nummer "Dancin' on Your Grave".

Ich lass' dann auch die Weihnachtsfeier sausen, versprochen. Die gibt es schließlich noch viele, viele Male.



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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
Torfi 24.12.2010
1. Netter Artikel
Gut, dass man dem Urvieh auch mal die Anerkennung schenkt, die es verdient.
Marcus Aurelius, 24.12.2010
2. Durfte...
Zitat von TorfiGut, dass man dem Urvieh auch mal die Anerkennung schenkt, die es verdient.
... seinerzeit (vor 20 Jahren) als Roady für Lemmy rödeln. Die Bühnenanweisung enthielt zum Punkt Garderobenausstattung stets 2 essentielle Paragraphen: - 1 Flasche besten Whisky - 1 Glückspielautomat Prost alter Haudegen!
Zaharoff 24.12.2010
3. Seit...
1981 fast jedes Jahr in der Phillipshalle, Düsseldorf. Damals, als Teeny, dachte ich "Mann ist der alt und sieht noch viel älter aus. Der machts bestimmt nicht mehr lange". Heute sehe ich alt aus - und Lemmy noch genau so wie 1981. Unfassbar. Auf die nächsten 30 Jahre!
Marcus Aurelius, 24.12.2010
4. Durfte...
Zitat von TorfiGut, dass man dem Urvieh auch mal die Anerkennung schenkt, die es verdient.
... seinerzeit (vor 20 Jahren) als Roady für Lemmy rödeln. Die Bühnenanweisung enthielt zum Punkt Garderobenausstattung stets 2 essentielle Paragraphen: - 1 Flasche besten Whisky - 1 Glückspielautomat Prost alter Haudegen!
Marcus Aurelius, 24.12.2010
5. Durfte...
Zitat von TorfiGut, dass man dem Urvieh auch mal die Anerkennung schenkt, die es verdient.
... seinerzeit (vor 20 Jahren) als Roady für Lemmy rödeln. Die Bühnenanweisung enthielt zum Punkt Garderobenausstattung stets 2 essentielle Paragraphen: - 1 Flasche besten Whisky - 1 Glückspielautomat Prost alter Haudegen!
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