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Amtlich Lang lebe Lemmy!

Motörhead-Chef Lemmy Kilmister: "Harghhargh!"
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Motörhead-Chef Lemmy Kilmister: "Harghhargh!"

Von Boris Kaiser


Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser, Ihr werdet euch noch wundern: Auch wenn alle Welt darauf wartet, dass er von der Bühne kippt, wird Lemmy noch lange rocken. Ist halt "Bad Magic", die ihn antreibt, und so heißt auch das knochentrockene neue Motörhead-Album.

Motörhead - "Bad Magic"
(UDR/Warner, ab 28. August)

Abriss: Gibt es Leute, die heutzutage zu ner Show von Motörhead gehen und im Vorfeld kein "Könnte das letzte Mal sein!" schmettern? So sicher, wie der Papst katholisch ist: nein.

Dieser kleine Kribbel, Bandchef Lemmy Kilmister, der Heiligabend (!) seinen 70. Geburtstag feiert, leblos von der Bühne fallen zu sehen, ist allgegenwärtig, ja, sogar zur Folklore geworden. Keine Ahnung, was good ol' Lem tief in seinem Inneren empfindet, nach außen kokettiert er wohl auch etwas mit seinem katastrophalen Gesundheitszustand, hat seinen knarzigen "Harghhargh!"-Humor nicht verloren, Jacky-Cola (wegen der zuckerhaltigen Brause, nicht wegen des Whiskeys!) gegen Wodka-O getauscht - und spielt außerdem mittlerweile lieber schnelle als langsame Stücke. Die sind nämlich weniger kompliziert, schließlich machen auch die Finger nicht mehr richtig mit.

Motörhead: Electricity (Lyric Video)

Electricity (Lyric Video) von Motörhead auf tape.tv.

Aber ich sage Ihnen was: Die "Hoffnungen", live dabei zu sein, wenn sich einer der letzten Rockstars, die diese Welt noch hat, für uns alle, die wir mit unseren langweiligen Leben zwischen Kita, Büro und Reihenhaus irgendwie doch nicht ausgelastet sind, obwohl wir immer so tun, zu Tode gefeiert hat, werden noch oft "enttäuscht" werden: Lemmy ist lebenserfahren genug, um den Ritt auf der Rasierklinge weiter zu meistern und die größten Risiken zu vermeiden. Und wenn's gar nicht mehr anders geht, wird sogar er die Alters-Seligkeit dem Ungewissen vorziehen. Sein als Monstranz vor sich hergetragener Atheismus macht am Ende ja diesen ganzen Scheiß, über den wir lieber nicht nachdenken wollen, ja kein Jota besser, wahrscheinlich sogar im Gegenteil.

Trocken, nicht metallisch

Um weiter auf Tour gehen zu können (nur auf diese Weise ist heutzutage noch Geld zu verdienen), liegt nun eine neue Motörhead-Platte vor, die 23. seit 1976, Livealben und Compilations nicht mitgerechnet. "Bad Magic" gilt trotz seines langweiligen Titels und Coverartworks in, hüstel, Fachkreisen bereits als eine der stärksten Band-Veröffentlichungen seit zig Jahren, sagen wir mal: mindestens seit "Sacrifice" von 1995, vielleicht sogar seit dem fantastischen "1916" von 1991 - und das ist nicht falsch.

Die zeitweise viel zu metallische Herangehensweise ist endgültig wieder einem knochentrockenen Rock 'n' Roll-Sound gewichen, der dem Trio besser zu Gesicht steht und auch eine größere Durchschlagskraft entwickelt, vor allem Mikkey Dees Doublebass-Orgien gehören weitgehend der Vergangenheit an. Obwohl "Bad Magic" in toto als eine der schnellsten Motörhead-Platten seit den Achtzigern durchgeht und hier auch enorme Qualitäten entwickelt ("Victory or Die", "Thunder & Lightning", "Evil Eye"), muss man gelungene "Verschnaufpausen" nicht lange suchen: "Electricity" feiert Lemmys Vorliebe für Fifties-Sounds und erinnert damit fast zwangsläufig an "Going to Brazil", "'Till the End" ist eine dieser unglaublich melancholischen Motörhead-Balladen, die gerade deshalb tief berühren, weil sie nicht durch feige Ironie oder sonstige Postmodernismen "gebrochen" werden.

Das Stones-Cover "Sympathy for the Devil" erscheint dann schließlich nur im ersten Moment als zu offensichtliche Wahl: Im Motörhead-Kontext gewinnt der "Beggars Banquet"-Schlüsselsong weiter an Wert und entwickelt neue, noch nicht bekannte Qualitäten. Have some courtesy! (Gesamtwertung: 8.0)

Anspruch: Ernsthaft: Motörhead stehen als Band und "Marke" schon lange über den Dingen.

Artwork: "In guter alter Tradition", um's positiv auszudrücken. (6.0)

Aussehen: Das Alter ist ein Massaker. Und trotzdem: Keiner ist so cool wie Lemmy. (8.5)

Aussage: "We are Motörhead, and we play Rock 'n' Roll!" - nuff said. (10.0)


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)



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7 Leserkommentare
freddykrüger 28.08.2015
holger_s. 28.08.2015
OliverRöseler 28.08.2015
ambulans 28.08.2015
exeblue 28.08.2015
zylinderkopf 01.09.2015
NuPogadi 24.11.2015

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