Dirigent Teodor Currentzis Rock me, Amadeus!

Den Mozart erfrischen, wer braucht denn so was. Jeder, wenn man sich den "Figaro" so intelligent vornimmt, wie es der griechische Dirigent Teodor Currentzis mit seinem Ensemble MusicaAeterna tat. Da rauschen robuster Sound und Detail-Liebe zusammen, dass es kracht.

Von

Nina Vorobeva

Zart, beschwingt und federleicht: So wird die neue "Hochzeit des Figaro" hier nun wirklich nicht gefeiert. Teodor Currentzis macht alles anders: Er führt bei dieser Produktion nicht nur den Taktstock, sondern arbeitete in popmusikalischem Sinne wie ein Studio-Producer, der den Sound, die Aufnahmetechnik und den Final Mix kontrolliert.

Dabei hat er sich hörbar auch auf die revolutionäre Grundkomponente des Theaterstücks vom "Tollen Tag" des Pierre Beaumarchais (1732-1799) besonnen. Schließlich haben Wolfgang Amadeus Mozart und sein Texter Lorenzo da Ponte voller Überzeugung das Theaterstück des französischen Bühnenkollegen als Grundlage ihrer Oper gewählt. Ein Tag voller Überraschungen, eine Neuordnung der Verhältnisse, eine gründliche Überprüfung: Genau das hat der 1972 geborene Musiker Currentzis mit diesem vermeintlich auserzählten Stoff getan. Und es sind keinesfalls nur die historischen Instrumente, mit denen die rohe und dennoch ausgefeilte Kraft dieser Über-Oper neu generiert wird.

Voller Punch schon in der Ouvertüre

Schon die in flottem Groove genommene Ouvertüre erweist vollen Punch: Die Streicher steuern rasant ins Forte und fesseln mit ungewöhnlicher Direktheit. Doch alles, was zunächst als punkig-widerborstige "Figaro"-Version rüberkommen mag, atmet den authentischen Geist Mozarts. Im ausgezeichneten Booklet zur Aufnahme kann man Currentzis' Ansichten zu Mozart und wie man ihn interpretieren sollte, detailliert nachlesen

Teodor Currentzis - Mozart / da Ponte
Teodor Currentzis weiß, was er tut, und deshalb hat er sich sein eigenes Orchester MusicaAeterna geformt. Dies entstand nicht etwa in Mozarts Heimat Österreich, sondern am Ural, in der russischen Stadt Perm. Die verfügt über ein Opernhaus und mit dem zuvor in Nowosibirsk gegründeten Ensemble nun auch über ein eigenständig-unternehmungslustiges Orchester, das mit Akribie, Enthusiasmus und Originalklang-Instrumenten einen Mozart/Da Ponte-Zyklus startete, in dessen Rahmen "Le Nozze" den ersten Streich darstellt. Ein ambitioniertes Projekt, in das viel Innovation investiert wurde. Allein die Rezitative blitzen schon durch die fliegenden Finger von Pianist Maxim Emelyanychev, der statt des meist verwendeten Cembalos ein Hammerklavier nach klassischem Vorbild spielt.

Ein Hammer, dieses Klavier

Besser bekannt ist die Contessa dieser Aufnahme: Die deutsche Sopranistin Simone Kermes, barockgestählt und mozarterfahren, fügt hier ihre kraftvolle Stimme elegant ins Klangspektrum ein - und dürfte in der "Dove sono"-Arie auch Skeptiker überzeugen. Zudem prägt ihr Temperament die Rolleninterpretation: Diese Gräfin gefällt sich nicht im Selbstmitleid des Opfers, sie klingt wie eine kluge, starke Frau, die einiges mehr als ihr Gatte vom Leben versteht.

Der junge "Graf" dieser Version, der Ukrainer Andrei Bondarenko, verdiente sich seine Sporen nach der Ausbildung an der Mariinsky Akademie unter anderem in St. Petersburg, trat bald in der New Yorker Carnegie Hall auf, beim Glyndebourne Festival ebenso wie bei den Salzburger Festspielen. Er wirkte bei John Malkovichs "Don Giovanni"-Projekt mit und debütierte soeben als Onegin in Köln. Mit ihm gewann Teodor Currentzis einen Conte, dessen stimmliche Statur und sehnige Kraft den nötigen Biss für diese Aufnahme mitbringt. Mit Simone Kermes bildet er ein eigenwilliges und vitales Paar, das keine Melancholie verströmt - mehr Mut als Wehmut in diesem Falle.

Perfekte Paare im Wettstreit

Das "andere" Paar - Figaro und Susanna - bezaubert ebenso: Der amerikanische Bass-Bariton Christian van Horn, ebenfalls international erfahren und gefeiert, und die flexibel agierende und stilistisch vielseitige Sopranistin Fanie Antonelou (wie Currentzis in Griechenland geboren) halten mit Verve wunderbar gegen das extrovertierte Adelspaar. Es lodert in den Gesangsparts ebenso wie im Orchester.

In Perm, bis 2011 noch von politischen Unruhen geschüttelt, konnte Teodor Currentzis den politisch Verantwortlichen für einen kulturellen Wiederaufbau der Stadt enorme finanzielle Mittel abverhandeln - und sein Ensemble MusicaAeterna zum Opernorchester der Stadt ausbauen. Der Elan des Unternehmens macht neugierig auf die beiden weiteren Mozart/Da Ponte-Produktionen, die im Herbst 2014 und im Frühjahr 2015 folgen sollen.


Mozart: Le Nozze Di Figaro. Mit Andrei Bondarenko, Simone Kermes, Fanie Antonelou, Christian van Horn u.a.; MusicaAeterna, Leitung: Teodor Currentzis; 3 CDs; Sony Classical; 31,99 Euro.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
tao chatai 23.02.2014
1.
vermutlich passt diese Aufnahme besser zum Artikel http://www.youtube.com/watch?v=uwHeD10iftY
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