Dirigent Hartmut Haenchen Spiel zum Abschied leise Mozart

Mozarts letzte drei Symphonien bilden eine besondere Einheit. Dirigent Hartmut Haenchen entschlüsselt das klingende Denkmal elegant. Wie es ganz anders geht, zeigt Nikolaus Harnoncourt.

Riccardo Musacchio

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Abschied, ein scharfes Wort. Dass Mozart mit seiner letzten Symphonie, dem Jupiter-Sturm in klarem C-Dur, den eigenen Tod vorausahnte, gehört wohl ins Reich der Legende. Wie er jedoch 1788, in Zeiten großer ökonomischer Not, die Schönheit am Rande des Untergangs musikalisch feiert, das ergreift jenseits aller angeblichen biografischen Mutmaßungen. Seine extrem populäre 41. Symphonie KV 551 gibt es jetzt - wie üblich gemeinsam mit Nummer 39 und 40 - gleich in zwei neuen Einspielungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die eine klingt wie ein Muster-Mozart aus dem Bilderbuch: Der Dirigent Hartmut Haenchen brilliert generell mit seiner Vielseitigkeit, die ihm enorme Popularität und internationales Ansehen einbrachte. Ob in Konzerten oder am Opernpult wie z.B. beim "Holländer", seine ebenso präzise wie pointierte Dirigierkunst wirkt stets sachdienlich, der Orchesterklang gelingt lupenrein, klar und flüssig. Es beglückt, seine Lesart einer Komposition zu erleben, denn Haenchen vermeidet Extreme und allzu geschmäcklerische Einfärbungen. Dennoch packt er entschlossen zu - und sei es, um noch mehr die Feinheit und die perlende Eleganz eines Werkes zu entdecken.

Hartmut Haenchen auf Klassik.TV

Orchester-Aus zum Bach-Jubiläum

Bei seiner Jupiter-Version entfachte er mit seinem Carl Philipp Emanuel Bach Kammerorchester genau die Begeisterung und den luftigen Sound, die dem himmelhohen Spät-Mozart entspricht; die Abgründe der 41. öffnen sich dann umso jäher und bedrohlicher, ohne in der Wendung zum Schicksalhaften sprichwörtlich "übergeigt" zu werden. Die Kunst kommt auch vom Training: Haenchen und das Kammerorchester CPE Bach verbindet eine langjährige gemeinsame Konzerttätigkeit, die nun leider zu Ende geht. Alle arbeiteten nahezu ohne feste Bezüge, Orchestermitglieder wie

Dirigent, ein idealistischer Dienst an der Musik auf höchstem Niveau. Haenchens viele Verpflichtungen legten ein Ende der langen Zusammenarbeit nahe, und ein adäquater Nachfolger kam nicht in Sicht. Ein Abschied mit subtilem Timing im Hinblick auf das Jubiläumsjahr des Orchester-Namensgebers. Was passt besser dazu als Mozarts symphonischer Schluss-Dreier, der sich zwar enormer Katalog-Konkurrenz gegenübersieht, diesen Vergleich aber locker besteht.

So klopft Giovanni an die Pforten

Ganz aktuelle Konkurrenz gibt es vom Mozart-Experten und Originalklang-Altmeister Nikolaus Harnoncourt und seinem Wiener Concentus Musicus: Da klopft der Don-Giovanni-Komtur bei Nummer 41 gewaltig an die Jupiter-Pforte. Weniger locker und beschwingt, dafür druckvoll und beinahe endzeitig ernst gehen Harnoncourt und sein Top-Ensemble die letzten drei symphonischen Mozart-Werke an, die Harnoncourt dezidiert als stilistische Einheit eines kompletten "Oratoriums" sehen will. Da wiegt alles schwerer, doch geschmeidig ausgeführt dank stupender Perfektion und immenser Erfahrung. Immerhin zählt Harnoncourt schon 84 Lebensjahre, die Erkenntnisse seines ganzen Künstlerlebens formen gerade Mozarts Vermächtnis mit bewegender Tiefe. Viele Jahrzehnte galten Harnoncourts intensive Studien gerade Mozart. Speziell sein Wirken bei den Salzburger Festspielen seit Beginn der Neunzigerjahre überraschte immer wieder, sorgte für Kontroversen und ließ nie einen Zweifel an seiner nimmermüden Kreativität.

Essenz von Harnoncourts Künstlerleben

Hartmut Haenchen, 1943 in Dresden geboren, sang früh im Kreuzchor, absolvierte dann ein Musikstudium in seiner Heimatstadt und durchlief Stationen als Kapellmeister und Dirigent in Zwickau, Berlin, bei der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie. Seit 1980 leitete Hartmut Haenchen das Kammerorchester CPE Bach, das er mit großem Engagement zu internationaler Geltung führte. Bald stand er als Gastdirigent in nahezu allen großen internationalen Opernhäusern am Pult, ähnlich illuster liest sich die Liste seiner Konzertverpflichtungen und Auszeichnungen. Werktreue und Genauigkeit prägen Haenchens Interpretationen, die von der Klassik über Tschaikowsky, Verdi und Wagner bis zu Franz Schreker, Aribert Reimann und Bernd Alois Zimmermann reichen. Wie profund sein Wissen ist, belegen seine zahlreichen Fachbuch-Veröffentlichungen, von denen "Werktreue und Interpretation" (Pfau-Verlag) im November in erweiterter Neuauflage erscheint. Von Haenchens Forschergeist profitiert auch die neue CD: Die Liner Notes aus seiner Feder lesen sich spannend. Für die nächste Zukunft stehen eine Fortsetzung seiner großen internationalen "War & Peace"-Konzertreihe mit Werken zum Thema sowie ein "Tannhäuser" in Londons Covent Garden Opera auf dem Programm: von generellem Abschied also keine Rede.


CD-Angaben
W.A. Mozart: Sinfonien 39/40/41. Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach, Leitung Hartmut Haenchen. Berlin Classics/edel; 17,99 Euro.
The Last Symphonies - Mozart's Instrumental Oratorium. Concentus Musicus Wien, Leitung Nikolaus Harnoncourt. Sony Classical; 2 CDs, 19,99 Euro.



insgesamt 9 Beiträge
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louisesullivan 07.09.2014
1. Was Sie immer schon wissen wollten,
aber nie zu fragen wagten: Hörbeispiele zur Online-Rezension. Genial laienförmig und einleuchtend. Danke + bitte weiter damit, wenn mgl.
KV491 07.09.2014
2. Super
Ebenfalls Danke! Habe mich schon oft hier mokiert, aber das ist wirklich eine Errungenschaft. Selber hören macht glücklich und schlau.
f-rust 07.09.2014
3. super, danke
für die hörbeispiele. da kann man sich doch wirkoich ein ersten eindruck verschaffen. Merci!
HaPeGe 07.09.2014
4. Haenchen vs. Harnoncourt
Erst einmal besten Dank für diese Hörbeispiele ! Ich persönlich habe die Musik Mozarts unter Karl Böhm kennengelernt. Und er würde sich im Grab umdrehen, wenn er die Interpretation Harnoncourts hören würde. Entschuldigung: Einfach grauenhaft ! Das ist nicht Mozart ! Es wird Zeit, dass sich die Musikwelt des Dikatats eines Nikolaus Harnoncourt entledigt.
wolfsraunen 07.09.2014
5. Haenchen vs. Harnoncourt
Wer aalglattes belangloses easy-listening Backgroundgeplätscher mag, ist mit Haenchens Interpretation bestens bedient. Wer aber die Genialität Mozarts mit all ihren Ecken, Kanten und Brüchen erleben will und am Horizont bereits einen Beethoven erahnt, für den ist Harnoncourt, wie immer, eine Offenbarung. Mir haben erst Friedrich Gulda, das Concertgebouworkest und Harnoncourt eröffnet, dass Mozart weit mehr ist, als widerlich süßes Rokoköchen Gewölferl.
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