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MTV Europe Awards: "F*** it, it's the Internet"

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Einfallslose Rapper und unreife Früchtchen: Die Europe Music Awards von MTV gerieten zur blutleeren Show. Einzig Krawall-Blogger Perez Hilton hauchte dem durchgeplanten Event Anarchie ein: Der blondierte Klatschkönig von Hollywood zeigte die Zukunft des Musikfernsehens.

Der erste Mann auf dem roten Teppich trägt blondierte Tolle, kurze Hosen und einen unbändigen Geltungsdrang vor sich her: Perez Hilton, weltweit bekannter Hollywood-Blogger, in dessen Online-Gerüchteküche sich neun Millionen Menschen jeden Tag ihre Portion Gossip abholen. Mit seinem bleichweißen Grinsen begannen die 15. European Music Awards in Liverpool. Zwei Stunden vor dem ersten Act – als von Hilton moderierter Livestream im Internet.

MTV hat sich mit dem Internet verbündet. In diesem Fall mit einem tuntig kichernden, musikunkundigen Hollywood-Blogger, der am Donnerstagabend ihm unbekannte europäische Bands wie die Stereophonics mit den Worten "Die kenne ich nicht" links liegen ließ; der den Coolness-Code von Killers-Sänger Brandon Flowers mit Fragen nach seinem Outfit durchbrach, dafür aber Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz ( setzten sich als "Bester Headliner" gegen Metallica durch) schönstes Schulenglisch entlockte und die einstige Mädchentraum-Band Take That mit den Worten "Ich will euch nackt sehen" in seine Umkleidekabine einlud.

"Die wollen nur meinen Arsch küssen"

Selbst den ernst gemeinten Versuch der eigentlichen Show-Moderatorin Katy Perry, ihn mit einem "Best Digital Host"-Award zu überraschen, wischte Perez mit einer nonchalanten Geste beiseite: "MTV denkt sich diese Awards doch nach Belieben aus, die wollen nur meinen Arsch küssen", sagte er und kicherte nasal. "Fuck it, it's the Internet: Online spielen wir nach anderen Regeln."

Netzhelden wie Perez, hofft MTV, sollen dem in die Jahre gekommene Glamour-Event zu neuer Durchschlagskraft verhelfen. Mit der neuen Internet-Strategie verabschiedet sich der Konzern endgültig vom konventionellen Musikfernsehen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Zuschauer sollen sich in Zukunft mehr und mehr ihr eigenes Programm zusammenbasteln. DIY - do it yourself, statt friss was du kriegst.

Schon bei den diesjährigen Awards waren die Online-Gucker gegenüber dem ordinären TV-Publikum klar im Vorteil: Statt Werbepausen konnten sie Plappermaul Perez im pinken Bademantel durch das Backstage-Gewusel streifen sehen. Mit einem Klick ließen sich Webcams direkt ansteuern, die den roten Teppich, den Raum hinter der Bühne und die Arena beobachteten.

Was von MTV eigentlich als "exklusiver Web-Content" geplant war, geriet so jedoch häufig unglamourös: Auf einem Sofa sah man die Stars wartend auf ihre Kurzauftritte sitzend, wie sie gelangweilt in ihre Blackberrys tippten.

Beyonce Knowles klingt wie Tina Turner

Die 15. EMA-Show selbst brachte trotz gewohnt aufwendigen Bühnen- und Lichtdesigns keine legendären Highlights wie den Kuss von Britney Spears und Madonna 2003 oder den Animationsauftritt der Comicband Gorillaz 2005 hervor.

Newcomer-Moderatorin Katy Perry ("I kissed a girl") wirkte mit ihrer vor Aufregung stets kreischigen Stimme und wechselnden Obstkostümen neben der Grandezza einer Grace Jones wie ein unreifes Früchtchen. Take That lieferten eine solide Pop-Performance ab, die seit ihrem letzten Auftritt bei den EMAs vor 15 Jahren jedoch keine nennenswerte Weiterentwicklung zeigte. Beyonce Knowles wechselte mit "If I were a boy" ins Rockfach und wirkte mitunter wie Tina Turner. Die sonst großartige Rockband The Killers verschwand bei ihrem Auftritt in einer Art riesigem, laserumtosten Setzkasten und klang dadurch plötzlich wie Modern Talking.

Die angekündigte Amy Winehouse erschien wie immer: gar nicht. Genauso wie Britney Spears, die sich für ihre Awards ("Act of 2008" und "Album of the year") mit einer höflichen Videobotschaft bedankte, deren Highlight ihre Marilyn-Monroe-Frisur war. Wie von Perez Hilton zu erfahren war, trat sie stattdessen gemeinsam mit Madonna und Justin Timberlake auf – natürlich in Los Angeles.

Frisch wirkte nur Brit-Rapper Dizzee Rascal

Die wenigen "Wow"-Momente standen unter dem Einfluss des momentan größten Popstars der Welt: dem zukünftigen US-Präsidenten Barack Obama. Co-Moderator Jared Leto und seine Band 30 Seconds to Mars (Gewinner in den Kategorien "Best Videostar" und "Rock Out") riefen das Publikum zu Standing Ovations. Unter ihren Jacken lugten Obama-T-Shirts hervor. Und als das mit reichlich Stars und Stripes beleuchtete Duett von Kanye West ("Ultimate Urban"-Award) und Estelle zu Ende ging, da regnete es wie auf einer Wahlparty zur letzten Zeile von "American Boy" Papierschnipsel von der Decke; kommentarlos wurde Obamas Konterfei ikonenhaft auf eine Leinwand im Hintergrund projiziert. Yes, they can.

Frisch wirkte eigentlich nur Brit-Rapper Dizzee Rascal, der Ikone Grace Jones erstaunlich ehrliche Aussagen zu ihrem Comeback entlockte, wobei er die Flirtversuche seines Idols galant überspielte. Rührend auch die japsende Überwältigung des dem Publikum weitgehend unbekannten (und kurz abgefertigten) Türken Emre Aydin, der den marginalen "Europe Favourite Act"-Award entgegennahm.

Statt ehemals bedeutender Kategorien wie "Bestes Musikvideo" oder "Bester Pop-Act" wurde schließlich der "Beste Act aller Zeiten" gewählt. Für diesen speziellen Moment verließ Perez Hilton sogar seine Internet-Domäne und trat neben Moderatorin Katy Perry auf die Fernsehbühne. And the winner is ... Rick Astley!

Rick Astley?

Und zu den einsetzenden Tönen von "Never gonna give you up" schrien Hilton und Perry: "You have been rickrolled!"

"I dont want any trouble from you!"

Das war er, der "Beste Act aller Zeiten" – ein millionenfach im Internet kopierter Streich namens "Rickrolling": Nutzer tarnen den Link zu Rick Astleys Musikvideo "Never gonna give you up" unter einem anderen Link, der Nutzer landet aus Versehen bei dem rothaarigen Barden und ist "ge-Rick-rolled". Ein Witz für die eingefleischte Internet-Generation. Zurück blieb ein spürbar verwirrtes Saalpublikum.

Am Ende kam es dann zum endgültigen Kräftemessen zwischen alt und jung, zwischen Pop-Übervater Sir Paul McCartney und Internet-Emporkömmling Perez Hilton: Nach der Verleihung des eigens für McCartney geschaffenen "Ultimate Legend"-Awards traf der Ex-Beatle hinter der Bühne auf Hilton, stutzte, erkannte den Blogger - ein kurzer Moment, in dem unklar war, wer jetzt wen anspricht. Dann sagte McCartney: "I don't want any trouble from you", und tätschelte dem aufgeregten Blogger die Wange. Dem verschlug es vor Ehrfurcht kurz die Sprache.

Es war sein ganz persönlicher "Wow"-Moment, den zurzeit auch 41 Redaktionsmitglieder von MTV Deutschland haben dürften. Der Mutterkonzern Viacom strich dem deutschen Ableger nach drastischen Umsatzeinbußen die selbstproduzierten Shows "MTV News" und "MTV Masters". Die Shows "MTV Urban" und "MTV Rockzone" werden nur noch als Clipstrecke weitergeführt und "TRL" ab sofort nur einmal wöchentlich auf MTV ausgestrahlt

Statt eigenen Musikformaten soll die deutsche Sendezentrale in Berlin in Zukunft noch mehr auf die aus den USA übernommenen Dating- und Comicshows setzen. Im Internet sollen diese mit Hilfe von Videoportalen, sozialen Netzwerken und Bloggern wie Perez verbreitet werden - natürlich kostenlos.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. mtv vs. internet
ig-88 07.11.2008
es war ja wohl eher unbeabsichtigt von MTV dass astley den award gewann. hauptsächlich einer schlecht programmierten voting-website und einem haufen internet user die automatische voting software verwendeten ist es zu verdanken das astley gewinnen konnte, und der schwachsinns-award "bester act alles zeiten" ad absurdum geführt wurde. auch wenn mtv das eigene versagen vor der (minimal notwendigen) findigkeit der internetuser versuchte zu kaschieren.
2. Da hat sich das klassische Musikfernsehen...
benny.lindström 07.11.2008
... doch mal wieder nen Bock geschossen. Ich gebe MTV eh nur noch ein paar Jahre maximal. Dann werden interaktive Portale wie zb PUTPAT das neue MTV sein. Kleinere Sender wie MotorTV in Berlin und im Kabelnetzu BaWü oder TapeTV im Internet gehen ja schon grob in die Richtung.
3. überflüssige Veranstaltung
dgruebner.de 07.11.2008
Es gibt keine unwichtigeren Awards als diese. Wenn Fans dazu eingeladen werden bleiebig oft abzustimmen, ist das Ergebnis meistens schon im voraus klar. Alleine die nominierten waren abgesehen von U2 eine Katastrophe. Ein Reich-Ranicki hätte der Veranstaltung vielleicht gut getan. Man sah Paul McCartney an, wie viel ihm der Award bedeutet. Vermutlich hat er ihn ohnehin auf der Toilette vergessen. Zum "Music Television" sage ich nichts mehr.
4. bei aller liebe...
ig-88 07.11.2008
welches musikfernsehen. das klischee das mtv keine musik mehr zeigt, sondern nur noch schrottige shows ist realität geworden. mtv hat mit musikfernsehen nichts mehr zu tun.
5. mtv vs. internet
Cigaro, 07.11.2008
Zitat von ig-88es war ja wohl eher unbeabsichtigt von MTV dass astley den award gewann. hauptsächlich einer schlecht programmierten voting-website und einem haufen internet user die automatische voting software verwendeten ist es zu verdanken das astley gewinnen konnte, und der schwachsinns-award "bester act alles zeiten" ad absurdum geführt wurde. auch wenn mtv das eigene versagen vor der (minimal notwendigen) findigkeit der internetuser versuchte zu kaschieren.
Genau das kommt in der Tat nicht besonders gut rüber, es sollte einem das Gefühl vermittelt werden, dass mtv diesen Gag selbst initiiert hat (und man würde als Aussenstehender wohl kaum etwas anderes vermuten). Rick konnte offenbar leider nicht erscheinen, wobei das wahrscheinlich weniger auf eine Blockadehaltung von mtv, als vielmehr seine Schüchternheit zurückgeht. Freundliche Geste: Man bot in Foren der Tokio Hotel Fansites eben diese vote-macros zum download an, damit jeder die Chance bekommt, für seinen Kandidaten (tausendfach) zu stimmen. Diese Dateien stellten sich allerdings als Viren heraus: http://www.tokiohotelamerica.com/2008/10/08/warning-to-fans-ema-voters/ http://www.tokiohotelamerica.com/2008/10/22/please-dont-use-autovoters/ :)
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