Multitalent Gustavo Santaolalla Einmischen und aufmischen

Seinen Namen kennen nur Insider, seine Musik jedoch ist ein globaler Erfolg: Der Argentinier Gustavo Santaolalla schreibt preisgekrönte Soundtracks und Bücher, produziert Bands - und beweist, dass Pop und Politik perfekt zueinander passen.

Von Knut Henkel


Ein Lächeln huscht über die Lippen von Gustavo Santaolalla. "Oh, ich war mächtig überrascht, als mein Handy klingelte und Nestor Kirchner dran war, um mir zum Golden Globe zu gratulieren." Im Januar 2006 erhielt er die Auszeichnung für "A love that will never grow old", den Filmsong von "Brokeback Mountain". Preisverleihungen sind für den erfolgreichen Komponisten und Produzenten mittlerweile selbstverständlich, aber wenn der Präsident seines Heimatlandes anruft, ist das selbst für den kleinen stämmigen Mann mit den munter funkelnden Augen noch etwas Besonders.

Multitalent Santaolalla (bei der Oscar-Verleihung 2006): Von der schwarzen Liste ins Rampenlicht
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Multitalent Santaolalla (bei der Oscar-Verleihung 2006): Von der schwarzen Liste ins Rampenlicht

"1978, ich war gerade 26 Jahre alt, musste ich aus Argentinien flüchten, weil ich auf den schwarzen Listen der Schergen der Diktatur stand", erklärt er mit fester Stimme. Nicht nur die langen Haare und der Bart missfielen damals der Militärdiktatur, sondern auch der rockige Sound von "Arco Iris", der damaligen Band Santaolallas. Die war in Argentinien recht angesagt, weil sie traditionelle Genres wie Murga oder Candombe mit Rock verband.

Für die Militärs war das ein Tabubruch, für Santaolalla ist es ein Stilprinzip. "Schon als 16-Jähriger, als ich meine erste Band gründete, haben wir Altes mit Neuem kombiniert. Ich habe mich immer auch mit den traditionellen Genres beschäftigt und die alten Instrumente bewundert. Nicht nur die aus Argentinien, sondern auch die aus anderen Ländern Lateinamerikas."

Kreativität in the Mix

Diese Neugier hat sich der 55-jährige Gitarrist bis heute bewahrt, sie ist Teil seines Erfolges, denn Santaolalla hat nicht nur als Komponist, sondern auch als Produzent ein Händchen für den Mix von Stilen und Sujets. Das hat der Mann, den das "Time"-Magazin zum Kreis der 25 einflussreichsten Lateinamerikaner in den USA zählt, als Produzent zahlreicher Latin-Rockbands und des kolumbianischen Popstars Juanes hinreichend bewiesen. Heute ist er ein Star in der Latinszene von Los Angeles.


Im dortigen Echo Park laufen alle Stränge zusammen, denn hier lebt Santaolalla mit seiner Frau Alejandra Palacios, einer erfolgreichen Fotografin, und seinen drei Kindern. Gleich um die Ecke befinden sich die Studios und Büros von Surco Records, der Plattenfirma, das Santaolalla gemeinsam mit Landsmann Anibal Kerpel Mitte der neunziger Jahre aufgebaut hat.

Aus dem unabhängigen Alternativlabel, das mit Rockbands aus dem linken Spektrum der argentinischen und mexikanischen Szene begann, ist längst ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Major Universal Records geworden. "Von allem etwas" bleibt natürlich weiterhin seine Devise; neben dem Produzieren von Bands wie Café Tacuba oder Bersuit Vergarabat geht das Multitalent Santaolalla eigenen Projekten nach. Überaus erfolgreich, wie die Oscars für die Filmmusiken von "Brokeback Mountain" und "Babel" beweisen.

Ausgezeichnet vielseitig

Auch seine Kompositionen für die eigene Band "Bajofondo", die er 2002 gemeinsam mit dem uruguayischen Musiker Juan Campodónico und dem DJ Luciano Supervielle gründete, sind erfolgreich. Gleich das erste Album wurde 2003 mit einem Latin Grammy ausgezeichnet. Nun erscheint Nummer Drei und auch bei Bajofondo prallen die musikalischen Stile gleich in Serie aufeinander.

Tango, Milonga, Candombe gehören genauso wie Rock, Electro, HipHop und TripHop zu den Inspirationsquellen der insgesamt acht Musiker. Die stammen allesamt aus Montevideo oder Buenos Aires, den Metropolen links und rechts des Río de La Plata. Und man spiele ja nichts anderes als "moderne Musik vom Río de la Plata" - findet zumindest Santaolalla, dem die Electrotango-Schublade, in die seine Band oft gesteckt wird, nicht sonderlich gefällt.

Die musikalische Vielfalt ist auf "Mar Dulce", dem neuen Bajofondo-Album, kaum zu überhören; Gaststars wie Elvis Costello oder Nelly Furtado unterstreichen die kreative Aufgeschlossenheit des Projekts.

Stolz ist Santaolalla jedoch vor allem darauf, dass er mit Lágrima Ríos eine der großen Tangodiven Uruguays noch einmal vor das Mikrofon lotsen konnte. Der alten Diva und ihrer Generation hat der umtriebige Mann gleich noch ein Buch gewidmet. Das ist im eigenen Verlag in Buenos Aires erschienen. Dort ist auch "Poesía diaria", ein großer Erinnerungstext für die unzähligen Opfer der Militärdiktatur, erschienen - für Santaolalla sein persönlicher Beitrag zur Aufklärung der Verbrechen der Militärdiktatur. Soll noch einer sagen, Pop und Politik passten nicht zusammen.



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