Multitalent Jamie Foxx Let's Talk About Sex

Er spielte Ray Charles im Film so überzeugend, dass er einen Oscar gewann. Jetzt will Jamie Foxx auch im wirklichen Leben die Popcharts erobern. Schade, dass sein Soul-Album "Unpredictable" zu viel Testosteron enthält - und zu wenig Emotion.

Von Jonathan Fischer


Die Liste afroamerikanischer Sänger und Rapper, die erfolgreich ins Schauspielfach wechselten, ist lang. Sie reicht von Isaac Hayes bis Ice Cube, von Queen Latifah bis LL Cool J. Selbst Will Smith profitierte am Anfang seiner Karriere von seinen Meriten als Rapper The Fresh Prince. Nur wenige aber gehen den umgekehrten Weg: Hollywood gilt immer noch als Ziel aller Popstar-Phantasien, einer Leinwandgröße kann es womöglich nur schaden, sich aufs Glatteis der Musikmoden zu begeben.


Nicht so bei Jamie Foxx. Nachdem er letztes Jahr für seine Rolle als Ray Charles in dessen verfilmter Biografie einen Oscar gewonnen hatte, schien der afroamerikanische Schauspieler von einer fixen Idee besessen: endlich auch im richtigen Leben nachzuvollziehen, was er bisher nur gespielt hatte, und sich den Traum vom R'n'B-Superstar zu erfüllen.

Um es vorwegzunehmen: Foxx hat es tatsächlich geschafft. Sein neues - im März in Deutschland veröffentlichtes - Album "Unpredictable" stürmte an die Spitze der US-Charts, verkaufte sich bisher mehr als eine Million Mal und wird dem Soul-Sänger auf seiner bevorstehenden Amerika-Tournee ausverkaufte Hallen bescheren. Aus dem Nichts kommt die Zweitkarriere des Hollywood-Stars jedoch nicht. Bereits 1994 war Foxx als Sänger ins Studio gegangen, das Album "Peep This" fand damals allerdings nur wenig Widerhall. Zumindest was die Promotion betrifft, hat der Star dazugelernt.

Ein Mann für alle Medien

Sein Name gehört mittlerweile zu den bestgehandelten Aktien im Popgeschäft. So veredelte der Sänger in den letzten Jahren ein halbes dutzend R'n'B- und HipHop-Produktionen - von Twistas "Slow Jamz" bis zu Kanye Wests "Gold Digger", wo er den an Ray Charles' "I Got A Woman" angelehnten Gesangspart übernahm. Kaum ein Tag, an dem sein Gesicht nicht im Fernsehen oder auf der Leinwand auftaucht: Als Darsteller in "Jarhead" und "Collateral", als Polit-Aktivist, der sich für den zum Tode verurteilten Ganggründer Tookie Williams einsetzt, oder als Talkshow-Gast. Allein in der Oprah Winfrey Show brachte es Foxx auf fünf Auftritte in einem Jahr.

Aber kann diese Medien-Offensive allein den Erfolg seines neuen Albums erklären? Und welche Art von Überraschungen bietet Foxx seinen Fans auf "Unpredictable"? Dank seines Celebrity-Status konnte der R'n'B-Crooner auf die Hilfe hochkarätiger Produzenten wie Mike City, Timbaland und Sean Garrett zählen. Seine eigene Gästeliste klingt wie das Who Is Who der HipHop-Prominenz: Kanye West, Twista, The Game, Ludacris, Common, Snoop Dogg und Mary J. Blige.

Der als Single ausgekoppelte Titeltrack gibt die Atmosphäre des Albums vor: zäh fließende Beats, Keyboard-Riffs, die an die neunziger Jahre erinnern und ein sinnlich atmendes Falsett. Keine Frage: Jamie Foxx kann singen. Und er beherrscht die Vokaltricks aller großen Soulverführer, wechselt leichthin vom markigen, selbstsicheren Shout eines Ray Charles zum zärtlichen Wispern und Stöhnen eines Marvin Gaye.

Das klingt nach Hormonen

Doch Gesangstechnik allein macht noch kein gutes Album. Und so sehr genuine Zärtlichkeit im R'n'B von heute Mangelware ist: Soul-Klassiker wie "Sexual Healing" weisen "Unpredictable" klar in seine Schranken. Foxxs Sex-Anmache kommt allzu billig daher, sein Soundtrack zum Zeugungsakt klingt weithin abgegriffen. Banales bleibt auch aus seinem Mund banal: "Can I take you home girl/ get you all alone girl/ do you like I want to/ kiss you like I want to..." Oder es tönt lüstern platt: "Make you turn around and touch your toes/ the next thing girl, you already know..." Songs wie "Get This Money", "Three Letter Word" oder "Storm" jedenfalls lassen kaum Raum für Phantasien, triefen vor genau den Sexgymnastik-mit-Goldschmuck-Klischees, an denen der zeitgenössische Rhythm 'n' Blues zu ersticken droht.

Will Foxx womöglich mit all dem Brunft-Gehabe sein fortgeschrittenes Alter überspielen? Für einen Künstler, der demnächst seinen 40. Geburtstag feiert, klingt "Unpredictable" wie eine nachgeholte Jugendsünde. Zumindest einige Songs aber lassen den anderen Jamie Foxx erkennen: einen Sänger, dessen Stimme jede Menge Charme und Verletzlichkeit vermitteln kann. Und einen Mann, der sich auch Fragen jenseits der Bettkante stellt.

So erzählt Foxx im Mary-J.-Blige-Duett "Love Changes" von seiner persönlichen Entwicklung in einer Partnerschaft. Mit der akustischen Piano-Ballade "Heaven" gelang ihm eine anrührende Ode an seine zehnjährige Tochter. Und er vertonte einen Brief an seine verstorbene Mutter: "Wish You Were Here". Hier erreichen Komposition und Produktion ein Niveau, das man dem Rest von Jamie Foxxs Album nur wünschen kann. Kein Wunder: Es sind die Songs, in denen der Schauspieler am ehesten sich selbst spielt.

Foxx selbst hatte, seinen frühen Sunnyboy-Verkörperungen zum Trotz, nicht immer ein sonniges Leben: Von seiner Mutter verstoßen, wuchs er bei seinen Großeltern in Texas auf, die zwar mittellos waren, ihren Schützling aber auf seinen späteren Weg brachten. Unter ihrer Obhut ging er in den Kirchenchor und nahm klassischen Klavierunterricht - die Grundlage für seine überzeugende Darstellung des blinden Sängers und Pianospielers Ray Charles.

Entdeckt wurde Foxx auf einem Amateur-Wettbewerb für Stand-Up-Komödianten: Zuerst durfte er in der Fernsehkomödie "In Living Color" mitspielen. 1999 stieg er vom Sitcom-Spaßvogel zum dramatischen Kinoschauspieler auf - seine Rollen in "Any Given Sunday", "Ali" (2001) und "Redemption" (2004) machten ihn weltbekannt.

Privat aber gilt Jamie Foxx als eher bescheidener Mensch. Einem Interviewer gestand der Schauspieler einmal, dass er wie Ray Charles - den er vor seiner Filmrolle persönlich kennenlernte - auf traditionelle Südstaatenweise erzogen worden sei: "Ich rede immer höflich mit den Frauen, benehme mich wie ein Southern Gentleman." Hätte er diese Selbsteinschätzung nur auf seinem neuen Album ein wenig mehr berücksichtigt - "Unpredictable" könnte ein solides Rhythm 'n' Blues-Album jenseits der immergleichen Hormonräusche sein.



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