Von Christine Wahl
Berlin - Er kam öfter hierher, hatte eine eigens für ihn errichtete Loge und sah sich gerne Operetten an. Doch was würde wohl Adolf Hitler sagen, wenn er sich im Berliner Admiralspalast auf der Friedrichstraße selbst auf der Bühne sähe - als tuntige, tanzende Witzfigur?
Das ist derzeit der Fall: Mel Brooks' Broadway-Musical "The Producers" - nach seinem gleichnamigen Film von 1968 - ist in der Berliner Unterhaltungsindustrie angekommen. Und wird ironischerweise an dem Ort gezeigt, wo sich Hitler selbst oft unterhalten ließ. Die gestrige Preview wurde vom Publikum schon mit stehenden Ovationen gefeiert, Premiere ist am 17. Mai.
In Brooks' Show plant ein Produzentenduo den größten Broadway-Flop aller Zeiten, um sich danach mit dem Rest der Investorengelder nach Rio abzusetzen. Wider alle Kunst- und Geschmackregeln wird das unterirdische Skript eines durchgeknallten Altnazis "Frühling für Hitler" aber ein Riesenhit.
Im Vorfeld der Berliner deutschen Erstaufführung sorgten schon die Werbemaßnahmen für einen lokalen Aufreger: Man hatte den Admiralspalast mit roten Bannern beflaggt, die in der Mitte einen weißen Kreis mit schwarzer Brezel trugen - eine Satire auf die Hakenkreuzflagge und wirksamer PR-Gag. Die Sache zeigt andererseits aber auch, wie zuverlässig die Debatte, ob man über Hitler lachen darf, bei jedem neuen Anlass wieder aufflammt. Daran hat sich seit Charlie Chaplins "Großem Diktator" (1940) über Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein" (1942) bis hin zu Dani Levys "Mein Führer" von 2007 nichts geändert.
Weltweit ein Hit, in Wien ein Flop
Lange hatte man in Deutschland gezögert, Mel Brooks' Musical zu adaptieren - und das, obwohl es weltweit seit Jahren ein Kassenschlager ist. In New York brach der Broadway-Hit mit zwölf Tony-Awards schon vor acht Jahren sämtliche Rekorde - und war anschließend nicht nur von Finnland bis Australien, sondern selbst in Tel Aviv permanent ausverkauft. Das Hollywood-Remake von 2005 tat sein Übriges. So sicherte sich der Unterhaltungskonzern Stage Entertainment GmbH mit Sitz in Hamburg bereits vor einiger Zeit die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung der "Producers", die sich eng ans Broadway-Vorbild hält.
Letztes Jahr in Wien fand sie statt, der Erfolg aber blieb aus: Nach zunächst 70-prozentiger Auslastung sank - parallel zur Finanzkrise - der Kartenverkauf. Da die Wiener Bühne mit Brooks' Produktionsfirma aber eine einjährige Laufzeit vereinbart hatte, schlug der Berliner Admiralspalast zu und holte die Produktion für acht Wochen als Gastspiel in die Hauptstadt.
Wie die Sache hier ankommen wird, bleibt abzuwarten. Bei der öffentlichen Voraufführung am Freitagabend machte das Publikum von den Brezel-Fahnen jedenfalls regen Gebrauch. Kaum ein Song, der nicht fähnchenschwenkend mit überbordendem Szenenapplaus quittiert worden wäre. Dabei eignet sich das Musical eher als Lehrstück über die Halbwertzeit von Kunstwerken. Kam Brooks' Film 1968 noch einer gewaltigen Provokation gleich, ist er nun endgültig im Mainstream angekommen. Geplante und unfreiwillige Peinlichkeit gehen Hand in Hand.
Mit stehenden Ovationen endet die Vorführung
Obwohl ein Retro-Musical, das als Gegenprogramm zum glatten Broadway-Zeitgeist bewusst die fünfziger Jahre beschwört, müssen heutzutage größere Provokationen her: So werden die Hakenkreuzarmbinden um einiges penetranter präsentiert als im Original, und der durchgeknallte bajuwarische Altnazi stimmt mal das Deutschland-Lied an.
Der Höhepunkt aber ist das Musical im Musical: Heiße Showgirls in Naziuniform wirbeln die Beine empor und trällern süßlich den "Frühling für Hitler und Vaterland". Hier gab es den meisten Applaus. Zu Recht, denn obwohl geschmacklos präsentiert sich Susan Stromans Choreografie zu keinem Zeitpunkt einfallsreicher. Egal, ob die beiden Producer (Cornelius Obonya und Andreas Bieber) mit dem schwulen Musicalregisseur (Martin Sommerlatte) eine flotte Sohle aufs Parkett legen oder mit dem schwedischen Blondinenwitz Ulla (Bettina Mönch) turteln: Für Abwechslung sorgen eher die Kulissen- und schrillen Kostümwechsel als die Schrittfolgen.
Mit stehenden Ovationen endet die Voraufführung. Die "Producers" - sie sind die heitere Kehrseite von Hollywood-Produktionen wie "Operation Walküre" oder "Defiance" (Unbeugsam) mit ihren glatt gebügelten Widerstandsheroen und Klischees. Und fügen sich doch satt in die aktuelle Mainstreamunterhaltungswelle zum Dritten Reich ein.
Wer wirklich eine zeitgenössische Fortführung von Mel Brooks sehen möchte, der schaue sich die Theaterproduktion "Dritte Generation" der israelischen Regisseurin Yael Ronen an. Die Berliner Schaubühne zeigt das Stück, in dem sich junge israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler gegenseitig so schonungslos und sarkastisch Klischees und Vorurteile um die Ohren hauen, dass das Lachen weh tut. Und nebenbei kriegen - wie bei Brooks - sämtliche Randgruppen und Exzentriker ihr Fett ab.
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