Musik David Axelrod

Er kam aus dem Ghetto, wurde mit pompösen Songs berühmt und dann vergessen. Nun verdankt er dem HipHop sein Comeback.


Als vor ein paar Jahren völlig überraschend der erste Scheck eintraf, griff David Axelrod zum Telefonhörer und beschimpfte den Absender. "Sicher, ich war damals pleite, aber ich war nie in meinem Leben auf Almosen angewiesen", knurrt der 68-jährige kalifornische Produzent, Arrangeur und Komponist mit rauem Clint-Eastwood-Charme.

Aber dann hat Axelrod das Geld doch genommen, nachdem ihm der Sachbearbeiter eines Musikverlags erklärt hatte, dass es sich durchaus nicht um eine mildtätige Gabe handele. Im Gegenteil, es stünde ihm rechtlich zu, weil eine seiner alten Kompositionen gesampelt worden sei. David Axelrod scherte sich zunächst nicht ums Sampeln, also die Patchwork-Technik, Schnipsel eines alten Songs in einen neuen zu übertragen.

David Axelrod
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David Axelrod

Heute zählt er zu den am meisten gesampelten Musikern im HipHop. Superstars wie Lauryn Hill, Dr. Dre oder Mos Def haben sich für ihre Millionen-Bestseller bei Axelrod-Werken bedient. Und das so ausgiebig, dass der lange vergessene Axelrod nicht nur zu viel Geld gekommen ist, sondern nun auch als ein "Pate des HipHop" ("Mojo") gefeiert wird und wieder blendend im Geschäft ist. Das Londoner TripHop-Hipster-Label Mo' Wax hat sein neues Album "David Axelrod" (Mo' Wax/Connected) veröffentlicht, seine vergriffenen Klassiker werden neu aufgelegt, und junge Bands wie Pulp, für deren neue Single "The Trees" er die Arrangements verfasst hat, bedrängen ihn mit Anfragen.

Sein Lebenslauf klingt wie eine dieser Geschichten, die sich sonst die Märchenerzähler von Hollywood ausdenken. Aufgewachsen ist David Axelrod in South Central, einer der übelsten Ecken von Los Angeles. Sein Vater, ein linker Gewerkschafter, starb früh, der ältere Bruder fiel im Zweiten Weltkrieg. Axelrod zog mit einer Gang durch die Straßen seines Viertels, hing in Jazzclubs rum und "erledigte Aufträge". Genauer will er da auch heute nicht werden. Irgendwie kam er damals in den Fünfzigern zu einem Aushilfsjob in einer Plattenfirma, irgendwem fiel sein Gespür für Klang und Melodien auf, so dass er eine Chance als Produzent und Arrangeur bekam und nutzte. Mit aufwendigen Streicher-Arrangements und ungewöhnlichen Rhythmen für Jazz- und Pop-Größen wie Lou Rawls, Ornette Coleman oder David McCallum entwickelte Axelrod einen so hektisch wie majestätischen Sound, der ihn den sechziger Jahren bekannt und reich machte.

In den folgenden Jahrzehnten nahm er zu viele Drogen und hatte zu wenig Glück. So dass er sich Ende der Achtziger in einem dunklen Loch in einer miesen Gegend von Los Angeles wiederfand. Aber dann kamen die Schecks und der HipHop. Nur das ganze "Künstler-Geschwafel" geht ihm jetzt noch auf die Nerven. "Ich hasse das Gerede von der Muse und so. Ich mache hier nur einen Job."

Christoph Dallach



© kulturSPIEGEL 11/2001
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