Neues Pop-Festival in Berlin "Mehr Kunst, weniger Schnittchen"

Die Music Week ist tot, es lebe die "Pop-Kultur": Das Musicboard Berlin will aus dem öden Branchentreff ein aufregendes Pop-Forum im Techno-Club Berghain machen. Erste Acts und Veranstaltungen für die Premiere im August stehen jetzt fest.

Marikel Lahana/ Pop-Kultur

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Das Berghain ist kein Klub wie jeder andere. Die Techno-Disco im Osten Berlins umgibt sich gern mit dem Nimbus der Exklusivität. Nicht jeder kommt rein. Und wenn man drinnen ist, darf man fast alles - nur nicht fotografieren.

Mit der Berlin Music Week, dem alljährlichen Zusammentreffen der Pop-Branche - man könnte auch sagen: dem alljährlichen Bejammern von Umsatzverlust, Piraterie und Kulturverfall - wollten die Berghain-Macher noch nie etwas zu tun haben. Insofern sorgte schon die Ankündigung im letzten Herbst, dass der Music-Week-Nachfolger exklusiv in den Räumlichkeiten des alten Heizkraftwerks am Ostbahnhof stattfinden würde, für Raunen in der Szene: Sollte Berlin am Ende vielleicht doch endlich ein Pop-Festival bekommen, das zum hippen und weltgewandten Anspruch der Stadt passt?

Bis jetzt sieht es tatsächlich danach aus. Am Mittwoch veröffentlicht das Musicboard Berlin erste Details der dreitägigen Veranstaltung namens "Pop-Kultur". Mit dem Vorgänger, der ungeliebten Music Week, will man nach dem Neustart nicht mehr in Verbindung gebracht werden - denn statt um die wirtschaftlichen und strukturellen Aspekte soll es nun vor allem wieder um die Kunst gehen: mit Live-Performances, Konzerten, Gesprächen, Lesungen, einem Nachwuchsprogramm mit Workshops und der, wie es in der Pressemitteilung heißt, "interdisziplinären Vernetzung von Gästen und KünstlerInnen".

Workshops für den Nachwuchs

Die Künstler sollen aber nicht nur an einer der Berghain-Locations - darunter Panorama Bar, die Halle am Berghain, Schlackehalle, Kantine und Garderobe - auftreten, sondern sich mindestens noch an einer weiteren Facette des Festivals beteiligen. So wird beispielsweise der Elektronik-Innovator Matthew Herbert nicht nur sein neues Album "The Shakes" präsentieren, sondern auch an Workshops für den Nachwuchs und Diskussionsrunden teilnehmen.

Die großen Live-Acts wollen die Veranstalter zunächst noch nicht preisgeben, aber schon jetzt zeugt das Programm von einem Gefühl für Diversität: Die Pop-Veteranen New Order kommen fast komplett nach Berlin; Sänger Bernard Sumner stellt seine Autobiografie vor, während seine Band-Kollegen Stephen Morris und Gillian Gilbert sich zum Talk mit Mute-Records-Chef Daniel Miller und Komponisten-Enigma Owen Pallett treffen. Bianca Casady von CocoRosie stellt ihr Soloprojekt vor. Die Berliner Band Fenster wird ihr Album "Emocean" zusammen mit einem selbstgedrehten Film präsentieren. Die Schweizerin Sophie Hunger will mit zahlreichen Überraschungsgästen live auftreten.

Sven Regener und Andreas Dorau wollen ihr gemeinsamen Buch "Ärger mit der Unsterblichkeit" vorstellen. Zudem werden einige bekannte Stars in ungewohnter Rolle zu sehen sein, darunter Hollywoodschauspieler Elijah Wood, der als Teil des DJ-Duos Wooden Wisdom auftreten wird, oder der Isländer Ólafur Arnalds, der sein neues Duo Kiasmos vorstellt. Dazu kommen Nachwuchsbands wie Isolation Berlin, Schnipo Schranke und die aus Spanien stammende Band Hinds.

"Robbie Williams kommt nicht"

"Wir wollen mehr Kunst, weniger Schnittchen", sagte Katja Lucker, deren Musicboard das Festival per Berliner Haushaltsbeschluss 2014/15 übernommen hat, zu SPIEGEL ONLINE. "Musik, die man noch nicht gehört hat; Talks, in denen Musikmenschen und andere sich ernsthaft über den Status Quo austauschen, anstatt auf dem x-ten Panel über Streaming zu reden."

Zuständig ist nicht mehr wie bisher der Wirtschaftssenat, sondern die Senatskanzlei, die für "Pop-Kultur" ein Fördergeld-Budget von 660.000 Euro bereitgestellt hat, die Hälfte davon aus EU-Geldern. Entsprechend unabhängig von wirtschaftlichen oder publikumswirksamen Maßnahmen widmet man sich der Entdeckung noch unentdeckter Popkultur abseits des Mainstreams. Oder, wie es in einem auf der Festival-Homepage veröffentlichten 33 1/3-Punkte-Programm unter Punkt zehn heißt: "Robbie Williams kommt nicht."

"'Pop-Kultur' will nicht Museum sein, aber auch nicht Messe. 'Pop-Kultur' ist Gastgeber für alle, die neugierig sind", ergänzt Christian Morin, Leiter der Konzertagentur Headquarter Entertainment und Musikdramaturg an der Volksbühne. Morin kuratiert das Festival-Programm zusammen mit Lucker und dem ehemaligen Berghain-Booker Martin Hossbach. Für die erste Ausgabe des Festivals rechnet Lucker mit bis zu 10.000 Gästen und Teilnehmern, die sich über alle drei Tage verteilen.


Der Vorverkauf startet am Mittwoch, dem 29. April auf www.pop-kultur.berlin, anstelle des klassischen All-in-one-Tickets können sich die Gäste aus einzelnen Modulen einen individuellen Festival-Fahrplan zusammenstellen. Die jeweiligen Tickets kosten zwischen 5 und 25 Euro.

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peeka(neu) 15.04.2015
1. Hauptsache
der französische Donnerstag bleibt. Auf blöde Popstars kann ich verzichten.
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