Musik-Legenden: Günter Netzer, Bob Dylan und ich

Von Johannes Erasmus

An diesem Wochenende beendet Bob Dylan in Düsseldorf seine Deutschland-Tournee. Zahlreiche Legenden umranken die Karriere des mittlerweile 62-jährigen Songwriters. Auch seine Anhänger basteln sich zuweilen ihre ganz eigenen Dylan-Geschichten. Ein Erinnerungsbericht.

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können."
Jean Paul


Dortmund, Westfalenhalle 1978: Der Platz neben Netzer (links vorne) ist leer. Hanns Zischlers verlassener Sitzplatz?
Johannes Erasmus

Dortmund, Westfalenhalle 1978: Der Platz neben Netzer (links vorne) ist leer. Hanns Zischlers verlassener Sitzplatz?

Es war vor drei Jahren. Eine erlesene Runde bedeutender Herren feiert einen Geburtstag, zu mitternächtlicher Stunde. Gerhard Henschel ist unter den Anwesenden, Satiriker und Publizist, Willi Winkler ist da, Publizist, kurz vor der Vollendung einer Biografie, die, das kann man im folgenden Jahr lesen, unter anderem davon handelt, dass Bob Dylan Jesus ist. Noch manch anderer ist gekommen, auch Wiglaf Droste, Satiriker und Publizist.

Sehr wichtig sind diese Menschen, und so darf der Letztgenannte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wenige Tage später Zeugnis ablegen von ihrem denkwürdigen Beisammensein. Sonst eher der scharfzüngigen Gesellschaftsanalyse zugetan - man prangert mal dieses, mal jenes an, man haut mal diesen, mal jenen in die Pfanne -, ist Droste dieses Mal von geradezu wohlwollendem Gemüt. "Es ist wunderbar. Jenseits aller Moden bleibt die reine Substanz", bejubelt er das, was die Herren an diesem Abend erlebt haben. Was geht da vor? Was war geschehen?

Wenige Stunden zuvor hatten die Herren in der Berliner Arena einem Bob-Dylan-Konzert beigewohnt. Nun stießen sie an auf den Geburtstag des Künstlers, der am folgenden Tag 59 Jahre alt wurde.

Bereits vor dem Konzert hatte ein Expertentreffen stattgefunden, bei dem Hanns Zischler, Darsteller, Regisseur und Publizist, mit einer mittleren Sensation aufwarten konnte. Ergriffen rapportiert Droste: "Richtige Dylanologen sind am Start: Hanns Zischler berichtet, wie er Dylan 1983 in der Dortmunder Westfalenhalle sah, neben Günter Netzer sitzend, und wie ein Brite es geschafft habe, Dylan dazu zu bringen, "It's all over now, Baby blue" zu singen. In jeder Pause habe der Mann mit durchdringendem Cockney-Akzent seinen Wunsch hineingebrüllt, 'Baibey Blou! Baibey Blou!', immer wieder, nervtötend, dann habe Dylan das Stück unfassbarerweise wirklich gespielt."

In ein solches Satzgestrüpp gerät man nicht jeden Tag. Es ist zu viel auf einmal, deswegen Wiederholung in Zeitlupe: Wen oder was hat Hanns Zischler 1983 gesehen? Den Songwriter Bob Dylan, als dieser in der Dortmunder Westfalenhalle neben dem ehemaligen Fußball-Star Günter Netzer saß? Das dürfte Blödsinn sein. Gemeint ist wohl eher, dass Hanns Zischler 1983 bei einem Bob-Dylan-Konzert neben Günter Netzer gesessen hat. Was aber ist mit dem Briten, jenem Mann mit dem Cockney-Akzent? War der auch in der Dortmunder Westfalenhalle, damals, als Hanns Zischler neben Günter Netzer saß? Oder berichtet Zischler via Droste in diesem Fall von einem anderen Dylan-Konzert? Ganz deutlich wird es nicht. Gott sei Dank.

Dieser ganze Quatsch ist seitdem skrupellos nachgedruckt worden, gerade wieder in Drostes Taschenbuch "Die Rolle der Frau und andere Lichtblicke", sogar ergänzt um die Mitteilung, dass Dylan sein Lied "Forever Young" laut Zischler 1983 "mit den Worten 'for Marlene' angekündigt hatte".

1983. 1983?

1983 hat Bob Dylan weltweit kein einziges Konzert gegeben.

Bei einer Autogrammstunde von Günter Netzer, nicht sehr lange her, vielleicht zwei Jahre, jedenfalls nach jenem unerquicklichen "FAZ"-Artikel: Ein wenig peinlich war die Frage schon. "Kann ich kurz mit Ihnen über Bob Dylan sprechen?" - "Über Dylan jederzeit", hat Netzer freundlich geantwortet. So habe ich erfahren, wie oft er bei Bob Dylan war: ein Mal.

Also gut, ich erzähle jetzt, wie es wirklich war mit Günter Netzer und Bob Dylan.

Ein Montag vor 25 Jahren. Das halbe Leben schiebe ich zur Seite. 26. Juni 1978. Der Sommer nach dem deutschen Herbst. Noch einmal die Fahrt von Hamburg nach Dortmund zum ersten Konzert Bob Dylans in Deutschland, mit Liisa, mit Sabine und mit Martin.

Irgendwo zwischen Bremen und Münster sind wir auf einen Rastplatz gefahren. Kurz danach rauschte auf der Autobahn ein schwarzer Sportwagen vorbei. Ein Ferrari, wir waren sicher. "Das war Günter Netzer", hat Martin geulkt, "der fährt auch zum Dylan-Konzert nach Dortmund."

Anfang 1978 war Günter Netzer nach Beendigung seiner aktiven Fußballerlaufbahn zum Hamburger SV gekommen. Ursprünglich hatte er nur die Stadionzeitung "auf Vordermann bringen" wollen. Es folgte die beste Zeit des Hamburger Fußballs überhaupt: Drei Meisterschaften, der Europapokal der Landesmeister; die Spieler: das "Kopfballungeheuer" Horst Hrubesch, der Däne Lars Bastrup, den man verpflichtete, obwohl ihm der Ruf vorauseilte, ein Kommunist zu sein, Beckenbauer, aus New York in die Bundesliga heimgeholt; die Trainer: Branko Zebec, der tragische Alkoholiker, und Ernst Happel, der genialische Stoiker. Und über allem Netzer, der Manager.

Bob Dylan 1978 in Dortmund: Kein "for Marlene", kein Cockney-Akzent, nirgends
Johannes Erasmus

Bob Dylan 1978 in Dortmund: Kein "for Marlene", kein Cockney-Akzent, nirgends

Als wir weiterfuhren, regnete es. Wir waren ohne große Erwartungen unterwegs. Was man gehört hatte im Vorfeld der Tournee, war wenig verheißungsvoll. Erst jetzt, da er sich anschicke, ein Schlagerfuzzi zu werden, komme Dylan nach Deutschland, hieß es. Immerhin: Irgendjemand hatte erzählt, dass in seiner Band eine dunkelhaarige Schönheit im Zigeunerlook völlig weltentrückt Geige spielt: Scarlet Rivera.

Am frühen Nachmittag parkten wir das Auto in der Nähe der Westfalenhalle. Hatte es aufgehört zu regnen? Am Abend nahmen wir zeitig unsere Plätze ein - "in der dritten Reihe", sagen Liisa und Sabine heute, in der "sechsten Reihe", meint Martin. Ich glaube, es war die fünfte Reihe. Nach einigen Minuten standen die Leute in der Reihe vor uns auf und ließen zwei Ankömmlinge durch, die sich direkt vor uns setzten: Günter Netzer und seine damalige Freundin Hannelore Girrulat. Es gibt diese Momente im Leben, da man denkt: "Das ist jetzt nicht die Realität, das träume ich. Lieber Gott, lass mich wach werden", und meistens sind das ziemlich schlimme Momente. Manchmal denkt man aber: "Lieber Gott, lass mich jetzt nicht wach werden." So war es damals. In Dortmund. 1978.

Ich versuche mir vorzustellen, wie auch Hanns Zischler sich durch die Reihe vor uns drängt und neben Günter Netzer Platz nimmt. Oder vielleicht schon auf dem Platz sitzt, kurz aufsteht, Netzer und seine Freundin vorbeilässt, sich wieder setzt. Hätte ich ihn nicht erkennen müssen? Zischler, Rüdiger Vogler und Lisa Kreuzer in dem Wenders-Film "Im Lauf der Zeit", ich habe die Gesichter noch heute vor Augen. Hatte ich den Film nicht damals schon mindestens drei Mal gesehen? Allein, es hilft alles nicht. Keine Bilder mehr.

Das Konzert: Grandios, vom Anfang bis zum Ende. Bob Dylan war länger als zehn Jahre für uns eher ein Gerücht gewesen als ein lebender Mensch. Und jetzt stand der Mann, von dem man kaum etwas wusste, obwohl man sich gelegentlich am Hauptbahnhof beim Internationale Presse-Kiosk englische und amerikanische Musikzeitschriften holte, da auf der Bühne, nur wenige Meter entfernt. Und er sang die Lieder, die ich bis dahin nur gehört hatte, wenn ich einer umgehend zerkratzten LP den Kristall-Tonabnehmer meines Dual-Plattenspielers zumutete oder eine bald rauschende Kassette in das Grundig-Tapedeck schob. "Mr. Tambourine Man", "Shelter From The Storm", "Tangled Up In Blue". Geradezu phantastisch erschien mir die Akustik in der riesigen Westfalenhalle.

Nach "Going, Going, Gone" gab es eine Pause. Damals durfte man noch Fotoapparate mit ins Konzert nehmen. Wir haben Fotos von Netzer in der Reihe vor uns gemacht. Neben Netzer sitzt Hannelore Girrulat. Zu seiner anderen Seite: Hanns Zischlers verlassener Sitzplatz? Der Mann auf dem folgenden Platz. Hanns Zischler? Unmöglich.

Nach der Pause: "Rainy Day Women # 12 & 35", als Instrumental-Version, gleich darauf "One Of Us Must Know (Sooner Or Later)", ein Lied darüber, dass man sich manchmal etwas vormacht. Als letztes Stück (vor den Zugaben) spielt die Band tatsächlich "Forever Young", und vorher sagt Dylan einige Worte. Die ominöse Marlene-Widmung? Findet sich vielleicht doch noch ein Beleg dafür, dass Zischler 1978 in Dortmund war und sich lediglich im Jahr geirrt hat? Noch mal zurückspulen die Kassette mit dem Live-Mitschnitt. "Thank you", sagt Dylan, "we had a good time tonight and I hope you did. We gotta head out now so we'll be here tomorrow night. Maybe we'll see you then." Ein höflicher Hinweis auf das zweite Dortmund-Konzert am folgenden Tag. Das war's, kein "for Marlene". Und der "nervtötende" Brite? Kein Cockney-Akzent, nirgends. Es ist fast schon egal, dass Dylan "It's All Over Now, Baby Blue" an jenem Abend gar nicht gesungen hat.

Mein Lieblingslied von Dylan war damals "Queen Jane Approximately". Das hat er auch nicht gespielt, aber ich war keineswegs traurig deshalb. Schon eher, weil die geheimnisvolle Scarlet Rivera nicht dabei war. David Mansfield hat Geige gespielt, er trug einen Frack. Man kann nicht alles haben.

P.S.:

Ich habe Günter Netzer vor zwei Jahren nicht gefragt, wie er damals nach Dortmund gekommen ist. Wahrscheinlich will ich es auch gar nicht wissen.

Nachtrag (am 13.11.03)

Rekonstruktion wird schon mal zur Dekonstruktion, und einem Traum folgt zuweilen tagelange Grübelei. Waren wir vor 25 Jahren wirklich in Bob Dylans erstem Deutschland-Konzert?

Und so zerschlägt man Märchen, wenn es sein muss, auch die eigenen: Irgendwann hatte ich mal von einem Fernsehfim über Dylans Auftritt am 26. Juni 1978 gehört. Jetzt habe ich ihn gesehen. Ein "Tagesthemen"-Beitrag, er ist im Archiv nur noch als Fragment erhalten, mit wenigen Bildern von Dylans Auftritt. Der Sänger trägt in dem Film unter seiner dunklen Lederjacke nicht die helle Weste, die auf dem Foto zu sehen ist. Kaum anzunehmen, dass er sie während des Konzertes angezogen hat. Wir sind - nach aller Wahrscheinlichkeit - wohl doch am 27. Juni nach Dortmund gefahren und haben das zweite Bob-Dylan-Konzert in Deutschland gesehen.

Das Programm weicht nur bei zwei Liedern ab. Auch im Mittschnitt dieses Konzerts findet sich keine "for Marlene"-Widmung vor dem Song "Forever Young" ("Thank you, we're gonna head on out of here now, so until we meet here again"), kein "It's All Over Now, Baby Blue", kein Ton von irgendeinem Briten mit Cockney-Akzent. Es gibt kein Paradies, aus dem man sich nicht selbst vertreiben kann.

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