Musik-Messe Midem Krise? Welche Krise?

In Cannes berät die Musikbranche über ihre eigene Zukunft. Die schlechte Nachricht: Alles ist möglich. Die gute Nachricht: Alles ist möglich. Sicher ist nur: Wer gegen den Willen der Kunden handelt, ist raus. Und wer nicht schnell handelt, auch.

Aus Cannes berichtet Ralf Dombrowski


Chuck D bringt es auf den Punkt: "Nicht das Musikgeschäft ist in Schwierigkeiten, sondern die Plattenindustrie." Dann poltert der Rapstar, der vor zwei Jahrzehnten als Bürgerschreck mit Public Enemy seine Karriere begann, auf dem Podium des Internetkongresses der Branchenmesse Midem in Cannes weiter: "Also, ich habe auf die digitale Technologie nur gewartet. Früher war ich von irgendwelchen Labelleuten abhängig, um meine Musik nach Afrika oder Südamerika zu bringen. Das mache ich mit dem Internet inzwischen selbst." Alles halb so wild, ist die Botschaft, es geht voran, einer ungewissen, aber aufregenden, globalen Zukunft entgegen. Mehr denn je scheint da das Bild des Marktplatzes für das Geschäftsgebaren im Web 2.0 zu passen. Denn gehandelt wird mit allem, was in absehbarer Zeit Profit verspricht. Und der Blick auf das vergangene Jahr und die Gegenwart zeigt, dass ein Strukturwandel eingesetzt hat, der die Voraussetzungen für Erfolg in rasantem Tempo verändert.

Kopierschutz ist schon nicht mehr das Thema auf der Midem. Digital Rights Management (DRM), der Klumpfuß des MP3-Downloads, wurde 2007 zur Nebensache und mit verspäteter Erkenntnis der Major Companies als konsumfeindlich abgeschafft. Eine kleine Revolution, eigentlich, aber nur eine von vielen Entwicklungen. Während der vergangenen Monate wurden Labels zu Händlern und TV-Kanälen (Universal und Comes with Music, SonyBMG demnächst mit Play Now/Play Now uncut). Konzert-Agenturen verwandelten sich in Plattenfirmen, die Künstler komplett unter Vertrag nahmen, vom Merchandising bis zum kommenden Album ( Live Nation und der Madonna-Deal).

Mobilfunkfirmen wiederum entwickelten sich zu Medienkonzernen (Nokia Music Store) und umgekehrt (iPhone), während die Avantgarde-Rocker von Radiohead die Download-Gemeinde selbst bestimmen ließen, was die für deren Lieder bezahlen wollte. Tauschbörsen mutierten zu werbegestützten Musikportalen (Napster, Qtrax, We7) - auch wenn die Rechtefragen nicht endgültig beantwortet sind. Das legt zumindest die Dementierung der Verträge über die Zusage von Musikdownloads der drei Major Companies Warner, EMI und Universal an das P2P-Portal Qtrax nahe, kurz nachdem dessen Chef Allan Klapfisz auf der Midem den Start der Seite verkündet hatte. Abo-Dienste wiederum dienen sich als Entertainment-Anbieter für Handy-Nutzer (RealNetworks, Omnifone) an und Fans werden zu Financiers ihrer Lieblings-Newcomer (Sellaband). Und alle würden am liebsten an die virtuellen Kuschelgruppen der Blogosphere wie Facebook, Orkut oder Bebo andocken, schon wegen der globalen Mundpropaganda, die ja mehr bewirken kann als jedes Werbebanner.

Grauzone der Amateure

Hinter solch hektischem Treiben auf dem Basar der geschäftlichen Optionen steht die Einsicht, dass sich überflüssig macht, wer gegen den Willen der Kunden handelt. "Die gute Nachricht ist: Alles ist möglich", meint Bob Ezrin, der Mann hinter Live Nation Recordings, der einst als Produzent Alben wie Pink Floyds "The Wall" zu verantworten hatte, und fügt hinzu: "Und die schlechte Nachricht ist: Alles ist möglich!" Der technische Fortschritt hat Gedankenspiele der Demokratisierung des Musik-Konsums, mit denen Visionäre der achtziger Jahre wie der MP3-Entwickler Karlheinz Brandenburg antraten, zu einer Wirklichkeit gemacht, die bildungsbürgerliche Denkgewohnheiten der Vergangenheit erodieren lassen.

So wie die Plattenfirma als ein allein auf Produktion und Verkauf spezialisiertes Unternehmen ins vergangene Jahrhundert gehört und nun das Geschäftsmodell eines rundum den Künstler vermarktenden Dienstleisters gilt, trifft auch das Prinzip des Copyrights nur noch einen Ausschnitt des Phänomens. Eine Firma wie Jamendo etwa bietet auf der Grundlage der Idee der Creative Commons (CC) eine Plattform lizenzierter Nutzung der Musik, die gratis ist, solange sie nicht kommerziell eingesetzt wird.

Damit wird die Grauzone der Amateure, des "User Generated Content", aber auch des bereits freigegebenen professionellen Materials neu ausgeleuchtet, für das das traditionelle Urheberrecht hinderlich wäre. Künstlerische Arbeit wird erst dann zu "geistigem Eigentum", wenn sie quantifizierbaren Mehrwert generiert. Der Tausch von Files ohne kommerziellem Hintergrund ist unter dieser Voraussetzung nur mehr schwer zu kriminalisieren, und die experimentierenden Kids (und künftigen Kunden) am Rechner werden nicht zwangsläufig zu Straftätern, während die Vorstellung vom Wert kreativen Schaffens an sich zunimmt. Schließlich kann jeder, der auf Jamendo seine Musik oder bei Flickr seine Bilder unter CC-Standard zur Verfügung stellt, die Erfahrung machen, dass seine Produkte von anderen wertgeschätzt und honoriert werden.

Abseits des Rampenlichts wachsende Märkte

Der Kreis schließt sich damit zum chinesischen Geschäftsmodell, das künstlerisches Schaffen als Teil der Persönlichkeit versteht und diese als Ganzes vermarktet. Denn Kunst ist Kunst, nicht weil sie Kunst ist, sondern weil sie zu jemandem gehört und als dessen Teil wahrgenommen wird. Hier kommen auch freundliche Herren wie Zhang Xin Jian ins Spiel, der als offizieller Gesandter des Kultusministeriums in Peking "the fastest growing middle class" (Chuck D) in Cannes vertritt und alle internationalen Geschäftsleute mit einem Lächeln im Gesicht einlädt, nach China zu kommen. Schließlich sei man inzwischen eine offene Gesellschaft, bereit, von allen Kulturen zu lernen und deren Kunst zu importieren, solange sie mit der eigenen harmoniere.

Da passt auch der Musik-, Label- und Internetpionier Peter Gabriel wieder in den Rahmen. Die "Personality Of The Year 2008" der Midem träumt weiterhin von der Demokratie der künstlerischen Mittel im weltweiten Netz und promoted nicht nur sich selbst als Marke sondern mit We7.com auch eine von ihm mitgegründete Musikplattform im Netz, nachdem die vorangegangene OD2 so gut ging, dass Nokia sie vor einigen Monaten erworben hatte.

Neben den schwer quantifizierbaren Visionen lassen Manager wie Rob Lewis vom britischen Mobilfunk-Musikanbieter Omnifone oder der Nokia-Technikchef Tero Ojanperä die Euro-Zeichen in den Augen der Professionals leuchten. Einerseits versprechen sie, den ganzen Back-Katalog über Musik fürs Handy zum vierten Mal verkaufen zu können (nach Vinyl, CD und MP3), zum anderen kündigen sie angesichts 1,1 Milliarden weltweit verkaufter Mobiltelefone anno 2007 und steigender Prognosen für das laufende Jahr die Entertainment-Offensive der Mobile Music an. Von stabil abseits des Rampenlichts wachsenden Märkten wie der Musik für Spiele und Werbung ganz zu schweigen.

Unterm Strich also behält Chuck D Recht: Die Musikindustrie ist nicht wirklich in der Krise. Sie verwandelt sich nur schneller, als manch einer reagieren kann.



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