Musik-Nomade Khan Elektrischer Cowboy

In New Yorker Clubs tanzte er nackt auf der Bühne, in Berlin bereitete er den Boden für Elektroclash-Ikonen wie Peaches. In Schubladen pressen lässt sich Khan jedoch nicht. Auf seinem neuen Album lotet der türkisch-finnische Musiker Genre- und geographische Grenzen aus.

Von Uh-Young Kim


In der Popmusik treiben sich heute mehr Klischees denn je herum. Wurden hier einst Leidenschaften und Differenzen ausgehandelt, bedient man sich mitterweile einfach an einer Palette veritabler Alleinstellungsmerkmale. Der Druck des Marktes ist inzwischen auch unten angekommen: Ganz von selbst übernehmen Musiker die Act-Designs der Marketingabteilungen. In vorauseilendem Gehorsam sitzt die Frisur des ambitionierten Indierockers tadellos nachlässig im Gesicht. Rapper phantasieren sich in Gangstertypen aus Scorsese-Filmen hinein, obwohl Mutti eigentlich immer gut zu ihnen war. Und früher oder später landet jede Celebrity in der Reha, während Blogstars den Traum vom kometenhaften Aufstieg potenzieren.

Am Horizont dieser im Grunde sehr öden Szenerie reitet ein Mann auf einem Muli entlang. Sein Gesicht ist von einer strohblonden Perücke verdeckt. Ein anderes Mal lehnt er im schwarzen Smoking und mit Hasenohren an einem Wohnwagen. Wie vom Himmel gefallen (oder der Hölle entstiegen) präsentiert sich der als Khan bekannte Musiker Can Oral im Booklet seines neuen Albums. Ansonsten kommt man mit Vergleichen nicht sonderlich weit. Sein Album "Who Never Rests" ist der bizarr schillernde Ausdruck eines analogen Unikats in der Ära der Austauschbarkeit. Unbeirrt überschreitet der rastlose Nomade seit zwei Dekaden Staatsgebilde, Genregrenzen und anderen Identitätzirkeln.

Schon früh verspürte der türkisch-finnische Musiker aus Frankfurt ein Unbehagen mit Szenen oder gar Nationen: "Es gibt wenig, auf das ich mich verlassen kann. Während es für viele selbstverständlich ist, mit ihrem deutschen Pass sorglos zu verreisen, musste ich überhaupt erstmal herausfinden, wie ich mit meinem damaligen türkischen Pass von A nach B komme." Rassistische Erfahrungen mit Grenzbehörden haben ihn schon früh skeptisch gegenüber Revieransprüchen jeglicher Art gemacht. Vielleicht steht Khan heute gerade deshalb als Überlebender etlicher Hypes des Kulturbetriebs da.

Zu Zeiten der ersten Techno-Generation produzierte er Ravehymnen, bevor Weggefährten in Drogen versumpften und die Love Parade zum Volksfest mutierte. Jetzt, da Khan in Berlin lebt, achtet er darauf, nicht in den Schlund der gefräßigen Hauptstadtmarke "B" zu geraten - obwohl er mit seinen impulsiven Solo-Shows vorbildlich für die Elektro-Clash-Ikone Peaches und andere Mitte-Sternchen war. "Ich bin kein stadtverliebter Künstler, der auf dem Montmartre wohnt, um sich inspirieren zu lassen. Außerdem bin ich nicht so der Szenetyp", behauptet Khan. Dennoch ist er in der Stadt bekannt wie ein bunter Hund. Sobald aber eine Idee zur Masche wird, macht er sich auf der nächsten Ausfahrt davon.

Anfang der Neunziger zog es den modernen Vagabunden mit seinem finnischen Kollegen Jimi Tenor nach New York. Dort verdingte er sich als Sextelefonist, eröffnete einen Plattenladen und nahm Musik mit den Grenzgängern der Metropole auf. Daraus entwickelte sich ein nicht definierbares Stilkonglomerat aus düsteren Blues-Anleihen, exzessiven Glamrock-Posen und Dance-Music-Tracks, deren Grammatik er souverän beherrscht. Als Produzent, Sänger, Performer und Songwriter hat sich Khan - unter zwanzig weiteren Pseudonymen - einen musikalischen Freiraum erschlossen, der weit über den Fun-Imperativ der Clubkultur und den Rebellengestus der Rockmusik hinausweist.

Auch deshalb taucht kaum eine andere Figur regelmäßig in so verschiedenen Kontexten auf - sei es auf einem Sampler zu Ehren des Fluxuskünstlers Dieter Roth, aktuellen Technobrettern von Alexander Kowalski, an der Seite von Rock'n'Roller Jon Spencer, David-Lynch-Muse Julee Cruise oder der griechischen Operndiva Diamanda Galás. Gerade begleitet sein Trio "Khan of Finland" das isländische Elektro-Kollektiv Gus Gus auf ihrer Clubtour.

Statt es sich im geschlossenen Terrain einer eingeschworenen Gemeinschaft bequem zu machen, arbeitet Khan mit dem, was er auf seinen Wegen vorfindet. Als der ehemalige New Yorker Bürgermeister Robert Guiliani vor einigen Jahren mit einer Wiederauflage des "Cabaret Law" das Nachtleben trocken legte, schöpfte der für seine Stripeinlagen berüchtigte Vollblutentertainer den Freiraum auf der Bühne voll aus: "Als Antwort auf die Tanz- und Entkleidungsverbote hat das Ausziehen Sinn ergeben. Ich habe das nicht gemacht, um meinen Arsch zu zeigen. Nur ein bisschen vielleicht."

Dabei bringt sein Glamour selbst die verstockteste Vernissage zum schamlosen Kontrollverlust. Nie verschwindet die reale Person ganz hinter der Kostümierung. Der vermeintliche Gegensatz zwischen authentischer Persönlichkeit und Konzeptfigur hebt sich im spielerischen Charme seiner Konzerte auf. Die Kunst der Ausgelassenheit hat Khan im Duo Captain Comatose auf die Spitze getrieben. Nun entfernt er sich vom ewig gleichen Feierexzess: "Montag morgens kommt man sich in Berliner Clubs wie in Michael Jacksons "Thriller" vor. Irgendwann kann einem gute Laune ziemlich auf die Nerven gehen."

Auf seinem neuen Album geht er einen Schritt weiter: "Ich bin von der Party über den Sex nun an dem Punkt angekommen, wo ich mich frage, was kommt danach?" Sein exaltierter Gesang reißt Wunden der Vereinzelung und Ortlosigkeit auf. Das Dilemma aus gleichzeitigem Heim- und Fernweh löst sich für Momente im dynamischen Nebeneinander von satten Bässen, Diskoglocken, Funkstörungen und Heavy-Metal-Riffs auf. An der Schnittstelle von Dancefloor, Dark Room und Drama tänzelt Khan so sesshaften Kollegen davon: "Das Sicherheitsdenken vieler Musiker funktioniert bei mir nicht. Ich bin einfach eine andere Kreatur und habe das zu schätzen gelernt."

Einmal im Monat sehnt er sich jedoch nach einem Ort weitab vom hiesigen Trubel um Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit: Mexiko City. Dort hat er schon einige Winter verbracht. Immer mehr gefällt ihm die Vorstellung, in dem gigantischen Moloch umherzudriften und eines Tages einfach zu verschwinden.



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