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10. November 2011, 17:14 Uhr

Musik vom Hofe Friedrichs des Großen

Des Königs Flötentöne

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Klingt wie beim Alten Fritz: Friedrich der Zweite von Preußen war nicht nur ein begabter Flötist, er konnte sogar anständige Stücke komponieren. Der Virtuose Emmanuel Pahud stellt dieses Talent des Regenten vor - und auch dessen Grenzen.

Popularität hat ihren Preis: Wenn man als "Alter Fritz" und Oberpreuße erstmal zum historischen Volksgut geworden ist, muss man sich heutzutage auch mal als "Flötenkönig" ankumpeln lassen. Dem Flötisten Emmanuel Pahud, einem veritablem Könner auf seinem Instrument, darf man diese Verkleinerung von Friedrich dem Großen schon mal verzeihen, zumal sie sich bestimmt die Marketingstrategen seines Labels EMI ausgedacht haben.

Was soll man auch machen in Zeiten wegbröselnder CD-Verkäufe und der Überalterung des Publikums - da muss offenbar gescherzt werden. So schön und offenbar selbstironisch wie der Flötist Pahud auf dem Cover seines neuen Doppelalbums posiert, da möchte man glatt die Nase rümpfen und das Werk in die Geschmackstonne treten. Was aber ein Fehler wäre, denn so schnöde das Album optisch erscheint, so gediegen präsentiert es sich inhaltlich. Und wird der preußischen Majestät dann doch wieder gerecht.

Er war ein Multimedia-König: Friedrich der Zweite von Preußen ist uns nicht nur durch seine politischen Handlungen und Schriften überliefert (die deutsche Ausgabe umfasst zehn Bände, inklusive eines Gedichtbandes), er lebt als Image des reinen Preußentums fort; zudem gelang es ihm, auch ein musikalisches Erbe anzuhäufen. Und nun ist auch diese Facette des begabten Flötisten Friedrich in künstlerischer Darstellung präsent: Adolph Menzels Gemälde "Flötenkonzert von Sanssouci", eines der markantesten Bildnisse dieser Zeit, zeigt Friedrich den Großen in musikalischer Aktion und angemessener Inszenierung - ein Virtuose im Leben und in der Musik.

Preußentum hat Pause

Dabei wollte er nicht nur spielen: Friedrich komponierte auch für sein Instrument. Dass er das gar nicht übel verstand, zeigen erneut ein paar Werke, die Emmanuel Pahud jetzt neu interpretiert hat. Alles Militärische und Disziplinierte hat Pause, Friedrich kultivierte in dieser Musik seine sensible Seite. Da wird kein preußischer Marsch geblasen, Feinsinn regiert.

Der Schweizer Emmanuel Pahud, Jahrgang 1970, gehört zur ersten Garde der Flötisten, und natürlich meistert er die zwei auf der CD vertretenen Stücke vom "Alten Fritz" mit Bravour. Das schlanke dritte Konzert für Streicher und Flöte sowie die h-moll-Sonate für Flöte und Basso Continuo serviert Pahud mit behutsamer Delikatesse - als spüre er Geheimnissen nach, die dann doch nicht zu finden sind. Ein Genie war der König dann doch eher auf politischem, nicht auf kompositorischem Terrain.

Dennoch machen die Stücke enormen Spaß, auch von Vivaldi ist ja nicht jede Komposition epochal. Pahud wird bestens unterstützt vom Barock-Spezialisten Trevor Pinnock, dessen Dirigate ebenso wie sein Cembalo-Spiel die zeitgenössische Barockmusik-Rezeption entscheidend geprägt haben.

Der Feldherr steht zu seinem Spiel

Doch das ist nur ein Aspekt der üppig und bunt bestückten Doppel-CD. Johann Sebastian Bach ist mit einer Komposition aus dem "Musikalischen Opfer" vertreten, das er seinerzeit für Friedrich den Großen schrieb, und damit ist zwischendurch eine Fallhöhe installiert, gegen die die übrigen Werke locker verblassen. Auch Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel, der als Mitglied der königlich preußischen Hofkapelle wirkte, kommt mit seinen rasanten Beiträgen nicht ganz an die Verve und den Erfindungsreichtum seines Vaters heran. Ganz zu schweigen von den braven, wenn auch effektvollen Werken etwa von Friedrichs Flötenlehrer Johann Joachim Quantz oder des Böhmen Franz Benda, der ebenfalls in musikalischen Diensten Friedrichs des Zweiten stand.

Es ist leicht nachzuvollziehen, was einen agilen Macher wie Friedrich zur Flöte und nicht etwa zu Cembalo oder zur Violine trieb. Das Feldherrische des gestandenen Flötenspiels fasziniert einfach in Verbindung mit der Eleganz des Tons. Und was in Preußen Musikgeschichte, Instrumentenkunde und Stilistik der Kompositionen verbindet, das ist in einem vorbildlichen Booklet zur CD alles perfekt erzählt. Authentisch ist es obendrein, denn Emmanuel Pahud selbst erklärt, was ihn zu Friedrich, seiner Musik und der Flöte geführt hat - so detailliert, dass es eine Freude ist. Genug Lesestoff für das Repertoire zweier langer CDs - nicht bloß pädagogisch wertvoll, sondern durchaus animierend. Da hat dann die oft als antiquiert geschmähte Darreichungsform CD wieder ihre Bedeutung. "Respekt!" würde man heute sagen.

Emmanuel Pahud: FlötenKönig. Friedrich der Große - eine Widmung. 2 CDs, Emi Classics

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