Abgehört-Spezial Wunderbarer Christmas-Klamauk

Depressives von Düster-Finnin Tarja, Hochglanzpop von Gwen Stefani oder Sia, Fanklub-Kuriositäten von den Beatles: Hier sind die Pop-Weihnachtsplatten, mit denen Sie unterm Tannenbaum glänzen!

Sia-Album "Everyday is Christmas"

Sia-Album "Everyday is Christmas"


The Beatles: "Christmas Records"
(Apple/Universal)

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Vor langer Zeit, als soziale Netzwerke noch Science Fiction waren, schienen Popstars unnahbare Wesen aus fremden Universen zu sein. Eine Illusion von Nähe boten Fanclubs, die zu Weihnachten ganz analog Autogrammkarten verschickten und manchmal auch ein Geschenk. So wie bei den Beatles. Als die Karriere der fabelhaften Vier so abhob, dass die Fanpost nur noch in Säcken kam, belohnten sie die getreuen "Beatle People" mit exklusiven Weihnachtsplatten, die der Fanclub von Dezember 1963 bis Dezember 1969 verschickte. Heute sind diese Artefakte rare Sammlerstücke, die nun erstmals offiziell neu aufgelegt wurden - auf kunterbuntes 7"-Vinyl gepresst, in den reproduzierten Hüllen von einst, gesammelt in einer selbstverständlich limitierten Box.

Andreas Borcholtes Xmas-Playlist 2017
SPIEGEL ONLINE

1. Aimee Mann: Whatever Happened To Christmas?

2. LCD Soundsystem: Christmas Will Break Your Heart

3. Slow Club: Christmas Thanks For Nothing

4. Nat King Cole: The Little Boy That Santa Claus Forgot

5. Tom Waits: Christmas Card From A Hooker In Minneapolis

6. Low: Taking Down The Tree

7. Clarence Carter: Back Door Santa

8. Run DMC: Christmas In Hollis

9. James Brown: Santa Claus Go Straight To The Ghetto

10. Eagles: Funky New Year

Wer dabei nun allerdings auf verlorene Weihnachtssongs der Beatles hofft, wird enttäuscht sein. Stattdessen gibt es sieben Platten voll von wunderbarem Klamauk, der streckenweise an Monthy Python erinnert. John, Paul, George und Ringo wünschen stets Frohe Weihnachten, albern herum und trällern kurz das eine oder andere Lied - so wie etwa den Klassiker "Christmas Time (Is here again)". Auf ihrer letzten Fanclub-Platte war auch Yoko Ono dabei, und die Stimmung hörbar frostig. Kein Wunder, dass danach Schluss war. Christoph Dallach

Gwen Stefani: "You make it feel like Christmas"
(Universal)

Anfang Oktober, als in den Supermärkten die ersten Lebkuchen in die Regale geräumt wurden, erschien auch Gwen Stefanis Weihnachtsalbum. Die turboblonde Kalifornierin, die sich einst als Sängerin der Rockband No Doubt ins Rampenlicht arbeitete, hat sich mit den Jahren in eine Pop-Diva alter Schule verwandelt. Also war es nur eine Frage der Zeit, wann sie sich an diesem Genre versuchen würde. Sechs eigene Songs rundet sie auf ihrem Feiertags-Werk mit sechs Klassikern zum Dutzend auf. "Jingle Bells, "White Christmas", "Santa Baby" oder "Silent Night" erklingen exakt so perfekt aufgekratzt und aufpoliert, wie man es von ihr erwartet. Überraschend gelungen ist ihre Version von George Michaels "Last Christmas", das sie wie eine retroselige Phil-Spector-Produktion aufbereiten ließ. Ihre sechs eigenen Songs haben zwar nicht das Zeug zu Klassikern, stören auch nicht weiter. Fans können auf ihrer Webseite obendrein Christbaumkugeln und Weihnachtskarten ordern. Christoph Dallach

Tom Chaplin: "Twelve Tales of Christmas"
(Universal)

Von den erfolgreichen britischen Bands der jüngeren Vergangenheit wurden wohl nur Keane mit noch mehr Verachtung gestraft als Coldplay. Kein Wunder: Die Bandmitglieder entstammen der sogenannten Upperclass, besuchten Privatschulen und spielen gern Golf. Nach "Rock" klang ihre Musik sowieso nie, weil sie zu viele Keyboards und zu wenig Gitarren nutzten. Und Tom Chaplin sang immer so weinerlich, als habe er gerade eine Partie Schach verloren. Nach mehr als zehn Millionen verkauften Alben liegt die Band derzeit auf Eis, weil Chaplin nach psychischen Problemen und Drogenabstürzen eine Auszeit brauchte. Sein zweites Soloalbum hat er nun mit einem Dutzend Weihnachtsliedern im weiteren Sinne gefüllt, die - Potzblitz! - gut gelungen sind. Die Stimmung verheißt Melancholie deluxe, der Sound ist getragen elegant und sehr, sehr britisch. Chaplin spart sich die üblichen Christmas-Klassiker und bietet stattdessen eigene Songs wie "We Remeber You This Christmas" oder "Another Lonely Christmas". Dazu kommen tatsächlich überraschende Coverversionen wie "2000 Miles" von den Pretenders oder "Stay Another Day" von East 17. Ein Album das in diesen Tagen bei gehobenen britischen Herrenausstattern rauf und runter laufen wird. Christoph Dallach

Sia: "Everyday is Christmas"
(Warner)

Greg Kurstin zählt zu den großen Strippenziehern im amerikanischen Pop-Zirkus. Der Produzent und Songwriter der mal mit der unterschätzten Band Geggy Tah bekannt wurde, liefert mittlerweile Bestseller auf Bestellung für Kollegen wie Adele ("Hello"), Pink, Kelly Clarkson, Katy Perry, Shakira oder die Foo Fighters. Auch mit der Australierin Sia Furler war er immer wieder im Studio. Die als Sia bekannte Künstlerin versorgt quasi nebenher auch bedürftige Kollegen wie Rihanna mit Hits wie "Diamonds". Nun haben sich die beiden Bestseller-Profis für ein Weihnachtsalbum zusammengetan. Dass hier keine einzige Coverversion geboten wird, versteht sich von selbst, das hat dieses Power Couple nicht nötig. Ihre zehn Eigenkompositionen klingen so kurzweilig wie vorhersehbar: Popsongs über schmelzende Schneemänner und ewige Liebe unter dem Weihnachtsbaum, die so perfekt produziert sind, dass sie weder alt noch modern daherkommen. Vermutlich werden die Autoren in den kommenden Jahren von vielen Kollegen für Weihnachtsplatten gebucht werden. Christoph Dallach

Tarja: "From Spirits and Ghosts"
(Edel)

Wer Weihnachtsbäume am liebsten abfackeln würde, Kreuze gerne umgekehrt aufhängt und überhaupt den ganzen festlichen Klimbim im Dezember zum Teufel wünscht, kann sich mit der Weihnachtsmusik dieser Finnin trösten. Die kam einst groß raus als Sängerin der "Symphonic Metal"-Band Nightwish. Vor einigen Jahren nahm sie nach allerlei Zank ihren Hut. Ihr erstes Soloalbum war dann gleich eine Weihnachtsplatte, was ihr Spaß gemacht haben muss, denn nun legt sie ein zweites Festtagswerk nach. Auf dem Cover schaut sie finster drein wie eine Game-Of-Thrones-Statistin, die morgens Krähenblut trinkt, aber musikalisch ist sie ganz lieb. Tarja gebietet über eine eindrucksvolle Sopranstimme, die ihre elf schwelenden Weihnachtsballaden trägt. Die nebligen Versionen von "O Tannenbaum", "Feliz Navidad" oder "We wish you a merry Christmas" sind tatsächlich ein Vergnügen der surrealen Art und sollten am besten in Adventsnächten in einsamen Spukhäusern genossen werden. Winter is coming! Christoph Dallach

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