Musikblog awesometapes.com Afrika zum Vor- und Zurückspulen

Die Musik eines Kontinents auf Tape: Aus den Mitbringseln diverser Afrikareisen hat der US-Ethnologe Brian Shimkovitz ein außergewöhnliches Archiv afrikanischer Musik geschaffen. Auf seinem Blog "Awesome Tapes From Africa" bietet er die Fundstücke zum Download an.

Von Dennis Kastrup

awesometapes

Brian Shimkovitz ist aufgeregt wie ein kleines Kind. Unruhig schlängelt sich der Bart- und Brillenträger durch das Publikum, schaut ehrfürchtig auf die Bühne und fängt beim ersten Ton des Konzerts an zu tanzen. Es ist sein Abend.

Das Berliner Haus der Kulturen der Welt hat unter seiner Regie zum "Ghana Hiplife"-Festival eingeladen. Mit Hiplife, einer Kombination aus ghanaischer Highlife-Musik und amerikanischem Hip Hop, fing bei ihm die Begeisterung für afrikanische Klänge an: "Ich kannte den Highlife-Song 'Kyenkyen Bi Adi Ma'wu' von Alhaji K. Frimpong", erzählt der 30-Jährige, ohne bei dem schwierigem Songtitel auch nur einmal ins Stocken zu geraten. "Als ich dann das erste Mal in Ghana war, habe ich dort den Gottvater des Hiplife kennengelernt: Reggie Rockstone. Er war der erste, der in der Sprache Twi gerappt hat. Jemanden über diesen großartigen Highlife-Stil aus den Siebzigern rappen zu hören, ließ mich aufhorchen. Da habe ich realisiert, dass Hip Hop nicht nur für Amerikaner ist."

Die Faszination für afrikanische Musik ließ den New Yorker nicht los. 2004 verbrachte der Musikethnologe ein Studienjahr in Ghana. In dieser Zeit reiste er in verschiedene westafrikanische Länder und lernte dort noch mehr einheimische Musik kennen. Während dieser Reisen fing er auch an, auf Märkten und in Musikläden das zu kaufen, was später die Basis seiner musikalischen Pionierarbeit werden sollte: Kassetten von lokalen Künstlern.

Nach seiner Rückkehr in die USA stapelten sich die Tapes in seiner Brooklyner Wohnung. Wohin mit diesem Schatz an Klängen, fragte er sich. Shimkovitz entschied sich, das Erbe zu bewahren und es online allen zugänglich zu machen. Sein Blog "Awesome Tapes From Africa" war geboren. Auf der Seite bietet er alle Stücke einer Kassette als MP3 zum kostenlosen Download an, die teils grellen Cover inklusive.

Der Weiße klaut vom Schwarzen - und andersherum!

Mittlerweile finden sich Songs aus ganz Afrika auf der Seite. Erst kürzlich sind Stücke aus Burkina Faso, Marokko und Guinea dazugekommen. "Ich konnte leider nicht in viele afrikanische Länder reisen, weil sie so weit voneinander entfernt sind und das Reisen sehr teuer ist", sagt Shimkovitz. "Ich bekomme aber jede Woche Kassetten von Leuten auf der ganzen Welt geschickt."

Eine einheitliche musikalische Richtung ist bei den Tapes schwer auszumachen. Es gibt traditionelle Instrumentals, aber auch Acapella-Gesänge ohne Hintergrundmusik. Dann wiederum findet man gut produzierte elektronische Stücke, die mit analogen Klängen spielen. Will man eine Gemeinsamkeit hervorheben, dann ist es wohl die typische Akzentuierung der afrikanischen Rhythmen.

Der schier unendliche Fundus an alten und modernen Songs ist in den vergangenen fünf Jahren stetig gewachsen. Shimkovitz hat von Musikern gehört, dass sie sein Blog als Inspirationsquelle für ihre westliche Popmusik nehmen. Die New Yorker Indie-Band Vampire Weekend ist derzeit wohl der bekannteste Vertreter. Aber auch Damon Albarn ist abseits von Blur und den Gorillaz mit seinen Projekten tief in die afrikanische Musik eingetaucht. Er ist Mitbetreiber des Labels Honest Jon's, das ebenfalls in der Musikgeschichte des Kontinents stöbert und alte Aufnahmen veröffentlicht.

Doch laut Shimkovitz geht es schon lange nicht mehr in nur eine Richtung, so wie es seit den Anfängen des Rock'n'Rolls propagiert wird, wenn man von ihm als Folgeerscheinung des afroamerikanischen Rhythm and Blues spricht: "Es gibt in Ghana zum Beispiel viele Leute, die von der britischen Grime-Szene beeinflusst wurden. Man kann in der Produktion einige Parallelen hören. Das ist ein lebendiger Kreislauf. Es ist also nicht mehr nur so, dass der weiße Mann vom schwarzen klaut, sondern auch andersherum. Wir können dem Internet dafür nur danken."

Dass er und die Künstler an den Downloads der Songs nichts verdienen, findet Shimkovitz nicht schlimm. Auch die Rechteverwertungsfrage stellt sich für ihn nicht, er sieht es pragmatischer: Das Web sei nun mal eine große Plattform: "Ich habe kein Problem damit, dass da kein Geld fließt. Viele der Künstler wissen noch nicht einmal, dass sie auf meinem Blog zu finden sind. Aber ich weiß, dass ich sie so außerhalb von Afrika bekannt machen kann. Mir ist wichtig, dass ich ein Bewusstsein erzeuge, so dass die Menschen anders über Afrika denken."

Im Hiplife geht es um Liebe und Beziehungen

Bei der Masse an Kassetten, die er geschickt bekommt, muss er natürlich auch eine Auswahl treffen. "Ich will verschiedene Phänomene und Bewegungen repräsentieren: Männer, Frauen, Muslime und Christen. Man kann da so viel entdecken", sagt Shimkovitz. Bei den unterschiedlichen kulturellen und religiösen Strömungen, die ein riesiger Kontinent wie Afrika bietet, stellt sich aber die Frage, wie viel Shimkovitz über die Hintergründe seiner Musiker und Musikerinnen wirklich weiß. "Ich kann das nicht verallgemeinern, aber ich weiß, dass es in der ghanaischen Hiplife-Szene viel um Liebe und Beziehungen geht. Sie ist nicht so politisch wie beispielsweise in Ländern wie Tansania oder dem Senegal", sagt er. "Ich kann ja auch nicht alle Sprachen. Aber das ist gar nicht so schlimm, weil die Sprache kein Hindernis ist. Du kannst dir die Musik einfach anhören und sie fühlen. Ich habe Menschen aus der ganzen Welt gesehen, die beim Hören sehr emotional wurden. Diese Art von Musik schwingt in ihnen, obwohl sie nichts davon verstehen."

Dieses Jahr entschied sich Shimkovitz dafür, seine Musik noch weiter zu verbreiten. Er gründete das Awesome Tapes From Africa Label. Die Aufnahmen sollen auf CD und Vinyl in besserer Qualität auch haptisch für Menschen verfügbar sein, die nicht in dem Land leben, aus dem die Musik stammt. Es ist ein fairer Deal: Nach dem Break-even-Punkt werden die Gewinne zwischen Label und Künstler 50:50 verteilt.

Wahrscheinlich werden er und die Musiker damit nicht reich, aber darum geht es ihm auch nicht. "Wenn du ein Album hast, das international vertrieben wird, dann wirst du beispielsweise zu Festivals in Europa eingeladen. So können die Musiker ein wenig ausländisches Geld verdienen und Eindrücke sammeln." Und wenn man ihn an diesem Abend im Dezember glückselig vor seinem ghanaischen Idol Kwaw Kese in Berlin tanzend sieht, dann scheint es, als habe sich die ganze Leidenschaft bereits gelohnt.

Gut möglich, dass in einigen Jahrzehnten Musikwissenschaftler auf Awesome Tapes From Africa zurückblicken und Brian Shimkovitz für die Archivierung afrikanischer Schätze danken werden. "Ich bin einfach stolz darauf, ein kleiner Teil außerhalb von Afrika zu sein, der dem Kontinent dabei hilft, seine Musik zu verbreiten. Ich hoffe, dass sie alle mit ihrem Talent weitermachen und kreativ bleiben, so dass sie zeigen können, wer sie sind."

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Seite 1
x1m4nu31x 01.01.2012
1. Popkultureller Neokolonialismus
Herr Shimkovitz verbreitet Musik von Künstlern ohne deren Wissen, Zustimmung und ohne sie finanziell zu entschädigen. In der nördlichen Hemisphäre nennen wir das Raubkopieren, und es ist eine Straftat. Typen wie er beuten das popkulturelle Erbe Afrikas aus, um sich in der Szene einen Namen zu machen, und nutzen dabei aus, dass die Urheber der Stücke diesen Missbrauch entweder gar nicht erst mitbekommen oder nicht über die Mittel verfügen, sich juristisch zu wehren. Über diese Form von "popkulturellem Neokolonialismus" wird in der Szene seit längerem kritisch diskutiert, der DJ und Autor Chief Boima hat einige lesenswerte Beiträge dazu verfasst. Der ebenfalls in Ghana lebende Labelmacher Benjamin Lebrave zeigt mit seinem Label Akwaaba, wie es besser geht: Nicht das Gestern eigennützig ausbeuten, sondern das Heute fördern, mit fairen Verträgen und langfristiger Wertschöpfung.
slava grof 01.01.2012
2. zurückspulen bitte
Zitat von x1m4nu31xHerr Shimkovitz verbreitet Musik von Künstlern ohne deren Wissen, Zustimmung und ohne sie finanziell zu entschädigen. In der nördlichen Hemisphäre nennen wir das Raubkopieren, und es ist eine Straftat. Typen wie er beuten das popkulturelle Erbe Afrikas aus, um sich in der Szene einen Namen zu machen, und nutzen dabei aus, dass die Urheber der Stücke diesen Missbrauch entweder gar nicht erst mitbekommen oder nicht über die Mittel verfügen, sich juristisch zu wehren. Über diese Form von "popkulturellem Neokolonialismus" wird in der Szene seit längerem kritisch diskutiert, der DJ und Autor Chief Boima hat einige lesenswerte Beiträge dazu verfasst. Der ebenfalls in Ghana lebende Labelmacher Benjamin Lebrave zeigt mit seinem Label Akwaaba, wie es besser geht: Nicht das Gestern eigennützig ausbeuten, sondern das Heute fördern, mit fairen Verträgen und langfristiger Wertschöpfung.
diese form der ausbeutung von urhebern ist inzwischen leider alltag. und das gilt nicht nur für die sog. "dritte welt". die gerechte entlohnung von künstlern gilt heute als "nicht mehr zeitgemäß".
Rosmarinus 01.01.2012
3. Na ja...
Zitat von x1m4nu31xHerr Shimkovitz verbreitet Musik von Künstlern ohne deren Wissen, Zustimmung und ohne sie finanziell zu entschädigen. In der nördlichen Hemisphäre nennen wir das Raubkopieren, und es ist eine Straftat. Typen wie er beuten das popkulturelle Erbe Afrikas aus, um sich in der Szene einen Namen zu machen, und nutzen dabei aus, dass die Urheber der Stücke diesen Missbrauch entweder gar nicht erst mitbekommen oder nicht über die Mittel verfügen, sich juristisch zu wehren. Über diese Form von "popkulturellem Neokolonialismus" wird in der Szene seit längerem kritisch diskutiert, der DJ und Autor Chief Boima hat einige lesenswerte Beiträge dazu verfasst. Der ebenfalls in Ghana lebende Labelmacher Benjamin Lebrave zeigt mit seinem Label Akwaaba, wie es besser geht: Nicht das Gestern eigennützig ausbeuten, sondern das Heute fördern, mit fairen Verträgen und langfristiger Wertschöpfung.
Ohne finanziellen Nutzen etwas zu Teilen, was einen fasziniert: das Eigennutz, Ausbeutung und Neokolonialismus zu nennen scheint mir doch ein wenig übertrieben. Sollte man Ihrer Meinung alte Kulturgüter im Orkus belassen, wenn die Schöpfer nicht zu finden sind? Das Kennen des Gesterns hilft, das Heute zu schätzen und zu fördern. Insofern halte ich dieses Blog für wichtig.
x1m4nu31x 01.01.2012
4.
Zitat von RosmarinusOhne finanziellen Nutzen etwas zu Teilen, was einen fasziniert: das Eigennutz, Ausbeutung und Neokolonialismus zu nennen scheint mir doch ein wenig übertrieben. Sollte man Ihrer Meinung alte Kulturgüter im Orkus belassen, wenn die Schöpfer nicht zu finden sind? Das Kennen des Gesterns hilft, das Heute zu schätzen und zu fördern. Insofern halte ich dieses Blog für wichtig.
Da stimme ich zu, deshalb verweise ich nochmals eindringlich auf Chief Boima, der auf seinen diversen Blogs dieses Gestern und sein Verhältnis zum Heute sehr anschaulich darstellt. Ganz so romantisch wie der Artikel es darstellt ist es aber leider nicht, da muss ich sie vorwarnen.
x1m4nu31x 01.01.2012
5.
Zitat von slava grofdiese form der ausbeutung von urhebern ist inzwischen leider alltag. und das gilt nicht nur für die sog. "dritte welt". die gerechte entlohnung von künstlern gilt heute als "nicht mehr zeitgemäß".
Als Musiker, der im Austausch mit Musikern jener Teile der Welt steht, die sie als "dritte" bezeichnen, stimme ich zu. Das ändert aber nichts daran, dass es falsch ist. Unrecht wird nicht Recht, weil alle es machen. Speziell in der sog. "Weltmusik" hat es aber durchaus Tradition, Musiker systematisch über den Tisch zu ziehen.
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