Pop-Protest gegen Gentrifizierung: "Du tötest mein Viertel"

Von Christoph Twickel

Songs gegen Gentrifizierung: "Ihr Hipster mit gewaschenen Haaren!" Fotos
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Früher sangen Pop-Barden für den Frieden und gegen AKW, heute rappt man in den deutschen Metropolen gegen Mietwucher, die Invasion der Investoren und der Latte-Macchiato-Mafia. Hier ist eine Auswahl der besten Protest-Clips contra Gentrifizierung - aus Berlin, Dresden, Hamburg und München.

Drob Dynamic - "Wir alle sind es leid!"

Anfang zwanzig, Migrationshintergrund, heimatverbunden: Drob Dynamic ist ein echter Kreuzberger Jung. "Eine große Plage, die bei uns ihr Unwesen treibt / Geht zu weit / Denn ich seh, wie mein Bezirk Tränen weint", rappt er. Nein, es geht nicht um die Schweinegrippe oder um scharf-pikanten Chai Latte. Sondern um Gentrifizierung: "Hast du keine Kohle musstu Koffer packen".


Im Refrain wird's dann gefühliger, auch dank Frauenstimme: "Was ihr tut ist der reinste Dreck / Warum nehmt ihr uns die Heimat weg?" Drob hat den Track im Rahmen einer gemeinnützigen Castingshow geschrieben, die "politikferne Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren an politische Themen" heranführen soll. Vielleicht ist das Stück deshalb so wenig militant und F-Wort-unbelastet.

Die Message: "Habt meinen Bezirk als Beute entdeckt / Doch ihr kriegt uns aus Kreuzberg nicht weg"

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PTK - "Anti-Turista"

Das sieht bei PTK - ebenfalls aus Kreuzberg - schon anders aus: Maskierte Typen mit Fackeln und "Anti Turista"-T-Shirts machen einen auf marodierende Horde, dazu unheilvolle Streicher und ein mächtiger Beat. "Du tötest mein Viertel, also nimm dein Souvenir, verpiss dich!", rappt PTK. "Es wird schwer, hier außer Sushi noch was zu essen zu kriegen / Alles wird unbezahlbar, nicht zu vergessen die Mieten".


Militant, klassenkämpferisch, aggressiv: Eigentlich die perfekte Anti-Aufwertungs-Hymne für eine linke Kiezmiliz - hätte der gute PTK nicht ein wenig homophobe Verschwörungstheorie daruntergemischt: "Ich seh zwei schwule Bonzenjungs in Designerhemden / Laufen am Kotti rum - und sie halten Händchen / Vorbei an lauter Leuten, die haben keinen Cent für Essen". Was die Armut der einen mit dem Schwulsein der anderen zu tun haben soll? Will man gar nicht wissen.

Die Message: Verpisst euch, Touris und Zugezogene, Kreuzberg gehört uns!

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Protokumpel - "Gentrifiziert eure Mutter"

Viel freundlicher, auch musikalisch, kommt das Duo Protokumpel daher. "Gestern gab's hier Schultheiss, doch bald gibt es nur noch Tannenzäpfle / Dann sterben die Spielotheken und es kommen Bio-Geschäfte", singen die beiden Nerds zu einem mandolinenverzierten Rumpelbeat. Höflich sind sie auch: "Tut mir leider leid, es muss sein, dieses Stück Sozialromantik / Für differenziertes Denken fehlt der Platz und die Semantik".


Aber halt mal: Sind diese bebrillt-bärtigen Typen nicht genau die Gentrifizierungspioniere, vor denen die Soziologen immer warnen? Logan, der Sänger, widersprecht heftig: "Ich bin gebürtiger Berliner und lebe seit Jahren im Wedding", sagt er. "Die Wohnungsgesellschaft hat mein Haus verkauft - ich bin selbst davon betroffen."

Die Message: "Wenn ihr spekulieren wollt, dann setzt auf Pferdewetten"

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Zugezogen Maskulin - "Häuserkampf"

Der Kampf zwischen Einheimischen und Zugezogenen: Die Rapper Grim 104 und Testo, zugezogen aus Friesland und Stralsund, fühlen sich an den spanischen Konquistador Hernando Cortéz erinnert: "Guter Mann, guter Plan, die neue Welt zivilisieren!" Das Rapper-Duo teilt sich auf: Der eine übernimmt in dem Song (zu dem es leider keinen Clip gibt) die Perspektive der linken Heimatschützer: "Ich sitz im Busch und bewerfe die Rasselbande / Mit Würmern und brülle dabei: 'Rassenschande'." Der andere rappt aus der Warte der Gentrifizierer: "Und wir brachten ihnen Maultaschen, Latte Macchiato / Nahmen ihr Land / Sperrten sie in Reservate". Mein Kiez, dein Kiez? Hier kriegen alle ihr Fett weg.

Die Message: Bushido, Kool Savas, deine Mutter? Alle bloß zugezogen! Und überhaupt kommt die Menschheit aus Afrika.

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T-Ina Darling feat. Quio - "The Law"

Verteidigen nur Macker ihre Kieze? Nicht im queeren Berlin! In "The Law" tritt die Künstlerin Ina Wudtke unter ihrem Alias T-Ina Darling zu Grime-Beats als zigarillorauchende Investorin an, die mit Scheinchen wedelt und den Künstlern droht: "You turned the desert into a popular place to live / I'm gonna take it from you!"


Das Ganze performen T-Ina Darling und Co-Rapperin Quio auf einer sommerlichen Berliner Latschdemo - was deutlich weniger klassenkämpferisch wirkt als die finsteren Ghetto-Clips der Kollegen. Aber ehrlicher.

Die Message: Stell mal die Betonmischmaschine ab, Alter, ich will chillen!

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Echohäuser - "The Good, The Bad and The Ugly"

"Die Fratze des Teufels steht vor unsrer Tür", singt Thomas Wenzel, im Hauptberuf Musiker bei den Sternen und den Goldenen Zitronen. Der Teufel? Gemeint ist ein bayrischer Investor, der die Häuser rund um die ikonische Tanke auf der Hamburger Reeperbahn zugunsten einer Neubau-Wohnwelt abreißen lassen will.


Dagegen hilft nur finstere Super-8-Schmalfilm Ästhetik in Schwarzweiß. Skater, Tänzer in Hoodies, rauchende Kiezoriginale, dazu singt der Chor der Anwohnerinnen und Anwohner zu einem Oldschool-Dub-Track ein Loblied auf die Nachkriegsmoderne: "Die Essohäuser brauchen dich / Bei der Tanke, du und ich". Ein bisschen zu melancholisch für Demos - aber mit Ohrwurmqualitäten.

Die Message: "Wir werden zuletzt lachen / Wenn Babels Türme zusammenkrachen."

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Moop Mama feat. Blumentopf - "Hier renovieren wir für die Stadt München"

Die Wohnungen in der Müllerstraße 6 im Gärtnerplatzviertel sollen "unrenovierbar" sein, wie die Stadt München erklärt? Den Gegenbeweis tritt eine Horde Hausbesetzer an, die - als Gorillas verkleidet - eine der Buden einfach mal kurz instandsetzt.


"Jeder merkt: Es geht gar nicht um's Wohnraum schaffen / Sondern vielleicht manchen eher um's Kohle machen", wird da zum Blechbläser-Beat der Band Moop Mama gerappt. "München ist schön, wenn du reich bist und Geld hast, geil / Doch such 'ne Wohnung als alleinerziehendes Elternteil!" Nach erfolgreicher Renovierung lüften die Besetzer die Masken - dahinter kommen Promis wie Dieter Hildebrandt, Mehmet Scholl, die Sportfreunde Stiller oder Luise Kinseher zum Vorschein.

Die Message: Vermieter blamieren, selbst renovieren, Abriss verhindern.

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T.Wonder - "Plattenbau"

"Plattenbau! Plattenbau! Du bist meine Heimat!", singt die Schlumpfstimme zu einer lieblichen Klavierfigur. Ein Song für Berlin-Hipster, die realsozialistischen Kleinwohnraum an der Karl-Marx-Allee in sublime Designerapartments verwandelt haben?


Keineswegs! In diesem zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Track aus dem Jahre 2008 besingt der Dresdner Rapper T-Wonder die Großsiedlung Klotzsche, in der er aufgewachsen ist. Mit überraschenden Rhymes wie "Manchmal geht' s mir hier auch Scheiße / Doch ich weiß, das liegt nicht an deiner Bauweise" rappt er gegen die Privatisierung der Großsiedlungen an: "Du gehörst dem Volk, ich sag's voller Zorn / Private Investoren haben hier nix verloren".

Die Message: Premiumlage im Szeneviertel? Hauptsache Wasser, Strom, DSL und Kabel-TV!

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insgesamt 51 Beiträge
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1.
Olaf 08.04.2013
Zitat von sysopyoutubeFrüher sangen Pop-Barden für den Frieden und gegen AKW, heute rappt man in den deutschen Metropolen gegen Mietwucher, die Invasion der Investoren und der Latte-Macchiato-Mafia. Hier ist eine Auswahl der besten Protest-Clips contra Gentrifizierung - aus Berlin, Dresden, Hamburg und München. http://www.spiegel.de/kultur/musik/musikclips-gegen-gentrifizierung-a-888569.html
Früher hätte man die Bewohner der Viertel, die sich gegen fremden Zuzug wehrten auch als faschistische Spießer bezeichnet. Schön, wenn man sich das selber so hindrehen kann, wie man es gerne hat.
2. Geballter journalistische Kompetenz
shells 08.04.2013
Da ist ja mal wieder die geballte journalistische Kompetenz am Werk. "Zugezogenen Maskulin" kommen weder aus Paderborn, noch rappen im Münchener-Clip die Lokalmatadore von Blumentopf. Das ist Keno, der Frontmann von Moop Mama, der da rappt.
3.
peter.haeckmann 08.04.2013
Zitat von OlafFrüher hätte man die Bewohner der Viertel, die sich gegen fremden Zuzug wehrten auch als faschistische Spießer bezeichnet. Schön, wenn man sich das selber so hindrehen kann, wie man es gerne hat.
Wie und unter welchen Schlagwörtern etwas begründet wird, ändert sich mit der Zeit. Man sucht sich halt das raus, womit man bei der Allgemeinheit den meisten Zuspruch erntet und sein Ziel am besten erreicht. Auf eins kann man sich aber zu 100% verlassen: Am Ende ist die Motivation immer(!) der Eigennutz.
4.
lokator 08.04.2013
Zitat von sysopyoutubeFrüher sangen Pop-Barden für den Frieden und gegen AKW, heute rappt man in den deutschen Metropolen gegen Mietwucher, die Invasion der Investoren und der Latte-Macchiato-Mafia. Hier ist eine Auswahl der besten Protest-Clips contra Gentrifizierung - aus Berlin, Dresden, Hamburg und München. http://www.spiegel.de/kultur/musik/musikclips-gegen-gentrifizierung-a-888569.html
Was ist denn genau der Unterschied zwischen der Angst vor Gentrifizierung und der Angst vor Überfremdung?
5. Antidemokratisch
drschwoab 08.04.2013
Wer mit klassenkämpferischen und agressiven Parolen verhindern will, dass Menschen in die Nachbarschaft ziehen, die ihm nicht passen befindet sich gedanklich im Deutschland der 30er und 40er Jahre des 20 Jahrhunderts und nicht im 21. Jahrhundert.
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