Punk-Legende Jon Spencer: Der mit den Ratten heult

Aus New York berichtet

Manhattan ist ein einziger großer Yuppie-Treff? Nicht da, wo Jon Spencer seinen Übungsraum hat. Seit über 20 Jahren spielt er mit seiner Blues Explosion rohesten Punkrock und beeinflusste Künstler wie die White Stripes. Wie überlebt so einer im superteuren New York City? Ein Besuch.

Als Jon Spencer Ende der Achtziger nach New York kam, war die Lower East Side von Manhattan ein Ort, an dem man locker zwei mal am Tag überfallen werden konnte. Drogen und Gewalt dominierten das ehemalige Arbeiterquartier zwischen 14. Straße und East Broadway. Die Bowery, heute eine der begehrtesten Straßen für Geschäftsräume und Wohnungen in New York, galt nicht nur nachts als lebensgefährlich.

Hier, Ecke Bleecker Street, residierte bis zu seiner Schließung 2006 auch das berühmte "CBGB's", ein Club, in dem Ende der Siebziger die Punk- und Wave-Bands wie die Voidoids, Television oder die Talking Heads spielten. Die Lower East Side bis hoch zum Union Square, wo einst Andy Warhols Factory beheimatet war, in dessen Grünanlage man sich heute aber nicht einmal mehr legal eine Zigarette anzünden darf, ist voll von solchen Hotspots der Punk- und Alternativkultur: "Max's Kansas City", "Irving Plaza", das "Palladium", Kulisse für das berühmte Cover des Clash-Albums "London Calling" - wenn es sie noch gibt, sind sie heute biedere Entertainment-Stationen. Wenn es sie nicht mehr gibt, dann hat eine teure Boutique oder ein Café sie ersetzt, im schlimmsten Fall ein Starbucks.

Der Südosten Manhattans ist heute ein Hort der Gentrifizierung wie praktisch jeder Flecken der City: Entlang Stanton, Rivington und Clinton Street, einst Domizil von Dealern und Prostituierten, das selbst die Polizei nur mit Unbehagen betrat, sitzen College-Studenten in hippen Bars oder teuren Restaurants. Es ist schon lange nicht mehr schmuddelig hier.

Jon Spencer lebt und arbeitet trotzdem noch auf der Lower East Side. Zusammen mit seiner Frau Cristina Martinez, Sängerin der zurzeit inaktiven Band Boss Hog, besitzt er ein Apartment etwas oberhalb des Union Square. Seit 1991 unterhält er zusammen mit seinen Kollegen Judah Bauer und Russell Simins die Band Jon Spencer Blues Explosion. Sie spielen energischen Punkrock, der hauptsächlich vom Blues beeinflusst ist. Ihre Live-Shows sind Adrenalinschübe, die Spencer, ein Szene-Sex-Symbol der neunziger Jahre, mit fiebriger Stimme und heulenden Gitarrenriffs ins Publikum peitscht.

Vor kurzem hat die Band ihr neues Album "Meat And Bone" veröffentlicht - ein Stück Punkrock so roh wie der sehnige Klumpen Fleisch auf dem Cover. Es ist eine Platte wie ein ausgestreckter Mittelfinger, eine Leck-mich-Geste an die Adresse von Mainstream-Acts wie den Black Keys oder Jack White, die mit Bluespunk-Destillaten Erfolge feiern - einer Musik, die Jon Spencer seit zwei Jahrzehnten lebt und spielt, ohne dafür je einen Grammy gewonnen zu haben oder auch nur einen Hit in den Charts gehabt zu haben. "Meat And Bone" ist nicht bitter oder frustriert, dafür ist Spencer zu cool. Es ist vielmehr ein lässiges Ausrufezeichen, ein Stiefel im Arsch: Look here, that's how it's done.

Ich treffe Jon Spencer an einer der noch nicht so hippen Ecken der Lower East Side. Es sind Hundstage in New York, feucht und heiß. Ich stehe an einer Ecke der East Houston Street und warte. Jon möchte Dir den Übungsraum zeigen, hatte der Vermittler des Plattenlabels gesagt, aber Jon taucht nicht auf, und ich verfluchte mich dafür, kein zweites T-Shirt angezogen zu haben, denn die anfangs noch unauffälligen Schweißflecken werden größer, je unerbittlicher die Sonne durch den milchigen Himmel brennt. Kein guter Start für ein Date mit einem Schamanen der Coolness, dessen Name allein die Herzen weiblicher Punkrock-Groupies höher schlagen lässt. Den Mann umweht so eine altmodische Rockstar-Aura, etwas Schlangenhautstiefel-artiges.

Klosett zu, wegen der Ratten

Doch Jon hatte einfach den Bus verpasst. Sorry, murmelt er, als er endlich die 1st Avenue heruntergelaufen kommt. Die dunklen Haare ein ungeordneter Haufen, auf seinem T-Shirt dieselben dunklen Flecken wie auf meinem, Hundstage halt, kann man nichts machen. Nächster Reality-check: der gänzlich unglamouröse Übungsraum der Blues Explosion. Neben einem schon länger leerstehenden Ladengeschäft, das mit Müll zugestellt ist, geht ein schmaler Gang in einen Keller. "I love L.E.S." steht in knalligen Farben über der Shop-Ruine. L.E.S. ist die Abkürzung für Lower East Side.

Die Kreativräume sind eng geworden in dieser Gegend. Vielleicht fünf mal zwei Meter haben die drei Musiker zur Verfügung, um ihren Rock'n'Roll zu proben - wenn man die Verstärkern, Instrumentenkoffern und Equipment-Kisten entlang den Wänden nicht mitrechnet. Eine einzelne, unangenehm helle Lampe illuminiert den stickigen Raum, kein Kühlschrank, kein Komfort. In der hintersten Ecke gibt es zumindest ein Klosett, dessen Deckel man jedoch tunlichst geschlossen halten sollte, sagt Jon, "sonst kommen die Ratten durch". Im Winter sei es hier doch bestimmt so kalt, wie es im Sommer heiß ist, mutmaße ich. Doch Spencer zeigt mit lakonischer Geste auf ein dickes Rohr unter der Decke: "Das da ist die hot water pipe", das Heizungsrohr. Man schwitzt.

Das Interview führen wir dann doch lieber nebenan in einem klimatisierten Coffeeshop. Wir trinken Eiskaffee und plaudern darüber, wie es ist, mit 47 noch Punk zu sein. Kann man davon ein Leben in Manhattan finanzieren. "Ja, das geht. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber ich komme zurecht". Den Durchbruch brachte 1994 das Blues-Explosion-Album "Orange", mit dem sich die Band erstmals experimentelleren Stilen und elektronischer Musik öffnete. Da hatte Spencer aber schon zehn Jahre als Musiker hinter sich. 1985 war er von seinem beschaulichen Heimatort Hanover im Ostküstenstaat New Hampshire nach Washington D.C. gezogen und dort die Punkband Pussy Galore gegründet. Bald darauf verschlug es die Band nach New York. Gitarre spielte damals Cristina Martinez, die Spencer 1989 heiratete, demselben Jahr, in dem sich Pussy Galore langsam aufzulösen begannen.

Vergiss den Zeitgeist

Bei der Noise-Rock-Gruppe The Honeymoon Killers traf Spencer schließlich Bauer und Simins, die Blues Explosion ließ nicht lange auf sich warten. Heute sind die drei Männer mehr Kollegen als Freunde. "Die Leute stellen sich eine Band immer wie die Monkees in der TV-Serie vor: Schräge Typen, die lauter verrückte Dinge erleben. Das ist aber nicht realistisch, schon gar nicht für drei Jungs in den Vierzigern. Ich bin ja nicht in einer Band, weil ich Kameradschaft suche, sondern weil wir zusammen diese Art Musik machen wollen. Wir schreiben alle Songs zusammen, keiner von uns ist austauschbar."

1995, nach dem überschaubaren Erfolg von "Orange" in der Szene, gab es die Möglichkeit einer großen Karriere für die Band. Das Label, Matador Records, sei damals ganz heiß darauf gewesen, das Gleiche noch mal zu machen, erzählt Jon, "aber wir machten einfach weiterhin, worauf wir Lust hatten. Die Erwartungshaltung der Plattenfirma schlug ziemlich schnell in Verzweiflung um."

Jon Spencer arbeitet lange genug mit Journalisten zusammen, um zu wissen, dass sie ständig einem neuen Trend hinterherhecheln. Spencer lässt sich auf dieses Spiel nicht ein. Der Blues sei doch immer schon gespielt worden, nichts Neues. Und Punk- oder Garagenbands gäbe es ohnehin an jeder Ecke, man müsse nur hingehen und sie spielen hören, "it's all out there". Bei der Arbeit an "Meat And Bone" habe es keinen Druck gegeben, sich einem Zeitgeist anzupassen. "Es war ein bisschen wie eine Zeitreise: Nur wir drei im Studio, kein Produzent. Fühlte sich an wie die Art und Weise, wie wir früher Platten aufgenommen haben." Er hegt keinen Groll gegen Leute wie Jack White, den er "respektiert", er möchte eigentlich auch gar nicht immer wieder nach diesen Bands, die angeblich denselben Sound haben, gefragt werden: "Klar piekt das ein bisschen, aber eigentlich bin ich mit meiner Band ganz zufrieden."

Dennoch sei es natürlich auch ihm wichtig, ein neues Publikum für die Blues Explosion zu begeistern. Er sei neugierig, ob sich auf der kommenden Tournee wieder nurmehr alte Hardcore-Fans einfinden oder auch Jüngere nachrücken. "Vieles von dem, was diese anderen Musiker machen, erinnert mich an das, was ich in den Siebzigern als Kind im Radio gehört habe, ist doch kein Wunder, dass es populär ist", sagt er. "Was wir machen, ist abenteuerlustiger und kontroverser, einfach mehr Punk".

"Keine Klassenunterschiede? Unsinn!"

Anfang der Neunziger schlug sich Spencer mit diversen Aushilfs-Jobs durch. Unter anderem heuerte der Absolvent der Brown University, wo er unter anderem Journalismus studierte, beim Lifestyle-Magazin "Details" an, um dort als Producer die Seiten zusammenzubauen. "Ein großartiger Job. Viele von uns machten damals etwas im Verlagsgewerbe, weil wir fast alle einen Kunsthochschul-Hintergrund hatten, war das naheliegend. Das Beste war aber, dass man freiberuflich arbeiten konnte, so dass man zwischendurch ein paar Wochen aussetzen konnte, um auf Tour zu gehen.

Heute muss Jon Spencer nicht mehr nebenbei arbeiten, sein Erfolg als ewiger Geheimtipp der Alternativszene reicht aus, um das Leben seiner Familie zu finanzieren. So sehr er sich über den frischen Sound seines neuen Albums freut, ist ihm bewusst, dass mit Plattenverkäufen und Tourerlösen allerlei alltägliche Rechnungen bezahlt werden müssen, "aber darüber denke ich natürlich nicht nach, wenn ich auf der Bühne stehe".

Zwei Tage später treffen wir uns noch einmal nahe Union Square. Jon hat Bücher bei Barnes & Nobles gekauft, er liest viel, interessiert sich für Musiker-Biographien, vor allem über Vorbilder wie den Rockabilly-Sänger Charlie Feathers. Wir trinken Kaffee an der 3rd Avenue in einem Café, das Jons Schwester gehört. "Sie hat mittlerweile drei Läden, es geht ihr richtig gut", sagt er und erklärt, dass ihm vor allem die Ausbildung seines 14 Jahre alten Sohnes Charlie Sorgen bereitet. "Wir haben ihn auf eine Privatschule geschickt, und weil wir in Manhattan leben, geht dafür fast unser gesamtes Geld drauf. Die Leute sagen immer, in den USA gibt es keine Klassenunterschiede, aber das ist Unsinn: Du kannst alles erreichen, aber nur, wenn du das Geld dafür hast. Es ist eine große Lüge, die so alt ist wie das Land selbst, aber es wird gerade noch schlimmer."

Spencer wuchs in Hanover als Sohn eines Chemieprofessors und einer Krankenhaustechnikerin in einem Haushalt voller Wohlstand und Bildung auf, "obwohl es durchaus größere Häuser als unseres gab". Ähnliche Bedingungen würde er auch gerne für Charlie schaffen, doch stellt sich mehr und mehr die Frage, ob das volatile Einkommen eines Punkrock-Musikers in einer Stadt wie New York dafür ausreichen wird, wenn der Sohn auch noch aufs College soll.

"Ich habe ein schwieriges Verhältnis zu dieser Stadt", sagt er nachdenklich. "Manchmal denke ich, es wäre vielleicht gar nicht mehr nötig, hier zu leben. Es gibt immer noch genug Bands, die hier in kleinen Clubs spielen, aber ich muss auch nicht mehr so viel ausgehen wie früher".

Für den Abend verabreden wir uns, zusammen nach Hoboken zu fahren. Chain And The Gang sollen dort auftreten, die jüngste Band eines anderen Punk-Veteranen, Ian Svenonius, ehemals Kopf der in der Szene legendären Band Make-up, ein alter Bekannter aus Spencer Zeit in D.C.. Ein paar Stunden später an diesem Samstagabend erreicht mich jedoch eine SMS von Jon: Sorry, Cristina und er würden doch eher zu Hause bleiben.

Den alten, wilden Lower-East-Side-Spirit, den spart er sich inzwischen wohl doch lieber für die Bühnenshows der Blues Explosion auf. Oder für die Sessions im heißen, dunklen Übungskeller. Auch ich bleibe in Manhattan in dieser Nacht und laufe noch ein wenig durch die Straßen, unbekümmert. "Mug a Yuppie", ein beliebtes Graffiti in den frühen Achtzigern, steht hier nirgendwo mehr als Drohung an der Wand. Partymusik und Gelächter dringen aus den zahlreichen Bars. In der Rockwood Music Hall in der Allen Street spielt eine junge Band verschwitzten Hardrock. Sie sind zu dritt wie die Blues Explosion, und sie machen Lärm.

Aber ein Bier kostet acht Dollar.

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insgesamt 7 Beiträge
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    Seite 1    
1. Punkrock?
GoBenn 25.10.2012
Einflüsse sind ja sicher da, aber... Na ja, trotzdem netter Bericht.
2. Mein Profil
air plane 25.10.2012
Tja, früher war alles besser, überall Drogen, Prostitution, Dreck und man wurde zweimal am hellichten Tage überfallen ... Und heute: STARBUCKS, igitt.
3.
mäppchen 25.10.2012
Die Überschrift ist zwar sehr plakativ, aber ansonsten fein hinter der Geschichte recherchiert, danke!
4. Eher kein Profil!
butch_mr 26.10.2012
Zitat von air planeTja, früher war alles besser, überall Drogen, Prostitution, Dreck und man wurde zweimal am hellichten Tage überfallen ... Und heute: STARBUCKS, igitt.
Waren Sie in der Zeit in der Lower East Side gewesen? Ich glaube wohl kaum. Ich hatte damals an den 2-3 Abenden die ich dort verbracht hatte nicht so eine Gefahr gespürt. Entweder war ich naiv oder hatte einfach Glück? Oder der Autor übertreibt ein wenig. Auf jeden Fall hatte ich tolle Abende damals in NYC. Einige Jahre später war die Gegend weniger "dreckig", aber die Subkultur schied dahin. Sehr schade! Netter Artikel!
5. Punk-Legende?
GSYBE 26.10.2012
Artikel gut, Überschrift Quatsch.
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