Musikerlebensbeichte Klapprige Autos und freudloser Sex

Der Musiker Dean Wareham, der mal mit Galaxie 500 und Luna halbbekannt war, hat eine hochunterhaltsame Biografie über das traurige Leben als Indie-Rock-Star verfasst.


Die Geschichte beginnt mit dem Ende einer Freundschaft. In einem zitierten Interview mault der Schlagzeuger Damon Krukowski, dass der Sänger Dean Wareham einst bei einem gemeinsamen Auftritt im Scheinwerferlicht stand, während er im Dunkeln trommeln musste. Ein absurder, kleiner Zwist, der das Ende einer Band (Galaxie 500) und den Anfang einer Biografie einleitet.

Buchcover "Black Postcards": Lustiges und illusionsraubendes Buch

Buchcover "Black Postcards": Lustiges und illusionsraubendes Buch

Dass der Wahl-New-Yorker Dean Wareham – der mal halbberühmt wurde mit sanften Schrammel-Rock-Bands namens Galaxie 500 und Luna – seine vorläufige Lebensbilanz zu Papier bringt, ist eigentlich nur mäßig aufregend. Der Coup ist, dass ihm mit "Black Postcards (A Rock & Roll Romance)" ein außerordentlich lustiges und illusionsraubendes Buch über den Alltag im Rock'n'Roll geglückt ist. Eine Biografie mit Seltenheitswert, denn entweder beschränken sich solche Bestandsaufnahmen auf mehr oder weniger spannende Abfolgen von Exzessen oder auf sterbenslangweilige Detailanhäufungen. Wareham dagegen schafft es, sein Buch auch für Menschen interessant zu machen, die sich zwar etwas mehr für Musik interessieren, aber von seinen Bands bislang kaum gehört haben.

Der Autor, geboren 1963 in Neuseeland, zog als Teenager nach New York City, studierte später in Harvard und entschied sich dann gegen eine konventionelle Karriere. Einen feinen Job bei der Bank schlug er in den Wind, um ein Leben als Rock-Musiker zu wagen.

Auf gut dreihundert Seiten schildert er amüsant und lakonisch die Höhen und Tiefen des weitgehend unglamourösen Lebens mit einer Indie-Rock-Band. Es geht oft um das übliche, also Drogen und Sex und Rock'n'Roll. Neu und spannend ist die gnadenlose Ausleuchtung der dunklen Geheimnisse, die in solchen Büchern gemeinhin eher ungern offen gelegt werden. Das Elend von Konzertreisen mit klapprigen Autos, schmuddligen Hotelzimmern und freudlosem Groupie-Sex zum Beispiel. Auch was die knappen Finanzen angeht, wird hier jede schmutzige Wahrheit mit Zahlen benannt. Dazu gibt's tragische Biografien zeitweiliger Wegbegleiter, wie von Musikmanagern, die einst in Penthäusern residierten und als heroinabhängige Tankwarte in New Jersey endeten.

Auch die eigene Biografie verschleiert er nicht und erklärt ganz unsentimental, wie es ist, eine Frau mit Baby zu haben und diese mit Prostituierten und Bandmitgliedern zu betrügen. So gelingt Dean Wareham ein Buch, das die letzten Illusionen vom romantischen Traum eines Rock'n'Roll-Lebens lustvoll zertrümmert.

Er macht aber auch Lust, die überwiegend grandiosen Platten noch mal zu hören, die ihm mit Galaxie 500 und vor allem mit Luna gelangen. Und nur darum geht es ja letztendlich!


Buch Dean Wareham: "Black Postcards - A Rock & Roll Romance". Penguin Books; 324 Seiten; $ 25.99.



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schna´sel, 11.07.2008
1. ...but I like it
Zitat von sysopDer Musiker Dean Wareham, der mal mit Galaxie 500 und Luna halbbekannt war, hat eine hochunterhaltsame Biografie über das traurige Leben als Indie-Rock-Star verfasst. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,565134,00.html
Na dann hat er "es" ja doch noch geschafft. Das worum es eigentlich geht. Den mehr oder weniger großen Erfolg. Zwar nicht direkt mit seiner Musik, aber auf Umwegen über sein Buch. Ich habe es zwar noch nicht gelesen, aber natürlich ist es romantisch so zu leben. Die traurigen Seiten gehören ebenso dazu wie die Parties, und hippen Events, die man natürlich alle relativ schnell kennt. Und dann kommt die Wirklichkeit voll durch und trifft einen wie ein Hammer. Romantik heißt ja nicht unbedingt, mit beiden Beinen in der Realität zu stehen. Unabhängig ob man nun zu den Schlauen, den Manager Typen gehört, die ja auch als Tankwart enden oder zu den Dummies, die einfach nur auf ihrer Gitarre rumschremmeln wollen. Romantik ist ein Gegenentwurf und sie ist ein Drahtseilakt. Man muss sich aber klar machen, dass die Alternative einer bürgerlichen Existenz für viele Menschen genau so eine Hölle bedeuten kann und unter Umständen nicht gangbar ist. Wenn so etwas wie Bürgerlichkeit überhaupt einigermaßen erreichbar ist. Und damit ist der Rock´n´Roll oder Pop oder wie man das sonst noch bezeichnen möchte auch ein Weg. Die allermeisten, die ihn gehen scheitern auf die eine oder andere Art und Weise. Aber auch wenn viele resignieren oder ganz zu Grunde gehen im Haifischbecken, so gibt es doch einige die durchschwimmen und am Ende, vielleicht desillusioniert und ihrer Träume ledig, aber halbwegs gesund und mit einer existentiellen Perspektive wieder auftauchen. Wenn Dean Wareham jetzt dieses Buch schreibt und damit sein Leben auch künstlerisch weiter geht ist das der beste Beweis dafür.
Christian Peirick 11.07.2008
2. Ahoi verehrte Beatkameradinnen und Kameraden
Ich bin nun wahrlich weder ein Buddhist noch ein Waisenknabe - sondern neben einem Leben im Parallel Universum der "Wirklichen Welt" auch ein Musiker. In einer kleinen, feinen Indieband. Mit nunmehr 42 Lenzen auf dem immer noch graden Buckel nun auch schon ein paar Jahrzentchen dabei... Wir sind das, was man so gemeinhin als "semi-professionell" bezeichnen würde. Touren noch immer in klapprigen Autos, die dem Tode näher stehen als dem Leben, durch Europa, bringen alle naslang neue Lieder unters Volk und freuen uns, dass wir das alles immer noch machen dürfen. Wir haben unser Leben seit unserer späten Teenagerzeit um die Aktivitäten der Band herum strukturiert... und das ist für uns nach wie vor ein Privileg - und keine Last. Die Dinge am Musikerdasein, die frustrierend sein können, sind - meiner bescheidenen Meinung nach - oft hausgemacht. Wenn man in den 20ern ist, ist es vielleicht cool, an sieben Tagen in der Woche betrunken oder stoned umherzuschwanken. Irgendwann hört das auf... und nur die Typen, die man oft sehr unerquicklich am Bahnhof wiedertrifft, die haben das leider nicht mitbekommen. Auch der (Alp)traum vom tollen Rockstar... HA, DASS ICH NICHT LACHE ! Ich dachte Ihr wollt tolle Lieder schreiben und Musik machen ? Seid doch froh, wenn Ihr 'nen Job habt und NICHT von irgendeiner Agentur auf Tour verheizt werdet und NICHT Euren letzten Ramsch auf einem Label herausbringen müßt, was Euch sowieso hasst und im besten Fall zu Euch steht, weil Ihr mal ein paar Kröten abwerfen könntet ! Über Groupies, soziale Abgründe, etc. will ich mich erst gar nicht auslassen... haha. Bands scheinen oft schon sowas zu sein wie die Auffangbecken für alle Egomanen und Neurotiker dieser - und anderer - Welten Wir touren, wann wir Zeit und Lust haben, nehmen neue Lieder auf, wann wir wollen und veröffentlichen Tonträger - am liebsten auf Vinyl, die als Allererstes uns selbst gefallen. Wir waren nie "erfolgreich", was immer das bedeutet haben mag, und mittlerweile bedeutet es mir auch nichts mehr... aber wir konnten immer tun und lassen was wir wollten, und das ist schon Einiges ! "Amateur" heisst übrigens übersetzt Liebhaber und steht in keinster Weise im Gegensatz zu "Professionell". Nehmt Euch das zu Herzen, meine Lieben da draussen ! So, genug doziert... hehe Chris - the Cheeks (mit Verlaub) PS: Übrigens gefallen mir "Galaxie 500" und "Luna" ganz ausserordentlich !
jfmunich 11.07.2008
3. on fire
galaxie 500 - unbedingt anhören...
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