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29. Juli 2011, 08:41 Uhr

Musikerlegende Claus Ogerman

Der Preuße des Bossa Nova

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Nach ihm verlangten Sinatra und Streisand: Der Arrangeur Claus Ogerman ist Deutschlands heimlicher Weltstar. Aber am besten sind immer seine Alben mit Antonio Carlos Jobim gewesen, die nun wieder zu haben sind.

Frank Sinatra scherzte mit Claus Ogerman während einer Aufnahme-Session: "Achtung! Claus, I need you...". Quincy Jones beschrieb Ogerman als "360-Grad-Musiker", einen der alles kann. Und der Jazz-Trompeter Freddie Hubbard verneigte sich vor Ogerman als dem "größten Streicher-Komponisten des (vergangenen) Jahrhunderts".

Die Liste der Bewunderer des deutschen Komponisten, Arrangeurs, Produzenten, Dirigenten und Musikers Claus Ogerman ist lang und funkelnd: Prince, Jarvis Cocker, Diana Krall, Barbra Streisand, Jay-Z und Phil Collins. Der 81-Jährige ist ein Weltstar, dessen Namen in Deutschland nur Menschen kennen, die das Kleingedruckte auf Plattenhüllen studieren.

Ogermans Name steht unter anderem auf Albenhüllen von Ben E. King, Solomon Burke, Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Astrud Gilberto, João Gilberto, George Benson, Stan Getz, Barbra Streisand, Benny Goodman, Oscar Peterson - und immer wieder auf den Platten des Bossa-Nova-Titanen Antonio Carlos Jobim, dem Verfasser von Welthits wie "The Girl From Ipanema". Für die schwerelose Eleganz der besten Jobim-Aufnahmen war meistens Herr Ogerman verantwortlich. Drei dieser Ogerman/Jobim-Meisterwerke ("A Certain Mr. Jobim", "Urubu", "Terra Brasilis") sind nun in der schnieken CD-Box "Antonio Carlos Jobim: Original Album Series" wiederzuentdecken.

Als Klaus Ogermann wurde der Meister 1930 im südschlesischen Ratibor geboren, landete nach dem Zweiten Weltkrieg in Süddeutschland und startete in den fünfziger Jahren seine Karriere als Arrangeur und Pianist von Schlagern und Filmmusiken. Um dem amerikanischen Jazz näher zu sein, wanderte er 1959 nach New York aus, verwandelte sich in Claus Ogerman, arbeitete für Quincy Jones und punktete schnell als Arrangeur von Pop-Hits wie Lesley Gores "It's My Party" oder Little Evas "The Locomotion".

Verwehte, samtene Klänge

Als die USA Anfang der sechziger Jahre vom Bossa-Nova-Rausch erfasst wurden, kam auch Antonio Carlos Jobim für Plattenaufnahmen nach New York und war wenig begeistert, als man ihm den Deutschen als Arrangeur vorschlug: "Der Kerl wird meine Lieder in preußische Marschmusik verwandeln", soll er geschimpft haben. Aber als der Brasilianer den Deutschen dann doch empfing, waren beide voneinander begeistert. Neben einer sechs Alben währenden Zusammenarbeit entwickelte sich sogar eine tiefe Freundschaft.

Was blieb, war Jobims Spitzname für Ogerman: "The Prussian" (der Preuße). Ogerman war auch an Bord, als Jobim von Sinatra auf ein Album eingeladen wurde. Und dass "The Voice" nie besser, einfühlsamer und anrührender klang als auf dem Bossa-Nova-Album "Francis Albert Sinatra & Antonio Carlos Jobim", ist auch Claus Ogerman zu verdanken, der auf dem Foto der Rückseite der Plattenhülle aussieht wie ein Steuerfahnder, der sich in der Tür geirrt hat.

Sein großes Talent sind die verwehten, samtenen Klänge - raffinierte Streicher-Arrangements, in denen fragile Klassik und eine Prise Kitsch zu einem anmutigen Sound zusammenfließen. Zahlreiche Grammy-Nominierungen brachte ihm das ein und einige Auszeichnungen, unter anderem für seine Zusammenarbeit mit George Benson.

Ende der Siebziger hatte Ogerman keine Lust mehr auf Jazz und Pop und beschloss, Klassik zu komponieren. Sein letztes "populäres" Album nahm er mit Jobim auf ("Terra Brasilis", 1980) - dann tauchte er ab. Seitdem pendelt er zwischen München und New York, während sein Mythos mit den abgelehnten Anfragen (Prince, Dr. Dre, Phil Collins) wuchs. Erst in diesem Jahrtausend ließ er sich von Diana Krall zu einem Comeback beschwatzen, was ihm im letzten Jahr noch einen Grammy brachte.

"Es war nicht nur eine Freude, mit dem Meister Claus Ogerman zu arbeiten, es war ein Muss. Sein Talent, seine Kreativität, Musikalität, Ordnung, Farbe und Freundschaft durchdringen diese Platte vollkommen", notierte Jobim auf der Hülle zum Album "Urubu". Und das alles hört man bis heute.

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