Musikfestivals in Deutschland: Wacken im Westen, härter im Osten
Da kommt selbst der Bundespräsident: Der Osten hat sich zur Bühne für Freunde harter und schräger Klänge entwickelt. Von Mecklenburg bis Sachsen blüht die Open-Air-Landschaft. Und im Westen? Läuft der Klassiker Wacken.
Es hatte geregnet und gestürmt, sogar der Blitz schlug ein. Das diesjährige "With Full Force"-Festival im sächsischen Löbau-Roitzschjora bot einige Aufregung. Und doch drehten sich die Festivalbesucher ungläubig zur Bühne, als es wenige Sekunden nach dem letzten Auftritt so laut dröhnte und schepperte, als schlügen schwere Hämmer auf Metall. Ein unangekündigter Gig? Die Brachial-Show-Spezialisten von Rammstein gar?
Falsch. Es waren Handwerker, die Hand an die Mainstage legten. Denn beim derzeitigen Festivalboom in Deutschland kann es sich niemand leisten, eine riesige Bühne auch nur fünf Minuten länger auf der Wiese herumstehen zu lassen als nötig. Schon gar nicht im Osten der Republik, der sich längst zum gelobten Land für Freunde harter und schräger Klänge entwickelt hat.
Das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig beispielsweise zieht seit 1992 jeweils an Pfingsten Zehntausende Schwarzgekleidete nach Leipzig, das Melt!-Festival in Ferropolis bei Gräfenhainichen lockt seit 1997 Elektro-Fans, im gleichen Jahr fand auch das erste Punk- und Hardcore-Festival Force Attack in der Nähe von Rostock statt. In den vergangenen Jahren boomen im Osten jedoch vor allem Hardcore und sämtliche Spielarten und Sub-Genres des härteren Metal, denen gleich auf Dutzenden Festivals ein Podium geboten wird. Bereits im Juni stieg in Dessau die deutsche Dependance des auch in Slowenien und Österreich stattfindenden prominent besetzten Metalfests.
"Vom sozialistischen Einheitsbrei abgrenzen"
Im Juli gab es neben dem With Full Force das In Flammen Open Air in Torgau, im August kommt mit dem Party.San Metal Open Air im thüringischen Schlotheim das europaweit größte Festival für Death und Black Metal auf die Bretter. Weitere Standorte für kreischende Gitarren und Verstärker-Wände: Pößneck (Thüringen), Bernau, Nauen (Brandenburg), Chemnitz (Sachsen) und viele, viele weitere Orte zwischen Ostsee und Erzgebirge.
Dass sich zwischen Küste und Sächsischer Schweiz so viele Festivals harter Gitarrenmusik verschrieben haben, ist kein Zufall, weiß Roland Ritter vom Chemnitzer Veranstalter With Full Force. "Zu DDR-Zeiten nutzte man diese Musikstile als Lebenseinstellung gegen das System. Je härter, desto besser. Auch textlich, inhaltlich und optisch konnte man sich gut vom sozialistischen Einheitsbrei abgrenzen."
Götz Kühnemund, Chefredakteur des in Dortmund erscheinenden Heavy-Metal-Zentralorgans "Rock Hard" sagt: "Für härtere Klänge von Hardcore über Punk bis zum Death Metal oder Black Metal ist die Szene im Osten deutlich größer." Traditioneller Metal hingegen ziehe eher im Westen.
Das bekannteste West-Festival findet übrigens - wer wüsste es nicht - alljährlich im schleswig-holsteinischen Wacken statt. Seit Donnerstag feiern auf dem 23. Wacken-Open-Air rund 75.000 Metaller (so lautet zumindest die offizielle Zahl). Wacken ist - vielleicht auch einfach dank seiner Größe - a class of it's own, wo (fast) alles seinen Platz hat und passt daher nicht recht ins gezeichnete Bild.
Vor allem Fans, die sich im weitesten Sinne zum Underground zählen, tun das Mega-Event Wacken gerne mal als Metal Kirmes oder Ballermann ab. 2012 spielen hier zum Beispiel die Scorpions, den Start machten am Donnerstagabend die dänischen Metal-Rock'n'Roller Volbeat und die deutsche Metal-Legende Udo Dirkschneider, der seinen 60. Geburtstag auf der Bühne mit Doro Pesch feierte; traditioneller oder doch zumindest einem breiten Publikum zugänglicher Metal. Andererseits spielen auch hier kleinere Acts oder Bands aus dem Extreme-Metal-Bereich, die selbst in kleinen Sub-Szenen als glaubwürdig gelten.
Konsumfreude in blutrünstigen Shirts
Der generelle Metal-Erfolg im Osten jedenfalls hänge mit den musikalischen Prägungen der Wendezeit zusammen, meint Kühnemund: "Mit der Maueröffnung haben sich die Leute mit Platten eingedeckt und konnten plötzlich legal zu Konzerten vor der Haustür gehen. Anfang der Neunziger war die Zeit, als Death Metal und Black Metal aufkamen und boomten, später galt das Gleiche für den Hardcore, der plötzlich explodierte und eine ganze Modeindustrie nach sich zog." Wer sich vom "Taschengeld die neue Dark Throne gekauft" hat, halte dem norwegischen Black Metal noch 2012 die Treue - und bringe gleich den Neffen oder den Sohn mit zum Festival, vermutet Kühnemund.
Allerdings, sagt Roland Ritter, gebe es auch schlichte ökonomische Faktoren für den Festivalboom zwischen Mecklenburg und Sachsen. "Es gibt hier mehr verfügbare oder preiswertere Plätze." Auch die Personalkosten seien günstiger. Auf einem 30.000-Leute-Open-Air wie dem Full Force in Löbnitz-Roitzschjora arbeiten Hunderte Ordner und Servicekräfte.
Lohnkosten sind da kein unwichtiger Faktor. Und in Zeiten der kommunalen Finanzkrisen schließen Jugendhäuser und andere Freizeiteinrichtungen für junge Leute - gerade in der Provinz freuen sich viele Jugendliche deshalb schon Monate vorher auf die Festivalsaison als kulturellen Höhepunkt des Jahres.
Das gilt auch für das nordsächsische Löbnitz, dem Schauplatz des mit 30.000 Zuschauern größten ostdeutschen Rockfestivals With Full Force. Hier am Rande des Chemiedreiecks Leuna-Buna-Bitterfeld ("Plaste und Elaste aus Schkopau") tun sie vieles, um Touristen und Investoren anzulocken - doch kaum einmal gelingt das so zuverlässig wie dann, wenn das Force ruft.
Anfangs, berichtet Bürgermeister Axel Wohlschläger, seien die Vorbehalte bei den 2100 Löbauern noch groß gewesen. Doch längst habe sich herumgesprochen, dass die schwarzgekleideten, oft schwer tätowierten Fans in blutrünstigen Shirts nicht nur "absolut friedlich und gut gelaunt" seien, sondern auch sehr konsumfreudig: "Das merken der Campingplatz, der Bäcker und die Kaufhalle. Pensionen und Hotels sind eh Monate vorher ausgebucht."
Die (regionale) wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung wird mittlerweile sogar politisch überhöht: Kurz hinter der Grenze zu Ostdeutschland erwiesen im polnischen Küstrin zwei Staatsoberhäupter einem Rockfestival ihre Referenz. Bundespräsident Joachim Gauck und Polens Präsident Bronislaw Komorowski unterstrichen beim Festival Haltestelle Woodstock die deutsch-polnische Freundschaft. Am Rande des dreitägigen Festivals diskutierten die Staatsoberhäupter mit mehreren hundert Besuchern - im Zelt auf der Wiese, umgeben von Männern mit nacktem Oberkörper und Frauen mit Bikinioberteil.
Mit Material der dpa
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- Freitag, 03.08.2012 – 16:54 Uhr
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