Musikfilm Der Stardirigent und die keuchenden Ureinwohner

Kent Nagano geht gern eigene Wege. Wenn es sein muss, auch ans Ende der Welt. Wie der Dirigent im hohen Norden Kanadas mit einem Symphonieorchester Inuit-Musik macht, zeigt ein Kinofilm über den außergewöhnlichen Künstler.

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Bettina Ehrhardt / bce films & more

Präzise muss es sein, selbst das Verklingen der Töne probt er mit Akribie: Der Dirigent Kent Nagano hat detaillierte Vorstellungen, wie sein Orchester arbeiten soll, ob bei Bruckner oder Folksongs. Seit einem Jahr muss das Symphonieorchester von Montréal mit dem Perfektionisten leben, denn neben dem Münchner Opernorchester leitet er nun auch das kanadische Top-Ensemble.

Wie gut sich der Chef und seine Musikertruppe tatsächlich verstehen, kann man jetzt im Kino erleben: Die deutsche Dokumentarfilmerin Bettina Ehrhardt hat sich in der Anfangsphase der Zusammenarbeit ein Jahr lang an die Fersen der Musiker geheftet und 90 Minuten Film daraus destilliert, die den Stil und die Ideen Naganos dokumentieren.

Ganz nebenbei sind einprägsame Momentaufnahmen aus dem Riesenland Kanada entstanden, das eben nicht nur aus dem Süden mit den großen Städten besteht. "Kent Nagano - Montréal Symphony" kommt am 13. Januar in die Kinos - passend zum Boom der Filmdokus.

Nagano, bekannt für seine Experimentierlust, wollte die Amtszeit in Montréal nicht mit der üblichen USA- oder Europatournee beginnen, ihn zog es tief ins neue Land seiner künstlerischen Wahl. Also packten die Musiker die Instrumentenkoffer, um die große Weite Kanadas zu bereisen. Auch der wilde Norden stand auf dem Plan, wo es eigentlich keine Konzertsäle gibt. Mozart in der Turnhalle: Das geht besser als man denkt, und sogar die Kinder hören gern zu.

Gerade solche Herausforderungen reizen Kent Nagano; für ihn ist Musik dazu da, Grenzen zu überwinden, nicht vor ihnen zu kapitulieren. Auch nahe am Polarkreis gibt es bei den Inuit eine eigene Musiktradition, mit der man aufregend spielen kann. Der keuchende, archaische Kehlgesang der Ureinwohner verträgt sich prächtig mit den Möglichkeiten des Orchesters, wie ein extra komponiertes Stück zeigt, das die Musiker als künstlerisches Souvenir von ihrem Trip mitgebracht haben.

Melodram mit Nachrichtensprecher

Experimente gelingen Nagano ebenso wie gängige Konzertmusik: Gemeinsam mit dem Nachrichtensprecher einer örtlichen Rundfunkstation führt er ein Stück für Orchester und Moderator auf. Eine Art News-Melodram, das Stimme und symphonischen Sound zu ungewohnter Einheit formt.

Ehrhardts Kamera darf ganz nah herangehen, wenn Nagano aus dem Orchesterklang seine Art der Perfektion herauspräpariert. Leise, kultiviert und dezent, aber unerbittlich fordert er detailliert formulierte Höchstleistung von seinen Musikern. Die finden's gut, fühlen sich ernst genommen und gehen sogar selbstkritisch mit ihren Talenten ins Gericht.

Die Interviews, die der Regisseurin für ihren Film gelingen, sind originell. Sie unterscheiden sich wohltuend von den Lobeshymnen anderer Künstler-Personality-Dokus. Wobei die abgebrühten und sturmgewohnten Orchestermusiker bessere Quellen sind als die zum Schluss zitierten Sanges-Kollegen Klaus Florian Vogt und Christian Gerhaher, die nur nette Worte bieten. Dafür ist ihre Interpretation von Gustav Mahlers "Lied von der Erde" gemeinsam mit Naganos Ensemble umso gelungener. Gerne hätte man davon mehr gehört als eine Kostprobe, aber das hätte den Rahmen gesprengt.

Denn auch das gehört zu Erhardts Können: Rhythmus und keine Längen. In Filmen über so unterschiedliche Musiker wie den Avantgarde-Komponisten Helmut Lachenmann und den Jazzpianisten Chick Corea hat sie das Gespür entwickelt.

Für Sujets wie den unaufgeregten und eloquenten Star Kent Nagano sollte man dann auch mal im Kino Platz nehmen - Fernsehen killt die Intensität.


"Kent Nagano - Montréal Symphony". Regie: Bettina Ehrhardt. Ab 13.1.2011.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
taiga, 12.01.2011
1. ----
Zitat von sysopKent Nagano geht gern eigene Wege. Wenn es sein muss, auch ans Ende der Welt. Wie der Dirigent im hohen Norden Kanadas mit einem Symphonieorchester Inuit-Musik macht, zeigt ein Kinofilm über den außergewöhnlichen Künstler. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,738730,00.html
Zitat: »Ganz nebenbei sind einprägsame Momentaufnahmen aus dem Riesenland Kanada entstanden, das eben nicht nur aus der Südküste mit den großen Städten besteht.« – Klingt ganz so, als liege Kanada mit seiner "Südküste" am Mittelmeer. Zu Nagano: Beeindruckend, was er sich und seinem Orchester zutraut, wohltuend, wie er den Schritt hin auf die einfachen Ureinwohner, auf das Massenpublikum im Eisstadion wagt. OT: Unbegreiflich, wie der snobistische Münchner Kulturbetrieb diesen weitherzigen Künstler und Weltbürger abserviert hat. Aber das hat, wie man in dem Beitrag sieht, auch sein Gutes.
sysop 12.01.2011
2. Lieber taiga,
...Sie haben natürlich vollkommen Recht, es ist einfach die südliche Grenze/der Süden gemeint. Bitte um Entschuldigung für das Versehen!
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