Musikfolter Künstler protestieren gegen Guantanamo-Disco

Songs von Britney Spears bis AC/DC sollten die Häftlinge in den Wahnsinn treiben - die Gefangenen von Guantanamo wurden auch mit Popmusik gefoltert. Erstmals schlossen sich jetzt prominente US-Musiker wie Pearl Jam und R.E.M. zusammen, um eine Kampagne zur Schließung des Lagers zu starten.

Eddie Vedder von Pearl Jam: Deutliche Stimme gegen Foltermusik
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Eddie Vedder von Pearl Jam: Deutliche Stimme gegen Foltermusik


Washington - Schon der Name klang zynisch: "Disco" hieß der spezielle Ort, an dem die Gefangenen von Guantanamo mit Musik zermürbt wurden. Die Folter bestand in der permanenten Wiederholung verschiedenster Songs in brachialer Lautstärke.

Zum Einsatz kamen alle möglichen Genres: Neben Heavy Metal und Pop auch Kinderlieder wie "I Love You" von Barney the Dinosaur". Text: "I love you, you love me/ We're a happy family!"

Gegen den menschenverachtenden Einsatz ihrer Stücke hatten sich Künstler erstmals im Dezember 2008 zusammengetan, quasi als kreative Nachhut des Roten Kreuzes, der Vereinten Nationen und des Europäischen Gerichtshofes, die sich schon vorher gegen den militärischen Missbrauch von Kunst ausgesprochen hatten.

Damals waren es Musiker wie James Lavelle von U.N.K.L.E., Tom Morello von Rage Against the Machine und Massive Attack gewesen, die auf Konzerten mit Schweigeminuten gegen den grausamen Einsatz ihrer Lieder protestiert hatten.

Von Britney bis AC/DC

Jetzt organisiert sich der Musikerprotest noch einmal neu, mit einer gut orchestrierten Kampagne zur Schließung von Guantanamo. Pearl Jam, R.E.M., Trent Reznor von Nine Inch Nails und weitere Künstler schlossen sich der am Dienstag gegründeten National Campaign to Close Guantanamo an.

Die Regierung habe "eine Musikbox in ein Folterinstrument verwandelt", sagte Thomas Blanton vom Forschungsinstitut National Security Archive, das im Namen der Musiker die Freigabe von Unterlagen über die Verwendung ihrer Stücke fordert.

Aus bisher veröffentlichten Dokumenten und den Aussagen von ehemaligen Guantanamo-Gefangenen geht hervor, dass unter anderem Titel von AC/DC, Britney Spears, den Bee Gees und Marilyn Manson abgespielt wurden, um Terrorverdächtige gefügig zu machen.

Unerhörtes Verfahren

Auch Häftlinge in Geheimgefängnissen der CIA seien lauter Dauerbeschallung ausgesetzt worden, sagte Jayne Huckerby vom in New York ansässigen Zentrum für Menschenrechte und weltweite Gerechtigkeit. Aus einem geheimen CIA-Dokument vom Dezember 2005 geht demnach hervor, dass laute Musik oder weißes Rauschen benutzt wurde, "um Geräusche zu verschleiern und die Kommunikation unter Gefangenen zu verhindern".

US-Präsident Barack Obama hatte zugesagt, Guantanamo bis Januar zu schließen. Unter anderem wegen des Widerstands der Republikaner im Kongress steht dieser Termin aber in Frage.

Dauerbeschallung mit extrem lauter Musik ist nicht nur ein effektives Foltermittel, im Krieg dient sie seit Jahrhunderten auch zur Steigerung der Aggression und zur Hebung der Truppenmoral. Während man etwa in der Oktoberrevolution Balladen sang, im Zweiten Weltkrieg Volkslieder schmetterte oder im Vietnam-Krieg Rock'n'Roll hörte, stöpseln in modernen Kriegen die Soldaten ihre iPods in die Musikverstärker ihrer Panzer ein und beschallen die Schlachtfelder.

dan/AP

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