Musikforschung Der Traum vom sicheren Hit

Top oder Flop? An dieser Grundfrage der Popmusik sind schon viele verzweifelt. Forscher der Universität Bristol glauben nun, mit Mitteln der Künstlichen Intelligenz und des Maschinellen Lernens die Formel gefunden zu haben, wie Hits zu prophezeien sind. Doch das dachten vor ihnen schon viele andere.

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Military Wives, Anwärterinnen auf den britischen Weihnachtshit: "Außermusikalische Gründe"
Corbis

Military Wives, Anwärterinnen auf den britischen Weihnachtshit: "Außermusikalische Gründe"


Bristol/Hamburg - John Niven hat in seinem Roman "Kill Your Friends" dem A&R-Mann ein Denkmal gesetzt, also demjenigen in den Plattenfirmen, der die Hits von morgen entdecken soll. Niven war selbst A&R geworden, weil er die Easy-Listening-Coverversion eines gewissen Mike Flowers von Oasis' "Wonderwall" entdeckt hatte, die sich dann 500.000-mal verkaufte. Seine Karriere endete, kurz nachdem ihm Coldplay angeboten wurden - er nannte sie "Radiohead für Arme" und lehnte ab. Heute sind sie die wohl größte Pop/Rock-Band der Gegenwart. Hätte die Wissenschaft ihm helfen können?

Nun, sie versucht es jedenfalls immer wieder. Vier Forscher der Universität Bristol stellten bei einem internationalen Workshop für Maschinelles Lernen und Musik in der spanischen Sierra Nevada ihre Methode vor, mit der sie vorauszusagen wagen, welche Songs es in die Top 5 der Charts schaffen werden und welche bloß in den unteren Regionen der Hitparaden, zwischen Platz 30 und 40, auftauchen werden.

Das Forscherteam unter der Leitung von Tijl de Bie untersuchte die britischen Top 40 der vergangenen 50 Jahre und ließ die Songs vom Computer auf 23 Eigenschaften abklopfen, simple wie etwa Tempo, Takt, Länge oder Lautstärke, aber auch die Komplexität der Harmonien und der Akkordfolgen und wie krachig er klingt. Die 23 unterschiedlich gewichteten Eigenschaften wurden bei neuen Songs dann mit früheren Hits abgeglichen.

Vorsicht vor Hits aus "außermusikalischen Gründen"

Auf der Website scoreahit.com listen die Künstliche-Intelligenz-Forscher einige Hits auf, die vorhersagbar waren, so wie "Crazy" von Gnarls Barkley (2006), "No Scrubs" von TLC (1999) oder "Get It On" von T. Rex (1971). Entscheidend dabei ist, dass es in unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Gewichtungen der verschiedenen Variablen gab, die die Hits prägten. Deshalb war die Wiederveröffentlichung von "Man in the Mirror" nach Michael Jacksons Tod 2009 mit dem Algorithmus nicht prognostizierbar - die Forscher sprechen von "außermusikalischen Gründen" für den Hit.

In einer anderen Sektion der Website werden aktuelle Veröffentlichungen auf ihre Hitqualitäten bewertet - am besten schneidet derzeit die US-Rapperin Nicki Minaj mit "I'm the Best" ab, während dem erfolgsverwöhnten R&B-Sänger Jason Derulo mit "Fight for You" ein beinah sicherer Flop vorausgesagt wird. Die Trefferquote liege bei 60 Prozent, sagen die Forscher.

Das ist zumindest besser als bei bisherigen Versuchen, Hits wissenschaftlich vorauszusagen. Spanische Forscher entwickelten Anfang der Nullerjahre bereits einen ähnlichen Vergleichslogarithmus, den sie unter dem Namen Hit Song Science auch kommerziell vermarkten - hier werden die analysierten Songs nach ihrer Nähe zu Clustern von früheren Hits bewertet. Angeblich sollen die Titel des Erfolgsalbums "Come Away with Me" allesamt Top-Bewertungen bekommen haben, als ihre Interpretin Norah Jones noch eine unbekannte Jazzsängerin war. Labels und Produzenten können ihre Musik unter uplaya.com zur Bewertung einreichen. Doch eine Studie zweier französischer Forscher wies nach: "Hit Song Science is not yet a science" - wissenschaftlichen Ansprüchen genüge die Methode noch nicht.

Forscher der Universität Tel Aviv sagten Hits voraus aufgrund von geografischen Häufungen im Filesharing-System Gnutella: Was in der Heimat der Künstler oft heruntergeladen wird, werde wohl auch bald im ganzen Land ein Hit, so die These.

Hirnforschung funktioniert nicht als Hitforschung

Einen ganz anderen Zugang wählten Hirnforscher der Emory University in Atlanta: Musiker und Labels glauben ja oft zu wissen, ob ein Song ein Hit wird - doch dann ist da noch das unzuverlässige Publikum. Also ließen die US-Forscher die Hirnaktivitäten jugendlicher Probanden beim Hören verschiedener Songs messen. Es gab zwar überraschende Reaktionen auf Lieder, von denen die Teenager behauptet hatten, sie hätten nichts für sie übrig. Doch einen signifikanten Vorhersagewert konnten die Neurowissenschaftler nicht feststellen.

Auch bei der stets hart umkämpften Weihnachts-Nummer-eins in Großbritannien werden die Wettbüros sich nicht über wissenschaftliche Verfälschungen beschweren können. Mit musikalischen Algorithmen wie denen von scoreahit.com wird kaum festzustellen sein, ob der Siegertitel der kürzlich beendeten "X Factor"-Staffel wie üblich gewinnen wird oder doch ein Chor von den Ehefrauen britischer Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt werden.

Seine Stärken hat die Hitformel der Forscher aus Bristol allerdings als Analyseinstrument der historischen Veränderungen des Publikumsgeschmacks. So seien die Hits über die Jahre immer lauter geworden. Vor den späten Siebzigern habe die Tanzbarkeit kaum eine Rolle gespielt. Seit den Neunzigern seien die Erfolgstitel zwar harmonisch komplexer, aber rhythmisch simpler geworden.



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Seite 1
user543 21.12.2011
1. Chartsmusik war und ist unerträglich!
Chartsmusik war schon immer unerträglich und wird es immer bleiben, da hilft die beste Software nichts. Für Menschen mit gebildetem Gehör ist Chartsmusik eine Folter. Der Geschmack der breiten Masse ist musikalisch nicht nachvollziehbar. Aber die breite Masse hört Musik auch aus anderen Gründen. Im Grunde genau aus dem Gegenteil. Ich zum Beispiel höre Musik, um mich auf die Musik zu konzentrieren, um die Musik zu geniesen, und um für mein Instrument davon zu lernen, indem ich interessante Phrasen heraushöre. Die breite Masse der Menschen hört Musik, um das Gegenteil zu erreichen: Die wollen ihren Geist zerstreuen und von anderen Dingen ablenken. Die breite Masse hat keine eigenen Träume, Wünsche und Ziele, darum brauchen sie einen "Star", der ihre Wünsche und Träume lebt, damit sie ihm dabei zuschauen können, oder ihn wenigstens als "Kleiderbügel" für ihre Träume benutzen können.
der_rookie 21.12.2011
2. Hm
Das kann nicht funktionieren: Gäbe es die Superformel für Nummer-1 Hits, dann würde jeder Produzent gemäß dieser Formel jede Woche einen neuen Hit produzieren. Nur leider gibt es mehr als einen Produzenten, aber nur einen Platz 1 in den Charts...
divina_commedia 21.12.2011
3.
Zitat von user543Chartsmusik war schon immer unerträglich und wird es immer bleiben, da hilft die beste Software nichts. Für Menschen mit gebildetem Gehör ist Chartsmusik eine Folter. Der Geschmack der breiten Masse ist musikalisch nicht nachvollziehbar. Aber die breite Masse hört Musik auch aus anderen Gründen. Im Grunde genau aus dem Gegenteil. Ich zum Beispiel höre Musik, um mich auf die Musik zu konzentrieren, um die Musik zu geniesen, und um für mein Instrument davon zu lernen, indem ich interessante Phrasen heraushöre. Die breite Masse der Menschen hört Musik, um das Gegenteil zu erreichen: Die wollen ihren Geist zerstreuen und von anderen Dingen ablenken. Die breite Masse hat keine eigenen Träume, Wünsche und Ziele, darum brauchen sie einen "Star", der ihre Wünsche und Träume lebt, damit sie ihm dabei zuschauen können, oder ihn wenigstens als "Kleiderbügel" für ihre Träume benutzen können.
Der pauschalisierende Kleingeist neigt in der Regel dazu seinen begrenzten Horizont als Maß aller Dinge anzupreisen. Da hilft es auch nicht sich arrogant als Wesen mit elitärer Hörfunktion zu profilieren. Ihre geschmackliche Individualisierung in allen Ehren, aber Musik ist Unterhaltung und Inspiration ein Symbiose. Ob in Erscheinungsform eines Rihannalieds oder einer klassischen Oper. Wobei die Qualität von lyrischer Handlung, Rythmus und Instrumentenwahl eindeutig variirt. Ebenso schaut der eine gern anspruchsvolle Politthriller und der andere Trashfilme. Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Über die Diffarmierung der, Ihrer Meinung nach, verblendeten Hörer schon. Jedem das seine. Auch wenn ich selbst eher ein Freund der Independetkünstler bin, die ihre Werke im Heimstudio eigenhändig produzieren, so gibt es doch den ein oder anderen "Charthit" der es vermag mich zu begeistern. Selbst wenn mein primärer Musikgeschmack von einem vollkommen anderen Genre geprägt wurde.
cor 21.12.2011
4. Da muss man nicht forschen
Die Nummer-1 Hits werden doch seit Jahren von den Produzenten und der Musikindustrie vorgegeben. Die sagen, was toll ist, und die anspruchslosen Radio-Hörer finden dann den Titel "voll geil".
cor 21.12.2011
5. So einfach ist es eben nicht
Zitat von divina_commediaDer pauschalisierende Kleingeist neigt in der Regel dazu seinen begrenzten Horizont als Maß aller Dinge anzupreisen. Da hilft es auch nicht sich arrogant als Wesen mit elitärer Hörfunktion zu profilieren. Ihre geschmackliche Individualisierung in allen Ehren, aber Musik ist Unterhaltung und Inspiration ein Symbiose. Ob in Erscheinungsform eines Rihannalieds oder einer klassischen Oper. Wobei die Qualität von lyrischer Handlung, Rythmus und Instrumentenwahl eindeutig variirt. Ebenso schaut der eine gern anspruchsvolle Politthriller und der andere Trashfilme. Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Über die Diffarmierung der, Ihrer Meinung nach, verblendeten Hörer schon. Jedem das seine. Auch wenn ich selbst eher ein Freund der Independetkünstler bin, die ihre Werke im Heimstudio eigenhändig produzieren, so gibt es doch den ein oder anderen "Charthit" der es vermag mich zu begeistern. Selbst wenn mein primärer Musikgeschmack von einem vollkommen anderen Genre geprägt wurde.
So einfach ist es nicht. Fakt ist nämlich, das dieser tolle "Geschmack", der per Definition subjektiv sein sollte, nämlich von der Industrie vorgegeben wird und daher ziemlich künstlich angehaucht ist. Es hat nämlich nicht viel mit Geschmack zu tun, sondern vor allem mit vorgegeben Trends. Oder wie erklären Sie sich sonst, dass "Schnappi" beispielsweise Wochenlang auf Platz 1 war? Glauben Sie, dass die Hörer diesen Titel wirklich gut fanden oder war er doch nur einfach "In"? Genau HIER liegt das Problem. Letzteres ist nämlich vor allem der Fall. Der "Trend" und die "Coolness" stehen im Vordergrund, während der eigentlich Sinn für das künstlerische, nämlich die Musik, völlig in den Hintergrund rutscht. Und das Ergebnis hört man jeden Tag im Radio. Ich habe bereits kapituliert und sehe das ähnlich wie der von Ihnen zitierte Mitforist. So einfach nur über den "Geschmack" zu erklären, wie Sie das hier machen, ist es nämlich hinten und vorne nicht!
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