Erfolg von Spotify und Co. Musikindustrie happy, Musiker sauer

Eine Branche jubiliert: Die Erfolge von Spotify und Co. bescheren der kränkelnden Musikindustrie steigende Umsätze. Doch im Gegenzug wächst die Skepsis unter Musikern. Sie beklagen die geringen Vergütungen - und fordern einen fairen Deal von den Streaming-Anbietern.

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Fast schon triumphal klingt die Presseerklärung des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI): Um mehr als 130 Prozent seien die Umsätze durch Musik-Streaming-Dienste im ersten Halbjahr 2013 im Jahresvergleich angestiegen, vermeldete man diese Woche. BVMI-Geschäftsführer Florian Drücke hofft auf "neue Zielgruppen für den legalen Musikmarkt". Dazu zählt er "neben denen, die sich bislang vorrangig illegal versorgt haben, auch die anderen zahlreichen 'Nichtkäufer' von Musik, die immerhin knapp 64 Prozent der Deutschen ausmachen."

Die Streaming-Dienste, unter denen Spotify der wohl bekannteste ist, sind eindeutig ein Wachstumsmarkt, gerade in Deutschland, wo sie erst einen Marktanteil von 3,2 Prozent haben. Doch auch in Schweden, dem Herkunftsland von Spotify, wo Musik-Flatrates bereits 70 Prozent des gesamten Umsatzes mit Musikaufnahmen ausmachen, ist offensichtlich noch Luft nach oben. Der Umsatz der Streaming-Dienste stieg im ersten Halbjahr 2013 um satte zwölf Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum.

Die Musikindustrie sieht also endlich Licht am Ende des Tunnels, in den sie Ende der Neunziger mit dem Aufkommen von MP3-Dateien im Internet und den entsprechenden Tauschbörsen reingerauscht ist. Und auch viele Hörer schätzen den Komfort des Musikhörens mit Streaming-Abo: riesiges Angebot, einfache Handhabung. Die Zahl der Nutzer belegt die Attraktivität des Angebots: Spotify spricht von 24 Millionen aktiven weltweit, von denen sechs Millionen für ein Abonnement zahlen.

Streaming belohnt Großen

Doch ausgerechnet diejenigen, die die gestreamten Inhalte liefern, sind unzufrieden mit Spotify und Co. Waren es anfangs eher unbekannte Künstler, die ihren Missmut über die allzu geringe Vergütung kundtaten, so haben sich nun mit Thom Yorke, dem Songwriter der Band Radiohead, und seinem Produzenten Nigel Godrich zwei sehr renommierte Persönlichkeiten in die Debatte eingeschaltet.

Yorke twitterte, man solle sich keine Illusionen machen: Neue Bands, die man bei Spotify entdecke, kämen finanziell mies weg - im Gegensatz zu den Shareholdern der Firma. Und Godrich, der neben Radiohead auch Beck, Air oder Travis produziert hat, führte das Argument in einer Reihe von Tweets weiter aus. Von den Einnahmen, die Spotify mit Werbung und Abo-Gebühren erziele, profitierten neben den Anteilseignern - zu denen die großen Musikkonzerne Universal, Warner und Sony zählen - vor allem die Plattenfirmen mit einem umfangreichen Backkatalog erfolgreicher, bereits abgeschriebener Aufnahmen. Also wiederum die großen Musikkonzerne Universal, Warner und Sony.

Die Konsequenz für Yorke und Godrich: Sie haben die Musik ihres gemeinsamen Projektes Atoms For Peace ebenso von Spotify abgezogen wie das Solowerk von Yorke. Radiohead ist dort allerdings weiterhin vertreten.

Kritiker beanstanden zudem immer wieder die äußerst geringen Summen, die Spotify pro gestreamtem Song zahlt. Damon Krukowski, einst Mitglied der einflussreichen Indieband Galaxie 500, errechnete eine Rate von 0,004611 Dollar für jedes Mal, das der Galaxie-500-Song "Tugboat" abgespielt werde. Für den DJ Scaramanga Silk reichte dies einem offenen Brief zufolge immerhin schon für ein eigenes Häuschen - allerdings aus Lego.

Die Kannibalenfrage

Spotify reagierte auf Yorke und Godrich: Man wolle einen Dienst bieten, der letztlich der Musikindustrie die Mittel bereitstelle, um in neue Talente zu investieren. Zudem bemühe man sich, der künstlerfreundlichste Anbieter auf dem Markt zu sein: Bis Ende 2013 werde man eine Milliarde US-Dollar an die Rechteinhaber ausgezahlt haben.

Wenn der Kuchen wächst, also Spotify und Co. noch mehr zahlende Abonnenten finden, wird auch der Anteil wachsen, den unabhängige oder neue Künstler erhalten - das ist grundsätzlich sicher richtig. Doch das Ungleichgewicht im Vergleich zu den Majors und ihrem umfangreichen Katalog, auf das Godrich hinweist, bliebe dennoch bestehen.

Die britische Musikergewerkschaft fordert daher nun einen neuen Deal für die Musiker. Während schon ein einmal gespielter dreiminütiger Song im BBC-Radio 59,73 Pfund für den oder die Songwriter einbringe und etwa noch einmal dieselbe Summe aufgeteilt zwischen Plattenfirma und Interpreten, bekomme der Interpret schlappe 0,4 Pence pro Stream bei Spotify. Wobei ein paar Pence natürlich besser sind als gar nichts: Denn viele Musiker werden so gut wie nie im Radio gespielt - aber sie haben eine Fangemeinde, die ihre Musik über Spotify anhört.

Umstritten war lange, ob die Streaming-Dienste den Musikverkäufen in Form von digitalen Downloads, zum Beispiel bei iTunes, schaden. Der Deutschland-Chef von Spotify, Stefan Zilch, bestritt das im April gegenüber dem SPIEGEL: "Bislang haben wir niemanden kannibalisiert - außer der Musikpiraterie. Viele Menschen wollen den Song immer noch besitzen." Neue Zahlen scheinen dem zu widersprechen: Im ersten Halbjahr 2013 gingen in den USA erstmals die Umsätze mit Downloadverkäufen zurück, und im mutmaßlichen Trendsetterland Schweden sanken sie sogar um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Aber vielleicht stimmt es ja dennoch, dass viele Menschen Musik immer noch besitzen wollen. Womöglich wollen sie diesen Besitz nur in der Hand halten können. Der Nischenmarkt mit Vinyl-Platten wächst auch im Streaming-Land Schweden - und dort sogar um 50 Prozent.

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Spiegelwahr 24.07.2013
1. Macht Konzerte
Es gibt nur eine Antwort, geht raus, verkündigt euere Botschaft und macht vor allen Konzerte für euere Fans und andere. Abends zuhause sitzen und Geld zählen, die Zeiten sind schon lange für Musiker vorbei. Jeder Andere muss jeden Tag arbeiten für sein Geld, warum soll das für Musiker nicht auch normal sein.
krampf 24.07.2013
2.
Zitat von sysopAPEine Branche jubiliert: Die Erfolge von Spotify und Co bescheren der kränkelnden Musikindustrie steigende Umsätze. Doch im Gegenzug wächst die Skepsis unter Musikern. Sie beklagen die geringen Vergütungen - und fordern einen fairen Deal von den Streaming-Anbietern. http://www.spiegel.de/kultur/musik/musikindustrie-bejubelt-spotify-musiker-sind-skeptisch-a-912679.html
Eventuell hätte der Autor wenigstens einmal den Link anklicken soll welchen er hier veröffentlicht hat. Dann wäre ihm vielleicht aufgefallen, was für ein Haus sich der genannte DJ leisten konnte. Durften mal wieder die Schülerpraktikanten an die Tastatur?
srb.armatus 24.07.2013
3. Ja und?
Wie viel kommt denn nu am Ende des Tages für Radiohead raus?! Das sind ziemlich viele Sätze in dem Artikel aber ich bin jetzt genau so schlau wie ich vorm lesen war. Wenn die da als band im monat nur 1000€ verdienen is natürlich ein bisschen mager. Wenn da jedes Mitglied 3000€ verdient dann ist doch alles ok. also wie gesagt: Zahlen währen hier echt hilfreich
stefanf 24.07.2013
4. 'Haus' gekauft
Der Fomulierung des Artikels ist nicht zu entnehmen, ob der Autor den verlinkten offenen Brief von DJ Scaramanga Silk tatsaechlich gelesen hat (moeglicherweise hab ich den Sarkasmus aber nicht erkannt). Am Ende des Briefes ist ein Foto des Hauses verlinkt, was alles weitere erlaeutern sollte...
moev 24.07.2013
5.
Zitat von sysopAPEine Branche jubiliert: Die Erfolge von Spotify und Co bescheren der kränkelnden Musikindustrie steigende Umsätze. Doch im Gegenzug wächst die Skepsis unter Musikern. Sie beklagen die geringen Vergütungen - und fordern einen fairen Deal von den Streaming-Anbietern. http://www.spiegel.de/kultur/musik/musikindustrie-bejubelt-spotify-musiker-sind-skeptisch-a-912679.html
Jetzt stellt sich natürlich die Frage wie viele Leute hören den Song im Radio vs. wie viele Leute hören den Song beim Stream. Bei Stream wird es wohl nahe an 1 Zuhörer/Stream sein, die Frage ist wie hoch die Zuhörerquote so im Radio sind. Wenn 14.900 vorm Radio sitzen wird beides in etwas gleich vergütet, wenn weniger davor sitzen vergütet Radio höher und wenn es mehr sind vergütet Spotify besser
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