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Musikmanager Tim Renner: "Ich agierte fremdgesteuert"

Im Januar trat Tim Renner, 39, spektakulär als Präsident des Musikgiganten Universal ab. Zur nun in Berlin beginnenden Popkomm kehrt er mit einem Buch und einem Radiosender zurück. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über das eigene Scheitern und Sofortmaßnahmen für die kriselnde Branche.

Labelmanager Renner: "Beschäftige dich damit, wie du Konsum generieren kannst!"
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Labelmanager Renner: "Beschäftige dich damit, wie du Konsum generieren kannst!"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Renner, Ihr Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm" beginnt mit den Worten: Das ist eine Geschichte des Scheiterns. Wann begann Ihr berufliches Scheitern?

Tim Renner: Als die Techno-Welle ihren Höhepunkt erreichte, habe ich die eine oder andere Sache gemacht, auf die ich im Nachhinein nicht wirklich stolz bin. Ich war wie alle bei Motor vom ungeheueren Erfolg angefixt, man taumelte von Goldverleihung zu Goldverleihung und ließ inhaltlich auch banale Platten zu. Im Rückblick ist da einiges peinlich, aber bitter wurde das alles erst im Rahmen der Fusion von Universal und Polygram.

SPIEGEL ONLINE: Als die beiden Musik-Giganten fusionierten, wurde Ihnen klar, dass Sie Ihre Ziele verfehlen würden?

Renner: Das Ziel der Firmenintegration, auf Teufel komm raus einzusparen, um den Aufkauf der Polygram zu finanzieren, hatte mit eigenen Zielen rein gar nichts zu tun. Ich konnte mich damals kaum durchsetzen. Das war sehr frustrierend. Man mag Titel wie "Computerliebe" von Das Modul als Kulturverbrechen sehen, aber wenigstens habe ich das freiwillig begangen. Bei der Fusion blieb mir nur übrig, umzusetzen, was auf anderen Schreibtischen ausbaldowert wurde. Ich agierte fremdgesteuert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie damals überlegt, Universal zu verlassen?

Renner: Ich war gerade auf den Posten des Musikpräsidenten gerutscht, plötzlich für alle Universal-Musikfirmen zuständig und trotz des anfänglichen Entsetzens natürlich geschmeichelt und gespannt auf das, was kommen würde.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Image als Lichtgestalt der Branche hat nach dem schmerzhaften Zusammenschluss der beiden Konzerne ziemlich gelitten. Viele Künstler haben den Glauben an Ihre Person verloren.

Renner: Es ist ein ähnliches Dilemma wie in der Bundesregierung zu sein. Wenn man an der Macht sitzt, ist das Drama, dass man viele Sachen anschieben muss, die handlungsgebunden sind. Die Regierung muss vielleicht eine Maßnahme der Europäischen Union durchsetzen, gegen die sie gestimmt hat - wo man sich aber der Mehrheit beugen muss. Mir ging das genauso. Vermeiden kann man das nur, wenn man keine Verantwortung übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: 1993, in einer Zukunftswerkstatt Ihrer Firma haben Sie bereits heutige Standards wie Internet und File-Download vorhergesagt. Warum hat niemand auf Sie gehört - weder bei Polygram noch später bei Universal?

Renner: Die Entscheidung für Zukunftsstrategien werden fatalerweise außerhalb der Landesgesellschaften gefällt. In den Zentralen haben die Manager keine Berührung mit dem realen Markt. Sie orientieren sich wie eine Gänsemutter am langsamsten Küken, um einen Gleichstand der Territorien zu gewährleisten. Der Markt lief dank des CD-Booms hervorragend, keiner hatte Interesse an Veränderungen. Als kleiner Geschäftsführer war meine Stimme zu schwach, um dort gehört zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie der Musikindustrie heute als Sofortmaßnahme?

Renner: Ich rate der Industrie: Beschäftige dich damit, wie du Konsum generieren kannst! Je besser deine illegale Konkurrenz im Netz, desto besser musst du sein! Kurzfristig muss sie sich auf non-physische Tonträger wie MP3 stürzen. Ich habe mir ein Loch in den Bauch gefreut, als ich gelesen habe, dass selbst mein Ex-Chef jetzt denkt, das sei der Weg zur Rettung.

Populärer MP3-Player iPod: "Wenn ich etwas richtig mag, wünsche ich mir viel mehr Fläche"
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SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind mit Musikformaten wie Schallplatte, Musik-Kassette und CD aufgewachsen. Können Sie überhaupt eine emotionale Bindung zu einem MP3-File knüpfen?

Renner: Natürlich, ich besitze viele Lieder nur auf meinem i-Pod als File.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch mahnen Sie in Ihrem Buch an, das haptische Erlebnis von Musik wieder zu verbessern. Ist das kein Widerspruch für Sie?

Renner: Wenn ich etwas richtig mag, wünsche ich mir viel mehr Fläche, auf der die Musik dargestellt wird - in einem aufwändigen Booklet zum Beispiel. Es gibt aber auch viele Sachen, die ich ganz interessant finde, bei denen mich aber die herumfliegenden Plastikscheiben nur nerven. Da reicht mir ein reduziertes File.

SPIEGEL ONLINE: Es muss also weiterhin alle Formate geben?

Renner: Ja, aber die Kette ist heute anders. Wenn ich einen Download toll finde, werde ich mich im schlimmsten Fall durch einen Saturn- oder Makromarkt kämpfen, bis ich das Ding als CD in der Hand habe. Die Herstellung von Deluxe-Versionen stellt ein Kostenrisiko dar, aber Sie müssen sicherstellen, dass ich losmarschiere, weil ich panische Angst habe, so eine limitierte Edition nicht mehr zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Die BMG versucht das gerade mit der CD in drei Kostenstufen. Ist das der richtige Weg?

Renner: Es ist sehr erfreulich, dass hier begonnen wird, mit Preisen zu spielen. Ich finde das Produkt, das als Billigvariante herauskommt, allerdings grenzwertig. Mir als Konsument ist es schwer verständlich, wieso eine CD knapp 10 Euro kostet, die aussieht wie eine selbstgebrannte.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Musikindustrie in Zukunft gespalten? Einerseits Billigprodukte aus dem TV-Marketing, andererseits glaubwürdige Bands?

Renner: Beides wird es geben. Aber die Fernsehsender werden selbst stärker in den Vordergrund treten. Es ergibt auf Dauer wenig Sinn, dass die Sender Schallplattenfirmen beteiligen - wenn sie doch selbst den Künstler generieren. Ich gehe davon aus, dass vor Ende des nächsten Jahres beide großen Fernsehkonzerne - RTL und ProSiebenSat.1 - Popmusik auf den Markt bringen.

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SPIEGEL ONLINE: Wozu brauchen wir die großen Firmen überhaupt noch? Sie schreiben selbst, dass nun die Stunde der unabhängigen Labels geschlagen hat.

Renner: Die großen globalen Konzerne haben noch eine Funktion: die Durchsetzung von internationalen Künstlern dank eines global aufeinander abgestimmten Netzwerkes. Madonna und Robbie Williams müssen auf einen Schlag stimmig vermarktet werden. Das kann ein Independent-Netzwerk nie bieten.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es heute um die Marke Motor, die Sie aufgebaut haben?

Renner: Die Verträge der Künstler sind mit Universal Music abgeschlossen. Der Name Motor gehört mir. Motor ist in diesem Moment eine Marke ohne Künstler - es existiert nur die Website, deren Logo aber weiterhin auf jeder Künstler-CD zu sehen ist.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie Künstler unter Vertrag nehmen?

Renner: Es reizt mich, zumal ich das in meinem bezahlten Selbstfindungsprozess, der mein Buch ist, avisiert habe. Aber ich habe keinen Zeitdruck. Zur Popkomm feiere ich erst einmal zehn Jahre Motor.

SPIEGEL ONLINE: Stehen von Ihnen entdeckte und geförderte Universal-Künstler wie Rammstein oder Element Of Crime schon Schlange?

Renner: Dort, wo sie nicht vertraglich gebunden sind, ist ein Engagement sicher denkbar. Ich werde aber ganz sicher keinen Künstler zum Vertragsbruch auffordern.

SPIEGEL ONLINE: Warum versuchen Sie so verzweifelt, die letzte Berliner UKW-Frequenz für Ihren Radiosender Motor FM zu erhalten?

Renner: Verzweifelt nicht. Ich habe einen Antrag gestellt. Wir befinden uns in einem Übergangszeitraum. Noch brauche ich die analoge Welt, um die digitale zu forcieren. Motor FM soll Neues vorstellen und alle gespielten Songs auch im Netz zum bezahlten Herunterladen anbieten. Der Sender wird wie ein traditioneller Plattenhändler sein, der dem Kunden vor die Nase hält, was er gerade wieder selbst entdeckt hat.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Plattenfirmen denn ihre Lieder an Sie lizenzieren?

Renner: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder arbeiten wir mit denjenigen zusammen, die bereits lizenzierte Musik haben - Stichwort Apple. Oder man macht Firmen klar, dass es ungeheuer wichtig ist, auf der Playlist einer wunderbaren Station wie Motor FM zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie feiern zehn Jahre Motor. Werden Sie die Chefs von Universal zur Party einladen?

Renner: Es wäre schlechter Stil, es nicht zu tun. Danke für die Anregung.

Interview: Andreas Borcholte, Ulf Lippitz

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