Musikpreis Echo Macht es lieber anders - oder lasst es endlich sein

Bei der Echo-Verleihung feiert die Musikindustrie heute Abend mal wieder ihre Megaseller. Deutscher Pop hat aber viel mehr zu bieten als immer nur Helene Fischer, Andreas Bourani und Revolverheld. Es wird Zeit, dass der wichtigste nationale Musikpreis das auch abbildet.

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Echo-Gewinnerin Helene Fischer (2014): Auch in diesem Jahr wieder nominiert
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Echo-Gewinnerin Helene Fischer (2014): Auch in diesem Jahr wieder nominiert


Ich habe nichts gegen Andreas Bourani und Helene Fischer. Ich habe auch nichts gegen Revolverheld, Die Toten Hosen und Andreas Gabalier, aber wissen Sie was? Ich kann sie nicht mehr sehen. Und hören schon gar nicht. Es reicht! Ein Jahr "Atemlos" und "Auf uns" ist genug.

Und doch werde ich heute Abend im Palais am Funkturm sitzen, als Gast der 24. Verleihung des Musikpreises Echo, und wer wird sich feiern lassen? Wer wird auftreten, singen und vermutlich jede Menge Preise bekommen? Fischer, Bourani, Gabalier, Hosen und Revolverheld. Jede Wette. Und damit wäre dann fast alles so wie im vergangenen Jahr. Denn wie durch ein Wunder ist Helene Fischer mit ihrem im Oktober 2013 veröffentlichten Mega-Blockbuster für den Song und das Album des Jahres nominiert.

Regeln? Egal. Hauptsache, Helene Fischer tritt auf

Wie das sein kann? Das fragen Sie am besten den Bundesverband der Deutschen Musikindustrie, der die Regeln wohl manchmal nicht so streng nimmt, wenn es um "unsere" Helene geht. Hauptsache, sie tritt auf und man kann ihr Preise überreichen. Dann stimmt auch die Einschaltquote bei der ARD, und der Beinahe-Monopolist Universal Music, der einen Großteil der Echo-Nominierten unter Vertrag hat, ist zufrieden. So rocken sie dann alle atemlos vor Glück durch die Nacht. Dafür nimmt man dann auch gerne in Kauf, dass sich wichtige deutsche Nachwuchs-Acts wie Kraftklub angeekelt vom wichtigsten deutschen Musikpreis abwenden.

Warner Music, um auch mal einen der anderen beiden Player zu benennen (der dritte im Bunde ist Sony) kann die Korken knallen lassen, weil die Newcomerin Alexa Feser aus dem Stand als Künstlerin "Rock/Pop National" nominiert wurde, nachdem sie monatelang mit aggressivstem PR-Druck in die Medien und schließlich in den ESC-Vorentscheid gedrückt wurde. Eigentlich hätte nicht Feser selbst, sondern die Promotion-Abteilung der Plattenfirma eine Nominierung verdient. Ehrlicher wäre es allemal.

Es gibt so viel Gutes!

Beim Echo ist es wie bei den Oscars, nur umgekehrt: In Hollywood herrscht das ganze Jahr über Kapitalismus pur, alles unter einer Milliarde Welt-Umsatz ist Peanuts, ein einfallsloses Sequel, das an basischste Emotionen und allerkleinste gemeinsame Nenner appelliert, jagt das nächste. Aber bei den Oscars dominiert der Kunst-Anspruch, werden auch unabhängige, teils kritische Autorenfilme und nicht ganz so knalliges Qualitätskino ausgezeichnet. Die Megaseller müssen sich zumeist mit den technischen Kategorien begnügen. Ist das verlogen? Nein, es ist ein faires System, denn der Oscar-Gewinn, manchmal reicht allein die Nominierung, garantiert dem Arthouse-Kino einen Zulauf, den es sonst im Schatten der Popcorn-Filme nicht hat. Das Ergebnis ist Vielfalt.

Und beim Echo? Werden ausschließlich die Mega-Blockbuster ausgezeichnet. Dabei könnte der Echo mit seinem Aufgebot der großen Stars die Bühne bereiten für Abseitigeres, Alternatives, Schwierigeres, Elektronisches oder gar Experimentelles. Allein das vergangene Jahr hat tolle deutsche Künstler hervorgebracht: Die R&B-Sängerin Lary, die Pop-Chanteuse Balbina, die Berliner Post-Punkrocker Isolation Berlin, Die Nerven, Trümmer, Rapper wie Grim 104, um nur einige wenige zu nennen. Aber solche "Indies" haben es schwer, sich gegen das Diktat der Majorlabels durchzusetzen. Das Ergebnis ist Einfalt. Und schreckliche Langeweile.

Nächstes Jahr wird der Echo zum 25. Mal verliehen. Eine Chance für die deutsche Musikindustrie, noch einmal gründlich über ihre öde, selbstbesoffene Leistungsschau nachzudenken - und der Welt, mit deren Grammys und Brit Awards man sich gerne vergleicht, zu zeigen, dass die deutsche Musikszene mehr zu bieten hat als Fischer, Bourani, Gabalier, Hosen und Revolverheld.

Der Autor ist Mitglied der Jury, die den Echo-Kritikerpreis vergibt.

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Seite 1
abby_thur 26.03.2015
1.
"Die R&B-Sängerin Lary, die Pop-Chanteuse Balbina, die Berliner Post-Punkrocker Isolation Berlin, Die Nerven, Trümmer, Rapper wie Grim 104, um nur einige wenige zu nennen." Nett, aber die will keiner bei der Echo-Verleihung sehen- ob die überhaupt kommen würden? Und wenn sie kommen,am Ende nicht nur, um genauso berühmt wie Helene zu werden? Ist das wirklich besser? Beim Echo gehts um Verkaufszahlen,stellen Sie sich mal vor Sie wären Verkäufer und hätten im letzten Jahr viele Produkte verkauft-und dann bekäme der Verkäufer, der wesentlich weniger abgesetzt hat auch einen Preis, würde das Ihren Preis nicht abwerten? So läuft es auch in der Musikwelt. Man kann den Echo ernst nehmen, ihn als Aschenbecher verwenden (O-Ton Campino) und sich im Nachhinein auf den gratis Alkohol un das Bufet stürzen - oder ihm einfach fernbleiben. Die Ärzte beispielsweise tun letzteres.
DougStamper 26.03.2015
2. Irrelevant
Ich glaube ich kenne niemanden der sich diese Selbstbeweihräucherung anschaut. Die Nominierten hören sich allesamt gleich an. Inhaltsloses Gestammel mit ner schönen Melodie zum mitpfeifen für die ü50 Generation.
olebjoernmose 26.03.2015
3. Ignorant
Ach so, die Indies haben es so schwer? Was ist dann mit der überaus erfolgreichen Band Frei.Wild, zum dritten oder vierten Mal in Folge on der Verkaufserfolge nominiert? Die haben ihr eigenes Indie-Label, machen so gut wie alles selbst und rocken ganz oben mit, aber das verschweigt der Autor natürlich gerne wieder, vermutlich ist er befangen oder neidisch. Stattdessen werden irgendwelche Bands auf den hinteren Reihen erwähnt, die nicht einen Bruchteil des Erfolges haben. Chapeu!
wolfgang.milhahn 26.03.2015
4. Echo
Dank an den Verfasser dieses Artikels. Er spricht mir zutiefst aus meiner musikalischen Seele. Weiter solche Artikel und reißt den Monopolen die Maske vom Gesicht.
cburgdorff 26.03.2015
5. Wie wahr, wie wahr!
Eine Selbstbeweihräucherungsshow, bei der die Gewinner eh feststehen, wenn man auch nur einen Hauch eines Überblicks über die bundesdeutschen Charts hat. Gewinnen werden wie immer die Mittleren, Gemäßigten, die Mitklatschsänger und Rockschlagersänger - und das alles im Midtempo arrangiert, damit es auch ja nicht zu hektisch wird. Der ECHO ist daher mit Abstand die langweiligste Show im deutschen Fernsehen, ohne Überraschungen und hat wenig mit Kunst, einem künstlerischen Anspruch oder gar einer musikalischen Entdeckungsreise zu tun. Giesskannenartig werden Preise an altbekannte (und offensichtlich beliebte und erfolgreiche) Künstler vergeben. Schade! Traut Euch mal was. Man muß ja nicht gleich so überteiben wie bei den Grammy's, wo in jedem Jahr in allererdenklichsten Kategorien wie z.B. dem besten Sandwichcatering, aber auch jeder US-Musiker ausgezeichnet wird, der nur einen Pieps von sich gegeben hat. Aber das die ARD im Jahr 25 etwas anders machen wird, bleibt Illusion (s. ESC-Vorentscheid, auch hier gewann ein Mitklatschrockschlager): Also, gebt den Affen weiterhin Zucker, und möglichst immer die gleichen Stücke ;-). Auf das Langeweile auch im nächsten Jahr regiere.
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