Musikpreis Echo Zwischen Pest und Langeweile

Mehr Jurybeteiligung, weniger Kategorien, neuer TV-Sender: Der wichtigste deutsche Musikpreis "Echo" hat sich nach heftiger Kritik ein Umbau-Programm verordnet. Leider gehen die Maßnahmen am Hauptproblem vorbei.

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Eine Frechheit! Im Januar hatte sich Helene Fischers Album "Weihnachten" eine Million Mal verkauft, da wäre doch eigentlich eine Echo-Nominierung drin gewesen. Aber in der Nominierungsliste für den Echo 2017 ist die Fischer diesmal nicht zu finden, es wurde sogar gemunkelt, dass sie zur Verleihung am Donnerstag in Berlin noch nicht mal eingeladen ist.

What? Eine neue Kategorie hätte man doch schnell gefunden! "Megaseller national" etwa oder einfach "Helene". Immerhin hält die Schlagersängerin in der Geschichte des wichtigsten deutschen Musikpreises den Rekord für die meisten Auszeichnungen, sie hat 16 Echos. Natürlich auch einen für "Weihnachten", aus dem letzten Jahr, in dem sie insgesamt vier gewann.

Zunehmend deutschtümelnd

Auf der ewigen Echo-Rangliste folgen dann die Kastelruther Spatzen mit 13, aber die zählen streng genommen nicht, weil sie aus Südtirol stammen. Ebenso übrigens wie die wegen ihrer völkischen Blut- und Boden-Lyrik umstrittene Rockgruppe Freiwild, die im letzten Jahr dann doch noch einen Echo gewann, in der Kategorie "Rock Alternative National". Äh? Ja. Auch in diesem Jahr sind Freiwild wieder nominiert, neben Schandmaul, In Extremo und den Böhsen Onkelz in der zunehmend deutschtümelnden Sparte "Rock National".

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Echo-Nominierte: Aufmarsch der Immergleichen

Und damit ist man dann schon mittendrin in den Widersprüchen und Willkürlichkeiten, die dazu geführt haben, dass allein das Wort "Echo" in der Branche schon lange zu verkniffenen Gesichtern und lautem Frust-Stöhnen führt. Wichtigster Musikpreis? Ein Witz. Aber einer, den man so oft gehört hat, dass einem selbst das müdeste Lächeln nicht mehr gelingen will.

"Erschöpft und müde" fand selbst ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber den Echo, als er Ende letzten Jahres verkündete, dass das Erste den Echo nicht mehr live übertragen werde. Auslöser für die Absage war unter anderem der miesgelaunte Auftritt des Rappers Sido in der letzten Show, Zitat: "Die sind so dumm hier beim Echo." Wenn der Preis schon auf offener Bühne von Nominierten gedisst werde, so der Fernsehmann, wie könne dann der TV-Zuschauer Spaß daran haben? Vom Echo in der Presse ganz zu schweigen, es war noch verheerender und missmutiger als im Jahr zuvor.

Musikalische Monokultur

Das wollte man beim Bundesverband der Musikindustrie (BVMI) natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Anfang des Jahres verkündete man einen beginnenden Umbau des Preises, es werde statt 31 Kategorien nur noch 22 geben (keine für Helene!), außerdem werde es Fachjurys für die einzelnen Bereiche geben - und mit dem Privatsender Vox, der mit der Show "Sing meinen Song" Erfolge feiert, fand sich ein irgendwie musikaffiner Sendepartner für die Verleihung.

Der strahlt die Show allerdings erst einen Tag später, am Freitag also, aus, so dass, könnte man mutmaßen, unbequeme Szenen herausgeschnitten werden könnten. Moderiert wird die Show von den Sängern Sasha und Xavier Naidoo, die ohnehin ständig in diversen Vox-Formaten auftreten.

Auch der Autor dieses Textes wurde in die Jurys diverser Echo-Kategorien eingeladen, entschied sich aber nach zunächst wohlwollender Zusage für den Austritt aus den sogenannten Fach-Jurys, die nach neuer Regelung aus Mitgliedern der im Bundesverband organisierten Firmen, ehemaligen nationalen Preisträgern und Nominierten sowie anderen Bereichen der Branche, also Händler, Verlegern, Veranstaltern oder Medien rekrutiert wurden. Das führt allerdings dazu, dass beispielsweise in der Kategorie "Schlager/Volkstümliche Musik" Vanessa Mai, Andrea Berg und Andreas Gabalier sowie das Trio KLUBBB3 von Florian Silbereisen potenziell für sich selbst abstimmen.

Die musikalische Monokultur, die der BVMI jedes Jahr aufs Neue bei seiner Leistungsschau Echo feiert, füttert sich also selbst. Und damit ist man beim größten Problem dieses Preises, an das sich die Verantwortlichen zumindest in diesem Jahr noch nicht herangetraut haben. Denn auch wenn das Juryvoting nun 50 Prozent der Entscheidung für den jeweiligen Preisträger bestimmen soll, so diktieren noch immer Charts-Platzierungen und Verkaufszahlen die andere Hälfte sowie die Auswahl der Nominierten.

Vom Massengeschmack emanzipieren

Als an der Auswahl unbeteiligter Juror stand man also beispielsweise in der Kategorie "Album des Jahres" vor der Wahl zwischen Andrea Berg, Udo Lindenberg, Metallica, den Rolling Stones und den Böhsen Onkelz, den größten Umsatzbringern des Abrechnungszeitraums zwischen April 2016 und März 2017. Der BVMI beruft sich hierbei gerne auf den demokratischsten aller Auswahlprozesse, da ja angeblich strikt nach Verkaufszahlen sortiert werde. Für den popinteressierten Betrachter jedoch offenbart sich jedoch ein nachhaltig schiefes - und erschreckend biederes - Bild der deutschen Musiklandschaft, die um einiges diverser und reichhaltiger ist als ihre Megaseller.

Das zeigt sich zumindest in einer einzigen Echo-Kategorie, dem "Kritikerpreis", bei dem - neben der bestsellenden Hip-Hop-Gruppe Beginner, die mit vier Nominierungen als Top-Favorit in diese Echo-Ausgabe geht, auch interessante und neuere deutsche Pop-Acts wie Roosevelt, Drangsal, Moderat oder die Antilopengang nominiert waren.

Echo 2017
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    Die Favoriten bei der 26. Verleihung des Echo-Musikpreis sind die Hamburger Beginner mit vier Nominierungen. Gute Chancen haben auch die Newcomerin Kerstin Ott ("Die immer lacht"), Schlagersängerin Andrea Berg, Internet-Phänomen Die Lochis sowie AnnenMayKantereit und Udo Lindenberg, dessen Album "Stärker als die Zeit" 2016 das erfolgreichste in Deutschland war. Eine Übersicht der Nominierungen finden Sie hier.

    Die mehrstündige Show findet am Donnerstagabend wie gewohnt im Palais am Funkturm auf dem Berliner Messegelände statt und wird am Freitag von Vox ausgestrahlt (20.15 Uhr). Durch den Abend führen die Sänger Sasha und Xavier Naidoo.

    Live-Auftritte gibt es u.a. von Udo Lindenberg, den Beginnern, den Toten Hosen, Westernhagen sowie Rag'n'Bone Man ("Human") und US-Sängerin Beth Ditto (ehemals Gossip).

Ein Musikpreis, der den Anspruch hat, den größten europäischen Markt für Popmusik abzubilden, sollte aber auch in den Hauptkategorien für mehr Abwechslung und Diversität sorgen - indem er die Nominierungen vom Kommerzdiktat abkoppelt und unabhängige Gremien in die Auswahl einbezieht. Dann wäre man als Juror tatsächlich in der Lage, mitzugestalten, statt lediglich eingehegt zu werden - und am Ende doch nur wieder vor der unmöglichen Wahl zwischen Pest und Langeweile steht.

Das hieße aber, sich mutig vom Massengeschmack zu emanzipieren, denn für die geschmacklich zuweilen fragwürdigen Vorlieben deutscher Schallplattenkäufer kann der BVMI nichts, er könnte aber mit klarer kunstoffener Haltung ein Gegengewicht gegen Populismus-Tendenzen und das ewige Aufmarschieren der Immergleichen - Helene, Hosen, Naidoo oder Udo - setzen. Dann wäre auch der ewig herbeifantasierte Vergleich mit dem US-Musikpreis Grammy oder den Brit Awards aus Großbritannien endlich gerechtfertigt, bei denen künstlerische Kriterien von jeher eine größere Rolle spielen.

Der Echo wäre dann nicht mehr der Echo, der sich über 25 Jahre seine zweifelhafte Reputation als Schulterklopfsause für die drei großen Schallplattenfirmen Universal, Sony und Warner aufgebaut hat. Sondern eine Veranstaltung, bei der man nicht schon vorher weiß, dass es wieder peinlich und dumpf wird. Bei der eingeladene internationale Künstler wie im letzten Jahr The Weeknd oder diesmal Beth Ditto auf der Bühne nicht mehr wie Aliens aus einer besseren, glamouröseren, interessanteren Welt wirken. Wie schön es wäre, sich auf den Echo freuen zu können. Nächstes Jahr vielleicht.

Anmerkung: Andreas Borcholte entschied sich trotz seines Ausstiegs aus der Hauptjury auch dieses Mal dafür, erneut für den Kritiker-Echo mit abzustimmen.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Direwolf 06.04.2017
1. Hmm
Verstehe ich das jetzt richtig? In Extremo und Schandmaul gelten jetzt als Beleg für zunehmende "Deutschtümelei"?
gnarze 06.04.2017
2. Vog
Ist aber neu, dass Voice of Germany jemals auf Vox lief, ebenso die ständige Präsenz von Sasha auf diesem Sender....möge dem Autor beim Kritiker-Echo ein besseres Händchen beschieden sein, als bei seiner Recherche.
urbanism 06.04.2017
3.
Genau genommen sind doch alle deutschen Preisverleihungen ein Witz. Unter dem Strich werden immer den gleichen Leuten die Preise zu geschachert. Entweder es gibt keine adäquate Konkurrenz oder aber sie wird im Keim erstickt. Eine Hand wäscht halt die andere in Deutschland.... Bin mal gespannt wie Xavier Naidoo mit den Böhsen Onkelz umgeht, die ja auch im Verruf sind das nationalistische Brauchtum zu pflegen....
arkeid 06.04.2017
4. Zwischen Pest und Langeweile
Die Überschrift des Artikels trifft oft ebenso auf die Playlisten des Verfassers bei seiner Musik-des-Monats-Auswahl zu. Finde ich.
pr-watch 06.04.2017
5. Die ekelig Masse und ihr Geschmack
wenn die breite Masse partout nicht das hören will, was die Kritiker gut finden, muss man sich wohl was neues überlegen. kann doch nicht sein, da man doch der Mehrheit beugt. Das wäre ja fast demokratisch.
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