Musikproduzent Moses Schneider: Die Kunst der coolen Scheiße

Von Thomas Winkler

Die meisten Musikproduzenten sind Knöpfchendreher. Moses Schneider ist ein Dirigent. Im Studio verhilft er Bands zum perfekten Sound.  Kein Wunder, dass er jetzt gleich zweimal im Rennen um den renommierten Echo ist.

Moses Schneider weiß, was Rockbands wünschen. "Der Kühlschrank ist voll!", verkündet er breit grinsend. Und tatsächlich: Im weißen Ungetüm in der Ecke der Fabriketage steht eine Batterie Flaschenbier. Die Musiker, die hier auf speckigen Sofas auf ihren nächsten Einsatz warten, wollen schließlich bei Laune gehalten werden. Und die erste Pflicht eines Musikproduzenten wie Schneider ist es, für kreative Stimmung zu sorgen.



Doch es sind nicht in erster Linie die Qualitäten von Moses Schneider als Getränkelieferant, die für seinen mittlerweile legendären Ruf in der deutschen Musiklandschaft gesorgt haben. Der 42-Jährige ist verantwortlich für einige der erfolgreichsten Schallplatten der vergangenen Jahre.

Unter seiner Regie stürmten die Beatsteaks an die Spitze der deutschen Charts. Auf Platten von Tocotronic, Seeed, Fehlfarben, PeterLicht, Ohrbooten, Jens Friebe, Kante und Mediengruppe Telekommander findet sich sein Name. Und nun beginnt auch das Musik-Establishment die Künste des Produzenten zu würdigen: Für den deutschen Musikpreis Echo, der morgen in Berlin verliehen wird, ist Schneider gleich zwei Mal nominiert: Für seine Arbeit an "Kapitulation" von Tocotronic und "Limbo Messiah" von den Beatsteaks.

An einem trüben Frühwintertag hat sich die Hamburger Band Kettcar nach Berlin aufgemacht, um vier Songs ihres neuen Albums, das im kommenden April erscheinen soll, mit Schneider aufzunehmen. Dessen Arbeit in den ersten Stunden besteht darin, die verschiedenen Mikrofone im Raum zu platzieren, Instrumente und Verstärker zu verkabeln.


Wenn der Sound gefunden ist, dann stellt Schneider seine Klienten im Kreis auf und lässt sie einfach los spielen. Aufgenommen werden alle Instrumente gleichzeitig, und während andere Produzenten sich dabei hinter schallsicherem Glas verschanzen, steht Schneider mitten zwischen der Band, eine Selbstgedrehte zwischen den Zähnen, rudert mit den Armen, schneidet Grimassen zu den Gitarrenriffs, schüttelt den wirren Haarschopf im Rhythmus und gibt Einsätze.

Alle sollen "gemeinsam schwitzen", sagt er. Und das immer wieder: Take folgt auf Take, "bis zu 40 Mal", lächelt Schneider, der bei den Aufnahmen ungleich euphorischer wirkt als die norddeutsch zurückhaltende Band. Eine neue Erfahrung auch für Kettcar-Gitarrist Erik Langer: "Das ist extrem emotional, fast ein bisschen freakig."

Dirigent und Fußballtrainer

Tatsächlich wirkt der Kettenraucher Schneider ganz und gar nicht wie einer der üblichen Knöpfchendreher, die sich Produzent nennen. Schneider ist eher ein Dirigent, und tatsächlich ist seine Arbeitsweise bei Klassik- und Jazz-Aufnahmen bis heute Standard. In der üblichen Rockproduktion allerdings wird jeder Musiker einzeln in den Aufnahmeraum geschickt, gewöhnlich zuerst Schlagzeuger, dann Bassist und schließlich Keyboarder und Gitarristen. Aufgenommen wird zum Clicktrack, einem elektronischen Metronom, mit dem die einzelnen Spuren anschließend im Computer synchronisiert werden können.

"Kein Clicktrack, darauf haben wir uns spezialisiert", sagt Schneider. Mit seiner in der europäischen Rockmusik nahezu einzigartigen Methode will der gebürtige Berliner herausarbeiten, was er "Spielgefühl" nennt. "Spielgefühl" ist Schneiders Lieblingswort. Öfter sagt er nur noch "coole Scheiße". Dann nämlich, wenn er es geschafft hat, bei einer Band dieses Spielgefühl herauszukitzeln. Es bezeichnet jene seltsame, schwer zu greifende Magie, die entsteht, wenn Menschen zusammen Musik machen, wenn etwas entsteht, was mehr ist als die Summe der einzelnen Teile.

Gelernt hat der aus einer Musikerfamilie stammende Schneider sein Handwerk in den legendären Hansa-Studios. Dort, wo wegweisende Alben von U2, Depeche Mode und David Bowie entstanden, hat er nach einem drei Wochen währenden Studium als Kaffeekocher angefangen und dann jahrelang als Assistent gearbeitet. Mittlerweile ist das "Wunderkind" ("Tagesspiegel") zum "Starproduzent" ("taz") aufgestiegen. Er selbst hält sich für besessen. Tocotronics Dirk von Lowtzow findet: "Moses ist verrückt, aber auch extrem effektiv."

Das Studio als Bühne

Diese Effektivität entsteht, weil Schneider mit den Bands in deren Probenraum "ohne Zeit- und Geldstress" die Aufnahmen oft wochenlang vorbereitet. "Mit der Band zusammen wachsen", nennt er das, und als praktischer Nebeneffekt kommt die Band mit bereits fertig arrangierten Songs ins Studio, die so viel schneller aufgenommen werden können. "Das Studio ist dann nur noch eine Art Theater-Aufführung", beschreibt es Schneider.

Die heutige Aufführung hat der Regisseur Schneider zweifellos im Griff. Sein größtes Talent ist es, ziellose Diskussionen geschickt zu manipulieren und die Band davor zu bewahren, sich in der eigenen Detailverliebtheit zu verlieren. "90 Prozent Psychologie" sei sein Job, sagt er. Und: "Mir kommt es so vor, als sei ich ein Fußball-Trainer." Der stellt die Mannschaft auf, aber spielen müssen die anderen.

Und das tun sie. Immer wieder und wieder arbeiten sich Kettcar am selben Song ab. Bis der sich im Laufe des Nachmittags ganz vorsichtig verändert. Langsam aber sicher wird der Song immer kompakter und der Kühlschrank wird immer leerer, und plötzlich, irgendwann, auf einmal, in Take fünf oder sechs oder vielleicht auch sieben spielen Kettcar das Stück auf den Punkt. Die Musik verklingt, ein paar verlorene Rückkopplungen irren noch durch den Raum, Moses Schneider hat die Arme hochgerissen wie ein Stürmer nach dem Torerfolg und blickt in die Runde. Und jeder weiß: Das war's jetzt. Das war der Moment. Das war jetzt "coole Scheiße".

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