Berliner Band Mutter Nie nett

Sie sangen schon über Tuberkulose und Alterseinsamkeit: Die Experimentalrocker Mutter bewahren sich seit Jahren ihren künstlerischen Eigensinn - auch auf ihrem neuen Album.

Jens Sage

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Die ersten Textzeilen des Debütalbums der Berliner Band Mutter erinnerten den Hörer in aller Deutlichkeit an seine Grenzen: "Wenn du jedem erzählst was du glaubst/ und was du für richtig hältst/ keiner hat je darum gebeten/ also was/ Was erwartest du denn?" Bass, Gitarre und Schlagzeug bollerten derweil sagenhaft laut, schleppend und mit maximaler Dringlichkeit.

Das war 1989, die Platte hieß "Ich schäme mich Gedanken zu haben, die andere Menschen in ihrer Würde verletzen". In den kommenden Jahren erzählten Mutter von Dingen, die auch in den extremeren Spielarten der Rockmusik nur selten Thema sind: Juckreiz, Scham, Alterseinsamkeit ("Alt und schwul"), Tuberkulose ("Ich bin so klein"), der Wiedervereinigung ("Du bist nicht mein Bruder"). Aber immer auch wieder vom Glück: "Die Erde wird der schönste Platz im All" heißt einer der bekannteren Mutter-Songs, und auch der ist komplett unironisch gemeint.

Wer das hörte, blieb zumeist nicht unberührt. Text und Schalldruck trafen einen unmittelbar. Wer das nicht mochte, wies den konfrontativen Krach vehement von sich und ging schnell auf Distanz. Dass jemand die Musik von Mutter nett oder irgendwie ganz okay finden kann, ist schwer denkbar.

Krautrockartiges, schiefes Klanggebilde

In den fast dreißig Jahren danach hat die Band um Sänger Max Müller und Schlagzeuger Florian Koerner von Gustorff ihre musikalischen Mittel mehr und mehr erweitert. Kompromisslos klingt das alles nach wie vor. Der hypnotische Noiserock der Anfangstage hat sich zu einem eigenen, vielgestaltigen Genre aufgefächert, in dem außer dieser Band eigentlich niemand unterwegs ist. "Wir waren am Anfang technisch gar nicht in der Lage, etwas so nachzuahmen, dass man hätte sagen können, wir klingen jetzt wie die oder die Band", erzählt Max Müller. "Das ist auch ein Pluspunkt - wir mussten versuchen, selbst etwas zu entwickeln."

Das neue Album, "Der Traum vom Anderssein", beginnt mit "Glauben nicht Wissen", einem sechsminütigen krautrockartigen, schiefen Klanggebilde, das sich aus einer schlierenden Orgelmelodie und einer chaotisierenden Gitarre zusammensetzt - ein Rausschmeißer am Anfang einer der konzeptuell überzeugendsten deutschsprachigen Platten der vergangenen Jahre. Der Text ist fragmentarisch, "Schönheit, die fremd ist / Schönheit, die stört" hört man raus. Das meiste, was in dem Stück dann noch folgt, ist nicht mehr allzu gut zu verstehen.

Mutter vermischt, was ansonsten meist säuberlich getrennt bleibt

"Das Konzept bei der Platte war, das alles relativ frei zu spielen", sagt Max Müller. "Wir hatten eine grobe Struktur und haben die Stücke dann in drei Tagen zusammen im Studio, in einem Raum, aufgenommen. Eigentlich wollten wir das auf Vierspurrekorder in unserem Proberaum aufnehmen, das hat dann aber doch nicht funktioniert."

Im Titelsong schlägt die überraschende und befremdliche Schönheit dieser Musik voll durch. Max Müller wiederholt immer wieder eine Zeile, "Der Traum vom Anderssein", während die Band euphorischen Feedback-Lärm und eine lakonische Klaviermelodie zusammenbringt.

Mutter vermischt, was ansonsten meist säuberlich getrennt bleibt: Noise und wirkliche Fragilität; und eine Dringlichkeit in den Texten, die zugleich immer bedeutungsoffen bleiben. Der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen vernahm einst eine Mischung aus einem "hingebungsvollen Glauben an brachiale, eindimensionale Mittel und einer extrem entwickelten Konzeptualität". Die wiederum führt dazu, dass keine Mutter-Platte wie die andere klingt.

Band Mutter: "Das Erfolgreiche wiederholt man dann bis zum Erbrechen"
Antonia Ganz

Band Mutter: "Das Erfolgreiche wiederholt man dann bis zum Erbrechen"

Max Müller sagt: "Ich weiß, dass es besser ist, wenn man sich wiederholt. Wenn wir zum Beispiel immer nur harte Platten gemacht hätten oder immer nur ganz ruhige. Das Erfolgreiche wiederholt man dann bis zum Erbrechen, bis es die Leute verstanden haben. Ich kann das aber nicht, weil ich mich selbst damit wahnsinnig langweilen würde. Man wiederholt sich ja sowieso, aber in dem Rahmen will ich es halt total ausschöpfen."

Der Eigensinn der Musik speist sich aus der Autonomie der Band. Die Platten erscheinen auf dem bandeigenen Label "Die eigene Gesellschaft" und werden mit den Erlösen aus der vorigen finanziert. Oder auch mal durch den Verkauf von 99 Kaltnadelradierungen Max Müllers, die nicht als Spenden verstanden wurden, sondern standesgemäß als Schuldscheine ausgegeben wurden. Zurückgefordert hat das Geld bislang noch keiner.

Was man mit all dem anfängt, bleibt einem selbst überlassen

Im Interview klingt das alles ganz einfach, so einfach, wie es vielleicht auch ist, wenn man Erfolg nicht mehr mit Verkaufszahlen, sondern eben mit Autonomie verbindet: "Reingeredet hat uns eigentlich noch nie jemand, wir konnten immer machen, was wir wollten. Jeder kann Musik machen, wenn er das will, ohne dass er irgendwelche Rücksichten nehmen muss. Das geht." Verweigerungsposen wiederum scheinen die Band nicht sonderlich zu interessieren: "Wo verweigern wir uns denn bitte schön? Wenn wir Musik machen, dann möchte ich nicht, dass die Leute wegrennen, sondern dass der Saal voll ist."

Die Kraft, die von diesen Stücken ausgeht, hat mit dieser Unabhängigkeit zu tun, die ist immer spürbar, egal, ob es kracht oder in einem klassischen Sinne schön klingt. Und sie hat damit zu tun, dass man sich gemeint fühlt, ohne dass man sich mit dieser Stimme verbrüdern müsste. Oder könnte. Was für den Hörer auch wieder eine Form von Freiheit bedeutet.

Es gibt zwar hin und wieder ein Ich in diesen Texten, aber keins, das sich zur Identifikation anböte. Gewissheit ist hier nicht zu holen. Auch in "Fremd" nicht, dem ruhigsten Stück auf "Der Traum vom Anderssein": "Die Dramen werden selbst gemacht/ Der Tag fängt, der Tag hört auf/ So ist es sicher, dass kein Mensch weiß, wo es war."

Was man mit all dem anfängt, bleibt einem selbst überlassen. "Ich finde es schön, wenn Leute mir meine Texte erklären", sagt Max Müller. "Die haben bisher immer recht gehabt und assoziieren meist sehr kluge Sachen. Mehr will ich gar nicht erreichen. Das ist wunderbar." Es gibt Situationen im Leben, in denen auch Rätselhaftes ungeheuer klärend wirken kann, wenn es einem nur deutlich genug vorgetragen wird.



insgesamt 4 Beiträge
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Max Dralle 27.03.2017
1.
Mutter sind meiner Meinung nach ein bisschen so wie die berühmte Pralinenpackung aus "Forrest Gump": Man muss immer damit rechnen, dass das neue Album/das nächste Stück deutlich anders schmeckt als das Vorangegangene. Mir persönlich gefällt's - schon seit vielen Jahren. Aber viele scheinen mit diesem Mangel an Verlässlichkeit auch nicht zurechtzukommen. Auf jeden Fall spielt die Band selbst in großen Städten mitunter nur vor ca. 50 Zuschauern. Für die Musiker ist das natürlich traurig. Für den "Fan" bleibt so immerhin die Gelegenheit, eine gute Band in entspannter Atmosphäre genießen zu können.
angst+money 27.03.2017
2. Jetzt aber!
Jedesmal werden Mutter bei SPON abgefeiert und leider hat's nie was genützt. Dabei sind die Platten mittlerweile zumindest von der Produktion her auch für größere Bevölkerungsschichten als die gefühlten 20 Fans in Deutschland hörbar geworden. Also, Leute! Reinhören auf bandcamp!
troy_mcclure 28.03.2017
3.
Zitat von angst+moneyJedesmal werden Mutter bei SPON abgefeiert und leider hat's nie was genützt. Dabei sind die Platten mittlerweile zumindest von der Produktion her auch für größere Bevölkerungsschichten als die gefühlten 20 Fans in Deutschland hörbar geworden. Also, Leute! Reinhören auf bandcamp!
Vielleicht gefällt diese Musik eben nur einer Handvoll Leute, ich kann ihr jedenfalls gar nichts abgewinnen.
sekundo 29.03.2017
4. Soeben habe ich
"Wer hat schon Lust, so zu leben" bei youtube über mich ergehen lassen. Ich bin studierter Musiker und entsetzt über eine derartig üble Combo, bei der nichts (in Buchstaben NIX) stimmt!! Verstimmte Gitarren, Temposchwankungen, ein "Sänger" der nicht singt, ein Trommler mit rhythmischen Fragezeichen, ein Gesamtsound, der nach Rausschmiss schreit. Dass diese Rumpel-Kapelle tatsächlich 50 Leute in ein Konzert lockt grenzt an ein Wunder. Und jeder, der diese Band lobt, outet sich als unseriös und inkompetent! Diese furchtbaren Dilettanten als "künstlerisch eigensinnig" zu bezeichnen ist bizarr bis unverschämt!!
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