My Darling Clementine Geschlechterkampf in der Hasenschaukel

Träne im Bier, Geschlechterkampf auf der Bühne: Bei ihrem Auftritt in Hamburg nahmen My Darling Clementine Country-Klischees auseinander - um das Genre neu zu definieren. Große lädierte Gesangskunst.

Richard Battye

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Ehepaare auf der Bühne, gefährliche Sache. Zwischen Feier der Liebe und einer Portion Hiebe ist alles drin. My Darling Clementine, ein Country-Duo aus dem nicht eben für seine Country-Szene bekannten britischen Birmingham, haben sich am Dienstag bei ihrem Konzert auf dem Hamburger Kiez für Letzteres entschieden. Zumindest verbal wird auf der kleinen Bühne gegen den anderen ausgeteilt. Lou Dalgleish erklärt dem Publikum: "Wir sind tatsächlich Eheleute." Und fügt genervt hinzu: "Noch." Michael Weston King revanchiert sich später, indem er genussvoll über die Zeit nach ihrem Tod räsoniert.

Country, das war immer die Musik der großen Paare - von June Carter und Johnny Cash, über Tammy Wynette und den 2013 verstorbenen George Jones bis zu dem sich aktuell im schönsten und schäbigsten Trennungskrieg Nashvilles befindlichen Duo Joy Williams und John Paul White von Civil Wars. Country war auch immer Musik für ältere (oder frühvergreiste) Menschen; manchmal wird da noch eine Liebe beschworen, die eigentlich schon am Boden liegt, oft geht es um Alkoholismus und Tablettensucht, ebenso oft um Scheidung und häusliche Gewalt.

My Darling Clementine nehmen diese im Country omnipräsenten Themen auf und bringen sie als große Show zur Aufführung. Gelegentlich mit einem saloppen bösen Lächeln, musikalisch aber immer tiptop mit Schmelz und Tremolo, sodass auch der größte Stetson-Spießer nichts zu meckern hat. In England sind die beiden auf diese Weise zu Stars des Alternative-Country geworden, in Deutschland müssen sie noch in Kaschemmen spielen. Was ihren komplett ums Vegetieren und Verlieren kreisenden Songs die optimale Atmosphäre beschert.

Die Leute saufen einfach nicht mehr

Der zerknautschte Hut von Michael Weston King und das zerknautschte rosa Mützchen von Lou Dalgleish fügen sich am kalten Dienstagabend bestens ins leicht lädierte lilafarbene Diner-Ambiente der Hasenschaukel, einem kleinen Club in der mehr als leicht lädierten Silbersackstraße auf Hamburg-St. Pauli. Der Laden schließt Ende der Woche, ob er im Herbst wieder aufmacht, ist noch ungewiss. Die Leute saufen einfach nicht mehr. Oder sie wollen, noch schlimmer, für das Saufen nicht bezahlen.

An der Musik von My Darling Clementine kann es nicht liegen. Deren charmant-depressive Songs über häusliche Gewalt und verlorenen Stolz bescheren jedem Tresen dieser Welt beste Umsätze. Nach Hamburg sind die beiden gekommen, um ihr neues Album "The Reconciliation?" vorzustellen. Der erste Song darauf trägt den Titel "Unhappily Ever After", es ist ein Duett über einen Scheidungstermin. Der legendäre böse Country-Kauz Kinky Friedmann aus Texas spricht dafür die Rolle des Scheidungsrichters, der die Trennungswilligen ein letztes Mal zur Zweisamkeit mahnt.

Friedman ist in Hamburg nicht dabei. Was einerseits schade ist, andererseits aber den positiven Effekt hat, dass niemand Lou Dalgleish und Michael Weston King in ihrer eingespielten zärtlichen Zwietracht bremst. In formvollendeten Harmoniegesängen bieten sie neue Perlen wie "There Is No Heart In This Heartache" mit den erinnerungswürdigen Zeilen "There is no heart in this heartache / there is no tear in this beer / there ist only good in goodbye" dar.

Und gegen Ende gibt es dann "No Matter What Tammy Said", eine fulminante Erwiderung auf Tammy Wynettes Hit "Stand By Your Man", in dem ja die Treue um jeden Preis beschworen wird. Aber was schmettert Dalgleish da, als ob es um ihr Leben ginge? "I'm seeing black and blue and purple because he is seeing red / No, I wont stay by him no matter what Tammy said."

My Darling Clementine aber kämpfen hoffentlich noch ein bisschen weiter gegeneinander. Demnächst in einer Kaschemme bei Ihnen um die Ecke.


Weiteres Deutschland-Konzert von My Darling Clementine: Mittwoch, Auster Club, Berlin



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kariesgold 28.05.2014
1. Mehr als leicht lädierter Artikel
Lädiert scheint ja ein neues Lieblingswort des Autors zu sein.
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