Neues Album von My Bloody Valentine: Der liebliche Sound von Staubsaugern

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My Bloody Valentine: Revolution im Rock Fotos
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Kaum ein Album ist je so sehnsüchtig erwartet worden: Mit ihrem flirrenden Sound erfanden My Bloody Valentine Anfang der Neunziger die Gitarrenmusik neu. Dann verstummte die Band für 22 Jahre. Bis jetzt. Endlich ist das neue Album "mbv" erschienen - und es ist phantastisch.

Auf dieses Album wurde nicht gewartet, nach diesem Album wurde sich verzehrt: 22 Jahre lang hat die britisch-irische Band My Bloody Valentine ihre Fans hingehalten und keine neue Musik veröffentlicht. Jetzt ist ihr Album "mbv" erschienen - sofort verfügbar als kostenpflichtiger Download auf der Website der Band, später auch auf CD und Vinyl. Nachdem die Website wegen des riesigen Andrangs zeitweise gecrasht war, laufen auf Twitter, Facebook und Musik-Blogs mittlerweile unentwegt die Kommentare ein - um das Album euphorisch zu feiern, aber auch um andere Fans zu informieren, dass es überhaupt da ist.

Denn auch wenn Mastermind Kevin Shields in den vergangenen fünf Jahren immer wieder davon sprach, dass es definitiv ein neues Album geben werde, und vor einer Woche sogar konkret sagte, es käme in wenigen Tagen heraus, mochten die wenigsten ernsthaft darauf hoffen. Zu lang stand ein Nachfolger für das legendäre Album "Loveless" von 1991 schon aus und als zu chaotisch gilt Kevin Shields, dem man ohne Weiteres zugetraut hätte, aus schierem Perfektionismus (oder aus Bockigkeit) alles bislang Aufgenommene wieder in die Tonne zu treten.

Mit dem Erscheinen von "mbv" macht sich deshalb Erleichterung breit. Weil auf die Worte von Shields - dem zwischenzeitlich psychische Probleme nachgesagt wurden - doch noch Verlass ist. Und weil er es geschafft hat, seinem eigenen Mythos gerecht zu werden und ein Album zu verwirklichen, das sich nahtlos an das Meisterwerk "Loveless" anschließt und dennoch nach Gegenwart klingt.

Alles ist drauf auf "mbv", was die Vorgänger-Platte so einzigartig machte und ihr einen festen Platz in den Besten-Alben-aller-Zeiten-Listen verschaffte: die flirrend-hallenden Gitarren, die sich nicht an Melodie oder Rhythmus orientierten, sondern feinnervige Gewebe schufen, wie man sie in der Rockmusik bis dahin noch nicht gehört hatte; die süßlich-vagen Stimmen von Shields und Gitarristin Bilinda Butcher, die nur noch Andeutungen transportierten und sich als eine von vielen Sound-Ebenen in die Songs einfügten; und die Momente puren Lärms, die die Songs zerteilten und gleichzeitig zu neuen, wortwörtlich unerhörten harmonischen Einheiten zusammenfügten.

Der Bass ist zurück

Doch es finden sich auch etliche neue Elemente auf der Platte, sie klingt insgesamt klarer und luzider. Das liegt vor allem am stärker akzentuierten Bass, der auf der ersten Platte "Isn't Anything" (1989) noch für treibende Rocksongs sorgte, auf "Loveless" aber fast verschwunden war. Auf "mbv" tritt der Bass nun deutlicher hervor - etwa in dem träg-lasziven "Only Tomorrow" oder dem poppigen "New You". Auch die Vocals sind prononcierter. Auf "In Another Way" ist sogar so etwas wie ein klassisches Gitarrenriff zu vernehmen, gepaart mit einem euphorischen Synthie-Lauf.

Um so mehr überrascht es, dass Shields bei diesem Album noch stärker als zuvor das Einspielen der verschiedenen Instrumentenspuren an sich gerissen hat. Laut Bassistin Debbie Googe stammt bis auf die Drums von Colm Ó Cíosóig und die Vocals von Butcher alle Musik von ihm. Dennoch klingt "mbv" nicht wie die Arbeit eines eremitischen Gesamtkunstwerklers, dafür haben die einzelnen Instrumente zu viel Eigenleben und changieren die Songs stilistisch zu sehr. So findet sich neben dem wohligem Feedback-Gewitter "She Found Now" auch ein reduziertes Space-Age-Stück wie "Is This and Yes". Wer auf mehr Experimentierfreude und gewagtere Kakophonien gehofft hat, wird von dem Album wohl enttäuscht sein - zumindest von den ersten der insgesamt neun Songs.

Zum Ende hin verdichtet Shields den Sound noch einmal, die letzten drei Songs nehmen sich besonders druckvoll aus, und das Schluss-Stück "Wonder 2" belegt schließlich, dass Shields etwas kann, das so eigentlich niemand kann: ein Lied zu produzieren, in dem ein Staubsauger-ähnliches Geräusch dominiert, und das trotzdem auf seine ganz eigene Art zart und ja, sogar lieblich ist.

Sicherlich ist es "mbv" zuträglich, dass Shoegaze - das Genre, als dessen Vorreiter My Bloody Valentine gelten - in den letzten Jahren ein Revival erlebt und auch bei Jüngeren Interesse für die verspielteren, experimentelleren Varianten von Gitarrenmusik geweckt hat. Ob man sich dem Album aus Richtung der wiederbelebten Sounds der Gegenwart oder von seinen Hörerlebnissen mit "Loveless" nähert, dürfte aber letztlich egal sein. "mbv" ist so zugänglich und überraschend zugleich, dass es für jeden Ansatz etwas zu bieten hat.

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