Zum Krebstod von Adam Yauch: Bad Boy aus gutem Hause

Von Felix Bayer

Ihre Liveshows waren simpel, peinlich, gefürchtet, brillant - ihre Songs so frisch und übermutig , dass es eine Wohltat war: Die Beastie Boys haben sich 30 Jahre lang immer wieder neu erfunden, den Rap massenkompatibel gemacht. Nun starb ihr Gründer, Adam Yauch, mit 47 Jahren. Ein Nachruf.

dapd

Die meisten Bands können froh sein, wenn sie auch nur einmal Popgeschichte schreiben. Den Beastie Boys war es vergönnt, gleich zweimal die Welt des Pop zu prägen: Mitte der achtziger Jahre galten die drei jüdischen Jungs aus New York als rotzige Jugendrebellen, denen staatliche Autoritäten mit Gefängnis drohten. Zehn Jahre später waren die Beastie Boys der Inbegriff des "coolen Wissens", ihre Haltung - ironisch gegenüber der Gegenwart, voller Verehrung gegenüber Nischenphänomenen aus der Vergangenheit - war typisch für die Neunziger.

Am Freitag nun ist der Mann, an dessen 17. Geburtstag die Beastie Boys 1981 ihr erstes Konzert gaben, in New York gestorben. Adam Yauch, dessen Rappername MCA war, wurde 47 Jahre alt. Das Debütalbum der Beastie Boys, "Licensed To Ill", erschien 1986 und war die erste Rap-Platte, die es auf Platz eins der amerikanischen Albumcharts schaffte. Zusammen mit Run DMC - höchst erfolgreich mit der Single "Walk This Way", einer Kollaboration mit der Rockband Aerosmith - waren es die Beastie Boys, die Rap in breitere Schichten der Gesellschaft hineintrugen.

In den neunziger Jahren wurden sie regelmäßig für Songs wie "Sabotage" oder "Intergalactic" für Musikpreise nominiert; den Grammy gewannen sie dreimal. Im April 2012 wurden sie in die "Rock'n'Roll Hall of Fame" aufgenommen. Bei der Aufnahmezeremonie fehlte Adam Yauch bereits - seit drei Jahren kämpfte er mit einer Krebserkrankung.

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Beastie Boys: Adam Yauch stirbt an Krebs
Yauch, der Sohn eines Schulverwalters, beschloss nach einem Konzert der Hardcoreband Black Flag, eine eigene Band zu gründen. Er überredete einige Freunde, ebenfalls aus gutem Hause, die bereits zusammen Musik machten, sich mit ihm zusammenzutun. Einer davon war Michael Diamond, der sich später nur noch Mike D. nennen sollte. Adam Horovitz (alias Ad-Rock) kam erst 1983 als Gitarrist zu den Beastie Boys hinzu, die damals bratzigen Hardcore-Punk spielten.

Bejubelte, gefürchtete Liveband

Kurz darauf kam der erste Rap-Versuch, eine Parodie auf Malcolm McLarens Konzept-Hit "Buffalo Gals" namens "Cooky Puss". Es wurde ein Erfolg bei schwarzen Radiosendern, die Band wollte weiter in der Rap-Richtung arbeiten, suchte einen DJ und fand Rick Rubin. "Zu dieser Zeit liebten wir alle HipHop mehr als Punk", schrieb Rubin in einem Prachtband zum 25-jährigen Jubiläum des Labels Def Jam, das er zusammen mit Russell Simmons gründete. Die Beastie Boys wurden neben LL Cool J zum Aushängeschild des Labels: die unverschämten weißen Jungs zwischen all den coolen Rappern.

Schnell entwickelten sie einen Ruf als bejubelte und gefürchtete Liveband. Sie spielten im Vorprogramm von Madonnas "Like A Virgin"-Tour, wo sie die jungen Mädchen und vor allem deren begleitende Eltern mit Schimpfworten verschreckten. Nur Madonnas persönliche Intervention verhinderte den Rauswurf aus der Tour.

Nach Erscheinen des Debütalbums verfeinerten die Beastie Boys ihre Liveshow - wenn man denn von Verfeinern sprechen kann bei Auftritten, die nun eine Striptänzerin in einem Käfig, einen riesigen hydraulischen Penis und regelmäßige Budweiser-Bierduschen umfasste. In England musste Ad-Rock für einige Stunden ins Gefängnis, nachdem ein Mädchen von einer Bierdosen getroffen worden war. "Nie zuvor war etwas so simples, idiotisches, wirklich peinliches und ganz sicher neues so unheimlich brillant", schrieb das englische Pop-Magazin "Smash Hits".

Doch die Hysterie war auch so groß, weil "Licensed To Ill" ein gewaltiges Album war. Hits wie "No Sleep 'til Brooklyn" und vor allem natürlich "Fight For Your Right (To Party)" waren in ihrem wechselseitigen Schrei-Rap ein Ausdruck von Teenager-Übermut, wie er in den achtziger Jahren selten war. Zu einer Zeit, da in der Folge von "Band Aid" Popstars mit ihrem Gewissen hausieren gingen, war ein Video wie das zu "Fight For Your Right", das in eine große Slapstick-Kuchenschlacht ausartet, enorm erfrischend.

Über die Pläne zu einem Spielfilm überwarfen sich die Beastie Boys mit Rubin und Def Jam, gingen nach Los Angeles und nahmen das Album "Paul's Boutique" auf, das kommerziell floppte, aber in den folgenden Jahren als Meilenstein der Sample-Technik im HipHop wiederentdeckt wurde. Doch in den neunziger Jahren gelang es der Band endgültig, sich neu zu erfinden. Adam Yauch, der mit seiner tiefen Stimme und dem vergleichsweise ruhigen Flow seiner Rap-Parts ein Gegengewicht zu den schrilleren Stimmen von Diamond und Horovitz setzte, kam auf das prägende Bass-Riff zu "Sabotage", dem großen Comeback-Hit der Beastie Boys im Jahre 1994, mit seinem coolen, an Krimiserien der Siebziger angelehnten Video.

"Sie haben das coole Wissen"

Als dieses bei den MTV Video Awards keinen Preis bekommen sollte, kam Yauch in einer kuriosen Verkleidung mit angeklebtem Bart und Lederhose auf die Bühne und beschwerte sich darüber. Es war ein Auftritt in seiner Rolle als Nathanial Hornblower, der Name, unter dem er auch Regie bei mehreren Videoclips der Beastie Boys führte - nicht aber bei "Sabotage", das Spike Jonze bebilderte.

Die Retro-Optik des "Sabotage"-Videos war ein Beispiel für die souveräne Aneignung der popkulturellen Vergangenheit, mit der die Beastie Boys auf ihren Neunziger-Alben "Check Your Head", "Ill Communication" und "Hello Nasty" ein ganz eigenes Verweisuniversum aufbauten, das extrem gut in den ironiegeprägten Zeitgeist passte. Mit Beck und Björk bildeten die Beastie Boys das Trio der alternativen Coolness jener Jahre, was das Popmagazin "Spex" zum Ausruf brachte, die Beastie Boys hätten "alles eingelöst, wofür 'Spex' immer eingetreten ist und immer eintreten wird (…) Die Beastie Boys haben das coole Wissen."

Adam Yauch beschäftigte sich derweil ab Ende der neunziger Jahre damit, ein auf den ersten Blick eher uncooles Wissen unter die Leute zu bringen, nämlich das Wissen um die Unterdrückung der tibetanischen Bevölkerung durch die Volksrepublik China. Er veranstaltete mehrere "Freedom for Tibet"-Konzerte, die sicher für etliche Aufkleber mit der tibetanischen Flagge auf DJ-Plattenkoffern oder auf Motorrollern verantwortlich waren. Sein Engagement führte mit dazu, dass die Beastie Boys in den nuller Jahren als Elder Statesmen galten, mit verfeinertem Geschmack und dem Herz am rechten Fleck - aber mit immer weniger Einfluss auf die Gegenwart der Popmusik.

Im Juli 2009 gab Adam Yauch bekannt, dass er an Krebs erkrankt sei, er habe einen Tumor an der Ohrspeicheldrüse. Er äußerte die Hoffnung, dass dieser heilbar sei. Ein angekündigtes Album wurde zunächst verschoben, bevor 2011 "Hot Sauce Committee Pt. 2" erschien. Es war ein Abschiedsalbum, das wurde ganz offensichtlich, als die Beastie Boys ihr legendäres Video zu "Fight For Your Right (To Party)" wieder aufgriffen.

Diesmal spielten die Filmstars Seth Rogen, Danny McBride und Elijah Wood die Rollen von Mike D, MCA und Ad-Rock. Regie führte Adam Yauch alias Nathanial Hornblower. Seit seinem Tod am 4. Mai 2012 ist leider klar: Dieses Trio wird es in echt nie wieder geben.

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insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. traurig
hermes69 05.05.2012
wirklich eine traurige nachricht. sympathische truppe ist/war das
2.
sush77 05.05.2012
Zitat von sysopIhre Liveshows waren simpel, peinlich, gefürchtet, brillant - ihre Songs so frisch und übermutig , dass es eine Wohltat war: Die "Beastie Boys" haben sich 30 Jahre lang immer wieder neu erfunden, den Rap massenkompatibel gemacht. Nun starb ihr Gründer, Adam Yauch, mit 47 Jahren. Ein Nachruf. Nachruf auf Beastie-Boy-Gründer Adam Yauch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,831463,00.html)
Mit 47 Jahren, verdammter Krebs!! RIP Adam Yauch
3.
Pat.777 05.05.2012
Ein dunkler Tag für den Style, political correctness und die Musik: RIP MCA
4. Neue Musik
herr minister 05.05.2012
Die Beastie Boys haben den Hip Hop, der damals noch Rap hieß, revolutioniert. Sie waren weiss und aus dem Mittelstand, für viele damals ein Unding, und sie haben mit ihren harten Riffs und Beats ein punkiges Element in die Musik gebracht, das so nicht verbreitet war. Später nannte man das Crossover. Viele, die mit Rap nichts anfangen konnten, begannen mit den Beastie Boys sich auch dort mal umzuhören. Die 80er waren geprägt vom 70er Rock, Punk und eher seichtem, coolen Elektro-Pop, durch die Beastie Boys kam ein wirklich neues musikalisches Element dazu, auch wenn die typisch amerikanische Titties ´n Beer Attitüde nervte. Wenige Bands schaffen etwas neues, die Beastie Boys haben es getan, das ist ihr Verdienst. Auch das ist nun Vergangenheit.
5.
j.f. Sebastian 05.05.2012
Die alten Helden gehen...traurig...und dann noch auf solche Art und Weise. Werde eine B-Boys Gedenkwoche einlegen und ihre Scheiben laufen lassen. RIP MCA, danke für die Mucke!
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