Zum Tode Robin Gibbs Der Verkannte

Er war ein englischer Exzentriker im Herzen der Disco-Explosion: Mit der Brüderband Bee Gees verkaufte Robin Gibb mehr als 200 Millionen Platten - doch er sehnte sich stets nach Anerkennung als Komponist. Nun ist Robin Gibb an seiner Krebserkrankung gestorben.

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1969 lud Robin Gibb einen deutschen Fernsehreporter in sein Haus in London ein. In dunklem Anzug, mit Krawatte und ausgesucht höflich bittet er den Gast, sein Heimstudio zu besichtigen, in dem er kurz zuvor seine erste Solosingle "Saved by the Bell" aufgenommen hat. Neben der Eingangstür hängt ein Gemälde, das die komplette Besetzung der Bee Gees zeigt. Ob er die anderen vermisse, fragt der Reporter. "Ach, vermissen würde ich es nicht nennen", antwortet Robin Gibb etwas verlegen und drängt: "Wollen wir jetzt ins Studio gehen?"

Von den drei Bee-Gees-Brüdern war es Robin Gibb, den es immer wieder drängte, Neues auszuprobieren. Das brachte ihm den Ruf ein, der Schwierige, der Sensible, der Exzentrische des Trios zu sein. Doch letztendlich kehrte er immer wieder zurück in das Familienunternehmen.

Kein Wunder - schließlich waren die Bee Gees über fünf Jahrzehnte hinweg eine der kommerziell erfolgreichsten Formationen im Pop überhaupt: Wie viele Platten sie insgesamt verkauft haben, kann niemand genau sagen, aber Schätzungen gehen von mehr als 200 Millionen Exemplaren weltweit aus. Sie hatten von 1977 bis 1979 sechs Nummer-eins-Hits in Folge in den USA, so wie die Beatles, nur Whitney Houston gelangen sieben. In jedem Jahrzehnt seit den Sechzigern war mindestens eine ihrer Kompositionen auf Platz eins der britischen Charts.

Doch so langlebig die Karriere der Bee Gees auch war, hatten sie auch Jahre, in denen sie völlig abgemeldet waren - und sie hatten persönliche Schicksalsschläge zu durchleiden. Robin Gibbs Zwillingsbruder Maurice starb 2003, der jüngere Bruder Andy, kein Bee-Gees-Mitglied, erlag schon 1988 mit nur 30 Jahren einer Herzkrankheit. "Ich frage mich manchmal, ob die Tragödien in meiner Familie eine Art karmischer Preis sind für all den Ruhm und Reichtum, den die Bee Gees erlangt haben", sagte Gibb im März 2012 der "Sun". Nun, nach Robins Tod, ist der älteste, Barry, der letzte verbliebene Gibb-Bruder; er hat noch eine ältere Schwester, Lesley.

Robin Gibbs eigene Leidensgeschichte ähnelt in ihrem Auf und Ab dem Weg der Band - allerdings ohne gutes Ende. Erstmals wurde im Jahre 2010 bei einer Darmoperation eine schwere Krebserkrankung festgestellt. Seitdem musste er sich mehreren Operationen und Chemotherapien unterziehen. Im Februar erklärte Gibb, er sei auf dem Weg der Besserung. Im April zog er sich eine Lungenentzündung zu, die ihn weiter schwächte; er fiel ins Koma, aus dem er nach gut einer Woche erwachte. Knapp einen Monat später hat der Krebs Robin Gibb doch besiegt; er starb am Sonntagabend in London, wie seine Familie auf der Website des Musikers bekannt gab. Er wurde 62 Jahre alt.

"Vielleicht waren wir einfach traurige Menschen"

Am 22. Dezember 1949 wurde Robin Gibb auf der Insel of Man geboren, kurz nach ihm kam der Zwilling Maurice. Schon als kleine Jungs übten sie mit ihrem drei Jahre älteren Bruder Barry Harmoniegesänge ein, die inspiriert waren von den Hits im Radio. In Manchester, wohin die Familie inzwischen gezogen war, hatten sie ihren ersten Auftritt in einem Kino. Professioneller wird die Karriere der Gibb-Brüder aber erst nach dem Umzug nach Australien im Jahre 1958, wo ihnen ein Radio-DJ den Namen Bee Gees verpasst. Doch für den großen Erfolg müssten sie nach England zurück, beschlossen die Gibb-Brüder.

Ihr Mentor wurde Robert Stigwood, seinerzeit Assistent des Beatles-Managers Brian Epstein. Nur wenige Monate nach der Ankunft in England hatten die Bee Gees ihren ersten internationalen Hit mit "New York Mining Disaster 1941", noch 1967 hatten sie ihre erste Nummer eins, die Ballade "Massachusetts".

Robin Gibbs oft ins Tremolo fallende Stimme war eindeutig ein Wiedererkennungsmerkmal in dieser von Beat-Balladen geprägten Werkphase. Zudem zeigte sich sein Talent, ungewöhnliche Themen in Popsongs zu verarbeiten. So ist "I've Got to Get a Message to You" aus der Perspektive eines zum Tode Verurteilten heraus geschrieben. Und "I Started a Joke" ist ein Meisterstück des sich selbst herabwürdigenden Humors. "Es war ein gewaltiges Gefühl der Verzweiflung in unseren Songs", sagte Robin Gibb 1997 in dem Dokumentarfilm "Keppel Road": "Vielleicht, weil wir einfach so waren. Vielleicht waren wir einfach traurige Menschen", fügte er mit einem Lachen hinzu.

Mit dem Doppelalbum "Odessa" wollten die Bee Gees sich 1969 als ernstzunehmende Albumkünstler präsentieren, nach dem Vorbild von "Sgt. Pepper" von den Beatles und "Pet Sounds" von den Beach Boys - doch das Album wurde ein kommerzieller Flop (und erst Jahrzehnte später als das herrlich überambitionierte Meisterwerk gewürdigt, das es ist). Zudem führte es zur zwischenzeitlichen Trennung Robin Gibbs von den Bee Gees: Robin konnte nicht verwinden, dass Manager Stigwood den von ihm gesungenen Song "Lamplight" als Single-A-Seite verschmähte.

So gab Robin den schmerzensreichen Teenager, der mit brüchiger Stimme, schmalem Gesicht und vorstehenden Zähnen vom Liebesleid sang. "Saved by the Bell" wurde ein Hit, doch das komplett selbst eingespielte Album "Robin's Reign" floppte - und nach einigen, monatelang in der Presse ausgetragenen Bruderzwistigkeiten überwand Robin Gibb seinen Stolz und fragte, ob eine Rückkehr in die Gruppe möglich wäre.

Glatt glänzendes Bild von Disco

Doch die Rückkehr zu den alten Erfolgen gestaltete sich mühsam. Um Steuerschulden zu begleichen, tourten die Bee Gees in den Siebzigern durch Provinz-Nachtclubs, eine Band von gestern auf Tingeltour. Es musste etwas geschehen.

Die Bee Gees reisten auf Anraten von Eric Clapton für Plattenaufnahmen nach Miami und begaben sich in die Obhut des Produzenten Arif Mardin. Dieser riet den Gibb-Brüdern, ihre Vorliebe für Funk und Soul in die Musik einfließen zu lassen. Mit "Jive Talkin'" gelang ihnen so 1975 ein früher Disco-Hit. Und bei "Nights on Broadway" sang Barry Gibb erstmals mit der Falsettstimme, die zum Markenzeichen der Bee Gees in der Disco-Ära werden sollte.

Mit weißen Anzügen, weiß bleckendem Lächeln und weit geöffneten Hemden wurden die Bee Gees für den Mainstream zum glatt glänzenden Bild von Disco, dank ihrer Beiträge zum Soundtrack des von ihrem Manager Stigwood produzierten Films "Saturday Night Fever". Evergreens wie "Stayin' Alive", "Night Fever" oder "How Deep Is Your Love" hatten sie nach einer rudimentären Inhaltsangabe des Films innerhalb von wenigen Tagen geschrieben. Der Soundtrack zu "Saturday Night Fever" wurde zum meistverkauften Album bis dahin - und erst durch Michael Jacksons "Thriller" abgelöst.

Der überwältigende Erfolg führte dazu, dass sich Robin Gibb klaglos mit der Rolle des Hintergrundsängers zufrieden gab. Doch er blieb weiterhin auf Abstand bedacht. Während die Brüder in Miami benachbarte Häuser bezogen, beließ Robin Gibb seinen Lebensmittelpunkt in England. In späteren Jahren setzte er sich für ein Denkmal zur Erinnerung an die britischen Bomberpiloten im Zweiten Weltkrieg ein - eine Initiative, die nicht zuletzt in Dresden auf Widerstand stieß.

Nach einem weiteren enorm erfolgreichen Disco-Album ("Spirits Having Flown") wurden die Bee Gees Anfang der achtziger Jahre voll erwischt vom Wechsel der Stimmung: Disco war out. Die Gibb-Brüder zogen sich in den Hintergrund zurück, schrieben Songs für Diana Ross ("Chain Reaction"), Barbra Streisand ("Woman in Love") oder Dolly Parton und Kenny Rogers ("Islands in the Stream").

Robin Gibb versuchte sich in den Achtzigern wieder solo. Mit "Juliet" hatte er einen Nummer-eins-Hit in Ländern wie Deutschland und Italien, der aber in Großbritannien und den USA keinen größeren Eindruck machte. 1987 gelang dann auch den Bee Gees mit der Single "You Win Again" ein großes kommerzielles Comeback, es folgten weitere erfolgreiche Alben ohne die ganz großen Hits. 1997 wurden die Bee Gees in die Rock'n'Roll Hall Of Fame aufgenommen. "Vor allen Dinge wünsche ich mir, dass wir als Komponisten anerkannt werden", sagte Robin Gibb 2010 in einem BBC-Interview.

Während die Karriere in ruhigeren Bahnen verlief, gab es im Privatleben Robin Gibbs einige Turbulenzen. Nach der Scheidung von Molly hatte er die Künstlerin Dwina Murphy geheiratet, später eine keltische Druidin. Neben seiner jüngsten Tochter Snow Robin aus einer Beziehung mit dem Hausmädchen Claire Yang hinterlässt Robin Gibb aus erster Ehe die Kinder Spencer und Melissa sowie aus der Ehe mit Dwina den Sohn Robin-John Gibb, genannt RJ. Mit ihm zusammen komponierte Robin Gibb das Klassikwerk "Titanic Requiem", das im April 2012 uraufgeführt wurde. Er war bereits zu krank, um bei der Premiere dabei zu sein. Die Aufführung mit dem Royal Philharmonic Orchestra wird am 22. Mai in einigen deutschen Kinos zu sehen sein.



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Seite 1
michael2273 21.05.2012
1. R.I.P. Robin Gibb
Schon wieder ist ein Held meiner geliebten Disco-Music verstorben. R.I.P. Robin Gibb « Aron Sperber (http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/05/21/r-i-p-robin-gibb/) Der Lebensstil jener hedonistischen Ära dürfte die Lebenserwartung doch um einige Jahre verkürzt haben.
kuddelb 21.05.2012
2. Ich
bin unendlich traurig !!!!!!!!!!!!!!!
janne2109 21.05.2012
3. ........
was heißt verkannt?? Wer die Musik mochte für den war er nicht verkannt und ist traurig. ( traurig sind manchmal auch die Titel von Spon
Claudio Tiberio 21.05.2012
4.
Zitat von michael2273Schon wieder ist ein Held meiner geliebten Disco-Music verstorben. R.I.P. Robin Gibb « Aron Sperber (http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/05/21/r-i-p-robin-gibb/) Der Lebensstil jener hedonistischen Ära dürfte die Lebenserwartung doch um einige Jahre verkürzt haben.
Dafür hatte er ein Leben, welches an Intensität interessanter ist, als jenes von vielen anderen, die dann doch alt wurden.
yoh! 21.05.2012
5. 1986
Zitat von sysopAPEr war ein englischer Exzentriker im Herzen der Disco-Explosion: Mit der Brüderband Bee Gees verkaufte Robin Gibb mehr als 200 Millionen Platten - doch er sehnte sich stets nach Anerkennung als Komponist. Nun ist Robin Gibb an seiner Krebserkrankung gestorben. Er wurde 62 Jahre alt. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,834104,00.html
....hatte ich die Ehre und Freude die Bee Gees in Miami im Studio und bei einer Homestory mit Sabine Sauer zu fotografieren. Die BRAVO druckte begeistert die Doppelseite. Alle Bee Gees fuhren deutsche Autos (Porsche 928) und baten mich, drei deutsche Frontplates (in Florida ist nur das hintere Kennzeichen Pflicht) mit ihren Namen zu drucken. Ich sendete sie in die USA und der Einzige, der sich mit einer persönlichen Karte dafür bedankte, war Robin! Dieses Beipsiel ist für diesen Mann bezeichnend! Maurice war im Hintergrund, Barry der glatte Profi ... nur Robin interessierte sich für Menschen. Er wollte auch wirklich etwas von dem Reporter wissen, der ihn fotografierte. Seine melancholisches Charisma werde ich nie vergessen und ich schätze diese Erinnerung noch heute sehr. Er trug seinen Teil zu meinem Leben bei. Die "an sich zweifelnden" und "reflektierenden" sind die wertvollen Menschen! Robin, für mich gehärtest du dazu und ich hoffe, ich laufe Dir im "Outaspace" mal irgendwann wieder über den Weg ... aber sorry, Deine Mucke war "Pussyscheiß" ;-)
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