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Zum Tod von Georges Moustaki: Der fremde Filou

Von Jan Feddersen

Georges Moustaki: Der Meister der leisen Töne Fotos
AFP

Ein Melancholiker, ein Liebhaber, ein Reisender, ein Flaneur: Georges Moustaki erzählte in sanften Molltönen vom Leben und von der Liebe. Nach Deutschland kam der Sänger gerne auf Tournee - seine unideologischen, aber doch irgendwie linken Botschaften entsprachen dem Lebensgefühl. Ein Nachruf.

Das war das Lied, das ihn in Deutschland berühmt machte, damals, in den frühen siebziger Jahren - als alle aufrührerische Welt sich mit Fremdem anfreunden wollte, mit Exotischem und Interessantem: "Le Métèque" hieß das Chanson, "Der Fremde", besser: "Der Kanake". Die Figur, die abstößt mit einer "Fresse", die keinen Zweifel lässt - ja, ich bin nicht wie ihr, wie du, wie alle anderen. Niemand anderes als er hat dieses Lied, dargereicht in sanften Molltönen, interpretieren können: Georges Moustaki, ein, wie er selbst sang, "ewiger Jude" mit griechischem Vaterland. Ein Mann mit schon damals grauer Zottelmähne, eine Art wohlsingender Wiedergänger des damals nicht minder populären Filmhelden "Alexis Sorbas", dem Griechen nach dem Roman von Nikos Kazantzakis, dem Regisseur Michael Cacoyannis ein Denkmal setzte.

Beide waren wichtige Ikonen jener Achtundsechzigerbewegung, die sich nicht ausdrücklich als linksradikal verstand - eher auf hippiehaften, freisinnigen Lebensstil setzte. Moustaki, 1934 als Giuseppe Mustacchi, Sohn jüdischer Einwanderer aus Griechenland im ägyptischen Alexandria, zur Welt gekommen, musste in kein Rollenkleid schlüpfen, um eine der Lieblingsphantasien von jungen, nicht nationalistischen Deutschen zu geben: ein Sorbas mit poetischen Liedern, ohne grelle Attitüde, mehr sanfter Prediger und Anreger als Agitator. "Le Métèque" - das aber war und blieb die beste Charakterisierung seiner selbst.

Vom Talent zum König des Liederzirkus

So häufig wie Moustaki kam niemand aus der französischen Liedermacherszene nach Deutschland auf Tournee zu Besuch. Nirgendwo sonst hatte er diese Popularität, dieses mitsummende, all seine Lieder auswendig kennende Publikum. Dieser Franzose - der er im Laufe der Fünfziger wurde - hatte freilich bereits eine Karriere hinter sich, als sein Stern Ende der Sechziger in Deutschland erst richtig aufging. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ging er, anders als Freunde von ihm, nicht ins neu zu erbauende Israel, sondern 1951 nach Frankreich, wo er literarischen Chansonautoren nacheiferte. Zunächst arbeitete er noch in Gelegenheitsjobs, etwa als Journalist oder als Mann hinter der Bar. Dort lernte er Georges Brassens kennen, sein Idol.

Der mochte in dem ehrgeizigen ägyptischen Griechen ein Talent gesehen haben - Moustaki, wie er sich schließlich nannte, mit Vornamen Georges seines Idols wegen, schrieb in den Jahren darauf Dutzende von Chansons für die Hipster des neuen französischen Liedes. Juliette Gréco, Serge Reggiani - aber vor allem für die Grande Dame der Szene, für Edith Piaf. Mit ihr hatte er eine kurze Affäre - die Piaf liebte junge, vielversprechende Männer - und Moustaki schrieb ihr als Geschenk ein Chanson, das sie im Herbst ihrer eigenen Karriere in die Hitparaden auf oberste Plätze bringen sollte, auch in Deutschland: "Milord" - die Geschichte vom Mann, den sie begehrt, den sie aber nicht halten kann.

Mit anderen Worten: Moustaki gehörte fortan selbst zur Crème de la Crème des französischen Liederzirkus, doch noch längst fußte sein Image nicht auf dem Bild vom zarten, allenfalls lieblichen Mannes. Lieder wie "Un jupon d'Italie" (Ein italienischer Unterrock) zeigten ihn eher als Könner in Dur, als Filou und Flaneur mit Sinn für die Frauenwelt.

Ein Melancholiker als Star

Aber die Zeit war für einen auteur-chanson, für, wie man im Deutschen sagte, Liedermacher nicht eben günstig: In Frankreich hießen die Hipster nun Françoise Hardy, Sheila, Serge Gainsbourg, Jane Birkin oder Sylvie Vartan - Popfiguren mit weniger literarischen Allüren als mit Absichten, gut und rasant und authentisch zu leben. So kam er selbst in ein Asyl der möglichen Popularität nach Deutschland, was historisch insofern auch den bitteren Witz enthielt, als es das Land der nationalsozialistischen Täter war. Die Konzerte Moustakis waren ausverkauft, besucht von durchweg jungen Deutschen: Lieder wie "Ma Solitude", "Le temps de vivre", das Saccho-&-Vanzetti-Lied oder "Il y avait un jardin" und eben "Le Métèque" machten ihn zum Chansonnier aus Frankreich schlechthin. Ein Melancholiker, dessen Erfolg darauf beruhte, immer ein wenig so zu tun, als sei ihm Starrummel recht eigentlich zuwider.

So sehr Moustaki sich als Poet verstand, als singender Literat nach Brassens, Boris Vian oder Jacques Prévert, so klar war auch stets, dass dieser Entertainer sich nicht als apolitisch missverstanden sehen wollte. Früh zeigte er Sympathien für trotzkistische Avancen, auch, indem er in einem Lied im marschierend-melodischen Stil die "revolution permanente" thematisierte und bejahte. Im vorigen Präsidentschaftswahlkampf, schon schwer erkrankt, kaum noch Luft bekommend, so geschädigt wie seine Atemorgane waren, unterstützte Moustaki Philippe Poutou, Aspirant der radikalen Linken, Anarchist und Trotzkist in einem.

Zu entdecken gab es noch immer einen Autor, der sich seiner jüdischen Traditionen, ihrer Geschichte - wie auch die des zufällig Überlebenden im ägyptischen, damals multireligiösen Alexandria - mit dem Älterwerden immer gewisser wurde. Mit seinem deutschen Freund Siegfried Meir schrieb er vor 13 Jahren "Sohn des Nebels. Jüdische Erinnerungen" - der eine in Ägypten aufgewachsen, der andere als in Frankfurt am Main geborenes Kind ein Insasse und Überlebender von Auschwitz. Beide - so gesehen - Figuren, die bereits in das Air von "Le Métèque" mit eingewoben scheinen.

Georges Moustaki ist Donnerstagmorgen in Nizza im Alter von 79 Jahren gestorben.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Traurig,
rjlegrand 23.05.2013
wir haben einen von den ganz Großen verloren, der für ein Lied nur sich selbst und eine Gitarre brauchte. Ehre seinem Andenken.
2. Au revoir, Georges...
thrifter 23.05.2013
...et merci bien...
3. Er
Hippolit 23.05.2013
hat mich wirklich berührt. Immer ein wenig verschämt, der ich eigentlich Rock und Jazz hörte, habe ich ihn fast heimlich verehrt. Ich bin traurig avec ma solitude...
4. Grandseigneur
schaluppe 24.05.2013
...des chansons. Er brachte in den kühl-rationalen Materialismus der deutschen Linken ein bisschen mediterranes Laissez-Faire, einen Hauch von Taboulé und Kräutern der Provence. RIP, Moustaki.
5. optional
galwayirish 24.05.2013
Au revoir, Georges...
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