Zum Tode Donna Summers Vamp wider Willen

Sie hatte mehr Hits als ihre Nebenbuhlerinnen, und sie sang die einflussreichsten Songs: Donna Summer, mit 63 Jahren an Krebs gestorben, war die wahre Königin des Disco-Sounds. Streng religiös erzogen, haderte sie mit ihrem Image als Sex-Göttin - und spielte ihre Rolle doch mit Perfektion.

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In der Disco-Ära herrschte kein Mangel an glamourösen Sängerinnen, nicht umsonst ist "Disco-Diva" ein stehender Begriff. Doch bei aller Hochachtung vor Gloria Gaynor oder Diana Ross: Der Ehrentitel der "Queen of Disco" konnte nur an Donna Summer gehen.

Sie hatte die meisten Hits. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität 1978/79 landete sie mit vier Nummer-eins-Singles innerhalb von 13 Monaten in den US-Charts . Sie sang den einflussreichsten Song - elektronische Popmusik ist ohne "I Feel Love" kaum vorstellbar. Und sie war diejenige, die die sexuelle Aufladung von Disco schon früh, nämlich 1975, einem großen Publikum vermittelte - mit "Love To Love You Baby", einem "Marathon von 22 Orgasmen", wie das "Time"-Magazin seinerzeit zählte.

Die Geburt von Donna Summer als Weltstar ging in München vonstatten, in den Musicland-Studios. Mit dem Produzenten Giorgio Moroder hatte sie schon bei den Aufnahmen zu mehreren Platten zusammengearbeitet, die teilweise noch unter ihrem Mädchennamen Donna Gaines erschienen. Zu Donna Summer wurde sie erst durch die kurzzeitige Ehe mit dem österreichischen Schauspieler Helmut Sommer.

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Donna Summer ist tot: Abschied von einer Disco-Queen
Inspiriert von der akustischen Liebesakt-Simulation "Je t'aime...moi non plus" von Serge Gainsbourg und Jane Birkin nahm Summer im verdunkelten Studio ihre Sinfonie des Stöhnens auf. "Ich gab alles ins Mikrofon, von dem man mir seit Kindheit eingebläut hatte, dass man es besser verschweigt", zitierte sie der SPIEGEL im Jahr 1976.

Immer wieder werde sie gefragt, ob sie sich dabei berührt habe, erzählte sie im selben Jahr dem "Rolling Stone": "Ja, ich glaube, ich hatte die Hände auf den Knien." Giorgio Moroder schickte den Song nach Los Angeles zu Casablanca Records. Labelchef Neil Bogart spielte "Love To Love You Baby", das damals die üblichen drei Minuten lang war, auf einer privaten Party, und die Gäste wollten es immer wieder hören. Bogart bestellte bei Moroder eine längere Version, und dieser machte sich ans Werk. Das Ergebnis: "Erstmals drückte jemand mit einem Lied das Grundprinzip der Disco-DJs aus: Monotonie und Spannung, über 16 Minuten und 50 Sekunden", wie ein SPIEGEL Special 1999 zu Recht feststellte.

"Love To Love You Baby" kletterte weltweit die Hitparaden hinauf, in den USA bis auf Nummer zwei der Singlecharts. Das gleichnamige Album wurde ebenfalls ein großer Erfolg - schließlich war darauf die volle Stöhndröhnung in der Langversion zu hören. Casablanca Records war in den Siebzigern legendär wegen seiner imagestarken Stars, berühmt wurden auch die maskentragenden KISS und die Village People in ihren homoerotischen Kindergeburtstagsverkleidungen. Natürlich vermarkteten sie die hochgewachsene, schwarze Schönheit Donna Summer als Sex-Vamp.

"Der Klang der Zukunft"

Die in Boston bei strengen Eltern als eifrige Kirchgängerin aufgewachsene Sängerin irritierte das durchaus. Dem afroamerikanischen Magazin "Ebony" gegenüber betonte sie in einer Homestory 1977, dass sie jeden Abend bete und sich überhaupt nicht als sexy ansehe. Doch schließlich war sie Schauspielerin - nach Deutschland war Donna Gaines als Musicaldarstellerin in "Hair" gekommen - und die hochsexualisierte Rolle, die sie nun spielte, war ein Kassenschlager. Eine Lektion, die Stars von Madonna bis Rihanna gelernt haben.

1977 gelang Giorgio Moroder dann ein produktionstechnischer Durchbruch: Mussten bisher stoische Studiomusiker die repetitiven Hintergrundtracks der Disco-Songs einspielen, so konstruierte Moroder die Musik zu "I Feel Love" komplett mit Synthesizer- und Drummachine-Klängen. Produzenten-Legende Brian Eno soll 1977 in Berlin ins Studio gestürzt sein, wo er mit David Bowie aufnahm, und über "I Feel Love" gesagt haben: "Das ist der Klang der Zukunft!"

Wenn die Geschichte stimmt, hatte er ganz sicher nicht unrecht, denn die hypnotischen Sounds aus Moroders Studio inspirierten den britischen Synthie-Pop der späten Siebziger und frühen Achtziger ebenso wie Electro- und Techno-Künstler bis ins neue Jahrtausend hinein. "Von 'I Feel Love' erinnere ich mich an jeden einzelnen Ton", sagte der deutsche DJ und Produzent Westbam einmal.

Doch natürlich wäre "I Feel Love" nicht zu einem solchen Riesenhit geworden (unter anderem Nummer eins in Großbritannien), hätte nicht Donna Summer so großartig gesungen. Längst durfte sie neben dem hohen, lustvollen Jauchzen auch andere Facetten ihrer Stimme zeigen, wenngleich sie von ihrem frühen musikalischen Vorbild, der Gospelsängerin Mahalia Jackson, natürlich weit entfernt war. Donna Summer war schließlich eine Disco-Queen, ihre Hitserie in den Jahren 1978 und 1979 besiegelte diesen Titel. Das Album "Bad Girls", mit einem Prostituierten-Thema als inhaltlicher Klammer und Riesenhits wie "Hot Stuff" und "Dim All The Lights", war der kommerzielle Höhepunkt der Zusammenarbeit Summer-Moroder.

Und für "Last Dance" aus "Thank God It's Friday", in dem sie auch mitspielte, bekam sie den Oscar für den besten Filmsong. 1983 sang sie mit "She Works Hard for the Money" - eine Hommage an all die schwer schuftenden Frauen. Im Video dazu stellte sie eine Kellnerin und eine Krankenschwester dar. "Es war wohl nicht leicht zu verkaufen", sagte sie in dem 2011 erschienen Oral-History-Buch "I Want My MTV". Weil sie schwarz war, habe man von ihr diese Form von Kreativität weniger erwartet. "Obwohl ich durchaus fortschrittlich dachte, bekam ich nie die Möglichkeit, mich so zu entfalten, wie es etwa Madonna konnte."

Noch in den vergangenen Wochen soll sie an neuen Songs gearbeitet haben

"She Works Hard For The Money" wurde dennoch ein großer Erfolg und auch für einen MTV-Video-Award nominiert - als erstes Video einer schwarzen Musikerin. Zu dieser Zeit war Donna Summer bereits wiedergeborene Christin. In ihrer Autobiografie "Ordinary Girl" schrieb sie, dass sie sich infolge von Depressionen und einem Selbstmordversuch Mitte der siebziger Jahre verstärkt dem Glauben zuwandte. In den Neunzigern habe sie erneut mit Depressionen zu kämpfen gehabt.

Vielleicht wegen ihrer Religiosität mochte man Mitte der Achtziger glauben, dass Donna Summer bei einem Konzert tatsächlich gesagt habe, Aids sei eine Strafe Gottes an den Homosexuellen. Jahre später bestritt sie das Zitat heftig, beschwerte sich darüber, dass wohlmeinende, aber fehlgeleitete Berater sie von den wütenden Reaktionen ihrer vielen schwulen Fans abgeschirmt hätten, und entschuldigte sich für allen Schmerz, den ihre angebliche Aussage verursacht habe. Doch der Schaden an ihrer Karriere war da, die zu dieser Zeit sowieso etwas an Richtung und Dynamik verloren hatte.

Es wäre falsch, Donna Summer als Produzentenpüppchen zu sehen - ihr Einfluss auf die musikalischen Ideen ihrer Platten war stark. Doch zu der Chemie, die zwischen ihr, Giorgio Moroder, dessen Kompagnon Pete Bellotte und Labelchef Bogart geherrscht hatte, fand sie nicht zurück. Obwohl sie mit namhaften Produzenten wie Quincy Jones, Harold Faltermeyer und Stock/Aitken/Waterman zusammenarbeitete, konnte sie nie wieder an ihre Triumphe aus der Disco-Ära anknüpfen, trotz vereinzelter Achtungserfolge.

Dennoch: Ihre musikalische Laufbahn war lang, zuletzt erschien 2008 mit "Crayons" ein Album mit neuen Songs, auch in den vergangenen Wochen noch soll sie an Aufnahmen gearbeitet haben. Diese wird sie nicht mehr vollenden können: Am Donnerstag ist LaDonna Adrian Gaines, berühmt als Donna Summer, in Naples, Florida im Alter von 63 Jahren gestorben, wie ihre Familie bestätigte. Sie hinterlässt drei erwachsene Kinder, eins aus der Ehe mit Helmut Sommer, zwei aus ihrer zweiten Ehe mit dem Sänger Bruce Sudano. Wie ihre Pressesprecherin sagte, starb sie an den Folgen einer Krebserkrankung.



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insgesamt 14 Beiträge
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feuercaro1 18.05.2012
1. Oh.
Gute Reise. In dankbarer Erinnerung für "all the music".
SpieFo 18.05.2012
2. Trauer
ich bin selten einem Menschen mit solcher Aura begegnet.
ollux 18.05.2012
3. Donna Summer
Zitat von sysopREUTERSSie hatte mehr Hits als ihre Nebenbuhlerinnen, und sie sang die einflussreichsten Songs: Donna Summer, mit 63 Jahren an Krebs gestorben, war die wahre Königin des Disco-Sounds. Streng religiös erzogen, haderte sie mit ihrem Image als Sex-Göttin - und spielte ihre Rolle doch mit Perfektion. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,833742,00.html
Auch wenn der Tod grundsätzlich ein schlimme Sache ist und ich sehr bedauere, dass ein Mensch mit nur 63 Jahren gehen musste: , Ihre Songs spielen in meinem Musikverständnis keinerlei Rolle, obwohl ich durchaus bekennender Disco-Besucher war. Bei den genannten "Hits" , durchströmt mich mehr das Gefühl von : " ganz schlimm bis grausam".So ging es vielen meiner Zeitgenossen. Dass Sie eine Wegweiserin, also Spiritus rector, des Disco-Sounds war , halte ich für schlichtweg übertrieben.
Jörn Bünning 18.05.2012
4. Selten
Fairer Artikel! Information statt Vorurteile. Leider zu selten.
bartsimpsen 18.05.2012
5. Donna Summer lebt weiter ...
Donna Summer (LaDonna Andrea Gaines), Disco-Queen der siebziger und achtziger Jahre lebt weiter und zwar im Mc Athur Park siehe hier: Donna Summer - MacArthur Park - YouTube The best Song ..
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