Zum Tode Tom Pettys American Trotzkopf

Mit der Dickköpfigkeit des Südstaatlers: Tom Petty erzählte in seinen Songs von Underdogs, die sich gegen alle Widerstände behaupten. Die Pose des bittersüßen Rock'n'Roll-Rebellen machte ihn zum Weltstar.

Von


"Es sind bloß Rocksongs, die sind billig, da gibt es keinen tieferen Sinn", sagte Tom Petty einmal mies gelaunt zu einem "Rolling Stone"-Reporter. Das war 1980, und eigentlich hatte Petty, damals kurz vor seinem 30. Geburtstag, gar keinen Grund, schlecht drauf zu sein: Mit dem dritten Album seiner Band The Heartbreakers, "Damn The Torpedoes", war endlich der große Erfolg eingetreten.

Die Presse riss sich um den blonden Gitarristen und Sänger aus Florida, das Radio spielte Hits wie das nach muskulösem Bob Dylan klingende "Refugee" und das R&B-bedampfte "Don't Do Me Like That", Konzerte waren ausverkauft. 13 Jahre nachdem Thomas Earl Petty aus Gainesville die Schule geschmissen hatte, um Rockstar zu werden, waren Amerika und der Rest der Welt endlich bereit, seine Stimme zu hören.

Die Anstrengung und Leidenschaft, die mit diesem langen Weg verbunden war, hörte man den Songs von "Damn The Torpedoes" an. Das verhalf der Platte zum Durchbruch und etablierte Petty als den bittersüßen Rebellen, der später mit sanft widerständigen Songs wie "Learning to Fly", "I Won't Back Down", "Into the Great Wide Open" oder "Free Fallin" zu einem der erfolgreichsten Musiker der Achtziger- und Neunzigerjahre werden sollte.

Rund 80 Millionen Platten hat Tom Petty in seiner vier Jahrzehnte dauernden Karriere verkauft. Zusammen mit Bruce Springsteen, John Mellencamp, Bob Seger und Steve Earle definierte er das Genre des "Heartland Rock", der Geschichten aus Amerikas Arbeiterklasse erzählte, die unter der Wirtschaftskrise und den marktliberalen "Reaganomics" der Ära litten. Es mag nur Rock'n'Roll gewesen sein, aber einen tieferen Sinn sahen die Menschen in Pettys Songs ganz offenbar doch.

Fotostrecke

14  Bilder
Tom Petty: Der Herzensbrecher des Rock'n'Roll

1980, als seine Karriere gerade erst begann, war Petty jedoch vor allem erschöpft. Mit 17 hatte er die Band Mudcrutch gegründet, seine Idole waren Ur-Rock'n'Roller wie Elvis und Buddy Holly. Zusammen mit dem Gitarristen Mike Campbell und dem Keyboarder Benmont Tench, die ihn später zu den Heartbreakers begleiten würden und bis zum Schluss in seiner Band spielten, fusionierte er luftige Fifties- und Sixties-Melodien, wie sie die Byrds spielten, mit der schwergängigeren Süffisanz des Southern Rock.

Elvis, Beatles und die Südstaaten-Akzente

Seine Initialzündung erlebte er im Alter von zehn Jahren, als in seiner Nachbarschaft der Elvis-Film "Follow That Dream" gefilmt wurde und der kleine Tom bei den Dreharbeiten zuschauen durfte. Später sah er, wie viele seiner Generation, die Beatles in der Ed-Sullivan-Show im Fernsehen - und wusste, dass er dem Schicksal, in Gainesville ein tristes Dasein als Malocher zu fristen, ein Schnippchen schlagen wollte.

Das Schicksal hatte jedoch andere Pläne: Die Plattenfirma ABC, bei der Petty Mitte der Siebziger einen Vertrag aushandelte, wusste mit Mudcrutch nichts anzufangen und löste die Band auf. Petty, inzwischen alleiniger Songwriter, veröffentlichte 1976 als Tom Petty & The Heartbreakers sein erstes Album, doch trotz späterer Hits wie "Breakdown" und "American Girl" passierte zunächst: nichts. Das Label hatte die Platte irrtümlich als Punk-Album promotet, was Petty und Band jedoch spielten, war jener nostalgische, naiv-melodische Rock'n'Roll, der alsbald als "Power Pop" Furore machen sollte.

In England, wo die Heartbreakers als Support von Nils Lofgren auf Tour gingen, erkannte man das zeitgeistige Potenzial von Pettys Songwriting, dessen krähende Stimme manchmal an Byrds-Sänger Roger McGuinn, manchmal an Dylan, manchmal aber auch Elvis Costello erinnerte. Über den Umweg UK bekamen die Heartbreakers auch in ihrer Heimat eine Chance. Doch dann trudelte ABC in die Insolvenz - und mit der Firma ging auch Petty pleite, der in seiner Unerfahrenheit einen jener in den Siebzigern berüchtigten Knebelverträge unterzeichnet hatte.

Man muss das so ausführlich erzählen, um zu verstehen, warum sich erst mit den in tiefer Verzweiflung und Existenznot geschriebenen Songs auf "Damn the Torpedoes" jener Underdog-Furor entfaltete, der Pettys Markenzeichen blieb. In "Here Comes My Girl" jubelt Petty noch, dass er endlich die Richtige gefunden hat ("We're gonna last forever"), aber schon im nächsten Song, "Even the Losers", hat er sie wieder verloren und steht, am Ende, Wunden leckend im "Louisiana Rain".

Dem Top-40-Erfolg von "Damn the Torpedoes" folgte eine Phase der Desorientierung, die Petty in Alkohol- und Kokain-Nebel versinken ließ. Beflügelt vom unverhofften Starruhm, versuchte er sich drei Jahre lang an einem Konzeptalbum über das Leben in den Südstaaten, das 1985 als "Southern Accents" veröffentlicht wurde. Nur der untypischste Song darauf, das von Eurythmics-Musiker Dave Stewart produzierte, leichtgängig elektronische "Don't Come around Here No More" wurde ein Hit.

Die Lehre für Petty, der sich in überfrachteten Liedern wie "Rebels" oder "Spike" in die konservative Konförderierten-Mentalität hineindachte: Anders als Springsteen taugte er offenbar nicht zum großen Erzähler, sein Spielfeld blieb der schnelle, direkte Eins-zu-eins-Rocksong ohne Epik und Überbau. Für die vielfach kritisierte Verwendung des auch bei Rassisten und Neonazis beliebten Südstaaten-Banners bei zahlreichen Live-Performance von "Rebels" in den Achtzigern entschuldigte sich Petty 2015 im "Rolling Stone": "Das war ausgesprochen dumm von mir."

Selbst die Strokes lieben Petty

Bis heute bleiben Pettys Hits einflussreiche moderne Pop-Blaupausen. Die New Yorker Hip-Rocker The Strokes verwendeten Pettys "American Girl" 2001 für ihren Song "Last Nite"; "Mary Jane's Last Dance" diente den Red Hot Chili Peppers als Inspiration für ihre Single "Dani California".

Ende der Achtzigerjahre hatte Petty mit dem Produzenten Jeff Lynne (ELO) einen Geistesverwandten getroffen, der für den einfachen, aber eleganten und sehr brillanten Sound der zahlreichen Radiohits sorgte. Zusammen mit Lynne, Roy Orbison, Ex-Beatle George Harrison und Bob Dylan gründete Petty parallel zu seinem Solo-Erfolg auch noch die erfolgreiche Supergroup The Traveling Wilburys, die 1988 und 1990 zwei Alben veröffentlichte. Petty war auf dem Olymp des amerikanischen Rock'n'Rolls angekommen.

An die großen Erfolge dieser Zeit konnte Petty nicht mehr anknüpfen, was am veränderten Zeitgeist, aber auch an den Veränderungen innerhalb der Musikindustrie und im zurückgehenden Umsatz mit Tonträgern liegt. 2014 gelang ihm mit dem Heartbreakers-Album "Hypnotic Eye" jedoch seine allererste Nummer eins in den amerikanischen Billboard-Charts. Ein später Triumph für den Songwriter, der sich seine Südstaaten-Dickköpfigkeit, seinen gutmütigen Widerstand gegen Schicksal, Branche und System bis ins Alterswerk bewahrt hatte. Noch 2002 wütete er im - natürlich legendär erfolglosen - Song "The Last DJ" gegen ignorante und korrupte Radiojockeys und verdammte das Business in "Money Becomes King".

So bleibt das musikalisch beschwingte "I Won't Back Down" von 1989 der essenzielle Petty-Song: "Du kannst mich vors Höllentor stellen, aber ich werde nicht klein beigeben", singt er darin, wissend, dass es keinen leichten Ausweg gibt. Aber "Hey Baby", kräht und näselt er dann trotzig: "I just got one life/ In a world that keeps pushing me around/ But I'll stand my ground."

Tom Petty verstarb am Montag an den Folgen eines Herzinfarkts, den er zuvor in seinem Haus in Malibu bei Los Angeles erlitten hatte. Er wurde 66 Jahre alt.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HansKohl 03.10.2017
1.
Das der große Tom Petty 1 Tag nach dem Wahnsinn in Las Vegas stirbt ist aus der Entfernung fast genauso schlimm. Sicher hätte er etwas zu dem Massenmord zu sagen gehabt. Er war kein Kunstprodukt, wie viele der "Rocker" and Pop(p)er heute sind, sondern ein ehrlicher Musiker mit Herzblut dort, wo andere $$-Noten haben. Als einem der wenigen Menschen weltweit, hoffe ich bei ihm wirklich, das er dort ist, woran er geglaubt hat! Grüße an seine Angehörigen (schreibe das hier mit irgend einem Account, bei einem Freund) Ewald
derhatschongelb 03.10.2017
2. Sehr traurig,
denn Tom Petty war 40 Jahre immer gut. Nicht immer sehr gut, aber eben immer gut!
David McB 03.10.2017
3. Er hatte einfach ein Händchen...
...für diesen leichtfüssigen und präzisen Südstaaten Rock'n Roll, welcher sich nur allzuoft als fieser Ohrwurm in den Gehörgängen festbiss. Einer der ganz grossen US-Musiker, welcher zumindest den Eindruck von sympathischer Bodenständigkeit machte. Wie sagt man in solch einem Fall so schön: Die Musik kann mir keiner mehr nehmen. R.I.P. Tom...
Herbert Werner 03.10.2017
4. Nie war er besser
als hier: https://www.youtube.com/watch?v=YVRtQUTd7Gk&feature=more_related
bucketfor99 03.10.2017
5. Johnny Cash
coverte I Won‘t Back Down mit Tom als Background Sänger eindrücklich. Ein ganz Grosser ist von uns gegangen, seine Songs werden überleben. Ruhe in Frieden!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.