Jazzfest Berlin mit weiblicher Leitung "Wir sind nicht überfordert"

Eine Frau an der Spitze des wichtigsten Jazz-Festivals - und gleich drehen einige Kerle frei. Nadin Deventer, neue Chefin des Jazzfest Berlin, über Generationenkonflikte und Geschlechterfragen in einem Männer-Genre.

Christoph Neumann

Ein Interview von Tobi Müller


Über Jazzliebhaber kursieren ähnliche Klischees wie über Modelleisenbahner: männlich, alt, ein bisschen verspult und meistens im Keller. Aber warum lassen sich mit Jazz nicht Ketten bilden wie: offen, geschlechtergleich, global vernetzt und lokal kooperativ? Beide Reihen sind nicht ganz falsch. Der Jazz befindet sich in einer Phase des Ringens: Er wird neuerdings jünger, vor und auf der Bühne, es gibt mehr Frauen, und in den USA hat Jazz seine klassizistische Phase hinter sich gelassen und sucht die Kraft des Politischen. Nadin Deventer, 41, ist die neue Leiterin des 54 Jahre alten Jazzfests Berlin, die erste Frau an der Spitze des wichtigsten deutschen Festivals in dieser Sparte. Sie will das Jazzfest zum Neuen hinführen, kämpft aber noch mit dem Alten.

Zur Person
  • imago/ Votos-Roland Owsnitzki
    Nadin Deventer, 1977 in Ibbenbüren geboren, kennt das Jazzfest Berlin durch ihre Arbeit als Produktionsleiterin unter ihrem Vorgänger Richard Williams. Die Kulturmanagerin studierte in Paris und Amsterdam und kuratierte zahlreiche Jazz-Festivals. 2012 wurde sie als einige Deutsche in den Vorstand des European Jazz Networks berufen. "Sie hört nicht nur Jazz, sie lebt ihn", sagte Thomas Oberender, Chef der Berliner Festspiele, als Deventer 2017 als erste Frau zur Leiterin des Jazzfest ernannt wurde.

Als Deventer im Frühjahr 2017 als neue Leiterin des Jazzfests vorgestellt wird, hört man viel Kritik. Michael Rüsenberg, freier Kritiker und Autor eines Jazzblogs, raunte in einem Blog-Eintrag, den er inzwischen gelöscht hat, in der Szene sei von einer "Hinrichtung" des Festivals die Rede und Deventer habe "keine kuratorische Erfahrung" vorzuweisen.

Ab dem 1. November ist Deventers erstes Programm zu sehen und zu hören: Es gibt mehr Musik, mehr Festival, aber nicht weniger Kunst. Wir treffen sie an ihrem neuen Arbeitsplatz, dem Haus der Berliner Festspiele in Berlin-Wilmersdorf.

SPIEGEL ONLINE: Was war das erste Jazzkonzert, das Sie umgehauen hat?

Deventer: Das war eine Kommilitonin auf der Jazzhochschule in den Niederlanden, Maria Fernandez Alvarez. Sie war blutjung und sang "Strange Fruit", das unsingbar ist, weil es die große Billie Holiday gesungen hat. Alvarez war einer der wenigen richtig großen Talente. Ich selbst habe Europawissenschaften studiert und in den Niederlanden Gesang dazu genommen. Nach drei Jahren konnte ich zwar Lieder singen, aber das machte mich nicht zu einer Sängerin. Ohne Groll musste ich erkennen: Da findest du keinen Platz. Doch man baut an den Schulen sein Netzwerk auf. Und so habe ich angefangen, für die Besten, wie Maria, Konzerte zu organisieren, weil ich sagte: Ihr müsst spielen! Schleichend bin ich auf die andere Seite gewechselt.

SPIEGEL ONLINE: Heute sind Sie die erste Frau, die das 54 Jahre alte Berliner Jazzfest leitet. Kommt Jazz langsamer in diesem Jahrhundert an als andere Künste?

Deventer: Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, nicht nur im Jazz. Eine Studie vom deutschen Kulturrat hat genau das untersucht, wie sich die Situation der Frauen im Medien- und Kulturbereich verändert hat.

SPIEGEL ONLINE: "Öffentliche Hinrichtung" des Festivals, "keine kuratorische Leistung" vorzuweisen, Duzen in Überschriften ("Nadin, ich steh' auf Berlin"): Das ist schon deutlicher als in anderen Künsten.

Deventer: Das ist kein Geheimnis, dass Frauen in Führungsposition nicht gut, sondern besser und vielleicht auch mutiger zu sein haben. Und schneller. Die Aufregung über meine Wahl repräsentiert aber nicht die ganze Szene. Wer ist überhaupt die Szene?

SPIEGEL ONLINE: Ihre größten Kritiker findet man bei Festivalmachern, Redakteuren in den Rundfunkanstalten, ohne die sie das Festival kaum machen können, und bei älteren Jazzkritikern.

Deventer: Ich habe auch anderes gehört, erst recht seit das Programm vorliegt. Und die Szene ist vielstimmig und größer als Deutschland. Mein Privileg ist, dass ich ein großes internationales Netzwerk habe. Ohne diese Leute, ohne Musikerinnen und Musiker, Veranstalter, Journalisten aus dem internationalen Bereich im Rücken zu wissen, hätte ich den Job gar nicht angenommen.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker nennen Sie mit 41 Jahren unerfahren. Richard Williams, Ihr Vorgänger, hatte noch nie ein Festival gemacht, bevor er im Alter von 67 Jahren das Jazzfest übernahm. Joachim Ernst Berendt war 42, als er 1964 die Jazztage lancierte.

Deventer: Das liegt an der heutigen Lebensrealität, an den nicht mehr linearen Arbeitsbiografien. Ich arbeite seit 16 Jahren nonstop im Kulturbereich. Vom Bundestag über Underground-Geschichten zu den Berliner Festspielen war ich fast immer Freischaffende und bin sechs oder sieben Mal umgezogen innerhalb Europas. Dabei stand ich immer schon mit einem Bein in der freien Szene und mit dem anderen in den Institutionen. Ich habe zehn Jahre als Leiterin das "Jazzwerkruhr" gestaltet, habe für die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 ein Jazzprogramm kuratiert, für die Ruhrtriennale Programme entwickelt. Aber ja, das Jazzfest ist etwas anderes als das Festival "N.A.T.U.R- natürliche Ästhetik trifft urbanen Raum" in Bochum. Das waren oft Bottom-up-Prozesse: Freie Szene, wenig Geld. Aber ich war auch Dramaturgin bei einem klassischen Musikfestival in Brüssel, dem Festival Van Vlaanderen. Wir Jüngeren leben schon lange im Neoliberalismus, der befristete Aufträge oder Projektarbeit bevorzugt.

SPIEGEL ONLINE: Zerschießen Sie gerade selbst Ihre Qualifikationen? Alles befristet, nichts Richtiges?

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Jazzfest Berlin: Schwerpunkt weiblich

Deventer: Im Gegenteil. Mein Vater ist Lehrer, meine Mutter Arzthelferin, ich komme aus dem Münsterland. Zwar bin ich schon als Teenager nach Paris abgezischt, aber es hat mich Jahre gekostet, zu merken, dass diese Art der ungesicherten Arbeit qualifiziert ist und zum Erfolg führen kann. Im Wettbewerb um Gelder habe ich mich oft mit innovativen Projektideen behaupten müssen. Wir werden vermutlich ein Leben lang so arbeiten müssen. Die Leute fragen: Hast du es jetzt geschafft? Das Jazzfest ist sicher ein großer Meilenstein in meinem Leben, aber nichts ist vorhersehbar. Ich gehe nicht davon aus, für immer in Berlin bleiben zu können. Und man ist nicht weniger kompetent, nur weil man keine Festanstellung hat wie viele Ältere.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber viel mit Leuten zu tun, die noch in dieser Welt der institutionellen Festanstellung leben. Ganz verschwunden ist sie ja nicht. Wie ist es gelaufen bislang?

Deventer: Ich rede mit allen. In Berlin, in Deutschland, europaweit. Ich bin noch nie mit vorgefertigten Konzepten an eine kuratorische Arbeit herangegangen, sondern habe stets viele Fragen an viele Leute gestellt. Ich höre sehr lange zu. Und wer kooperiert, muss Kompromisse machen. Dennoch trägt das Festival meine Handschrift.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem achten Sie stark auf den Frauenanteil im Programm.

Deventer: Klar, wir sind Teil von Keychange, einer von der EU unterstützten Initiative für Geschlechtergleichheit bei Musikfestivals, als erstes Jazzfestival in Deutschland. Am 'melancholic Sunday', dem letzten Festivaltag, sind mehr Frauen im Programm als Männer. Die Künstlerin Nina Backman bietet zum Mittagessen ein Silence Meal an: 40 Gäste, drei Gänge, keine Gespräche, trotz Wein und Champagner. Backman wird die Geräusche dieses stillen Mahls aufnehmen, es klingt wie Neue Musik! Und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist erstmals komplett in Frauenhand: Kara-Lis Coverdale, die als Elektronikerin bekannt ist, wird ein Auftragswerk auf der Orgel spielen, gefolgt von Maria Faust mit kammermusikalischer Besetzung.

SPIEGEL ONLINE: Bertolt Brecht hat im Exil geschrieben, in Deutschland werde jedes Kunstwerk auf seine Eignung für den Apparat, niemals aber der Apparat auf seine Eignung für das Kunstwerk hin überprüft. Überfordert Ihr Programm bewusst den Apparat?

Deventer: Wir sind an unseren Grenzen, aber wir sind nicht überfordert. Als ehemalige Produktionsleiterin weiß ich, wo die Grenzen sind. Außer bei mir selbst (lacht). Auch dank neuer Partnerschaften gibt es dieses Jahr zehn Stunden mehr Musik als in den Vorjahren und andere Projekte rundherum: Installationen im Festspielhaus, Workshops, Talks, und Kiezspaziergänge. Das macht für mich ein Festival aus. Zudem habe ich versucht, jeden Tag ein eigenes musikalisches Universum zu entwickeln, das jeweils ein anderes Publikum mit einschließt.

SPIEGEL ONLINE: Führt das weg von der Programmierung des eigenen Geschmacks?

Deventer: Oh, das hat schon wieder für Kontroversen gesorgt während der Vorbereitung. Für ein derart wichtiges Festival stelle ich meinen Musikgeschmack erst einmal hinten an. Um gesellschaftliche Relevanz zu erreichen, muss ich mich vor allem auf andere einlassen. Zu anderen Festivals reisen, Musik hören, viel lesen, unendlich viel zuhören und reden. Seltsam, dass es dabei in erster Linie um mich gehen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Noch vor wenigen Jahren hatte die Jazzszene Angst, dass ihr das Publikum wegstirbt. Das ändert sich: Von Los Angeles über Helsinki bis Berlin gibt es viele junge Fans. Beeinflusst das Ihr Programm?

Deventer: Es gibt viele neue Initiativen, die den Begriff Jazz verwenden, von Klubs über das XJazz Festival in Berlin oder das WeJazz Festival in Helsinki. Wir versuchen beim Jazzfest aber nicht, mit popnahen Künstlern junge Leute anzusprechen, weil es das in der Stadt alles schon gibt.

SPIEGEL ONLINE: Ein afroamerikanischer Schwerpunkt, der Fokus auf die Szene in Chicago und auch einige Künstler aus dem Schwerpunkt "Europa" haben explizit politische Ausrichtungen. Das nervt manche Alte, die sagen: Weg mit Politik aus dem Jazz!

Deventer: Ist das nicht absurd? Wo kommt denn der Jazz her? Dass sich der Jazz wieder dahin entwickelt, hat ja nicht damit zu tun, dass sich Künstler in einen luftleeren Raum einsperren und sagen: Let's get more political, sondern weil es notwendig ist! Martin Luther King hat 1964 das erste Jazzfest Berlin eröffnet. Ich habe mich mit seiner Rede noch einmal beschäftigt: Kings Themen wie Rassismus, Ausgrenzung von Minderheiten, Emanzipation und der Kampf um Gleichstellung sind wieder relevant. Ich könnte die Rede von Martin Luther King als Vorwort für die aktuelle Festivalausgabe verwenden, so gut passt das. Leider.

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Seite 1
herrbasan 28.10.2018
1.
Wie, können wir jetzt Frauen dazu zwingen Jazz zu mögen? Also ich persönlich würde davon profitieren. Da gibts im Auto weniger reiberei was wir hören bei der fahrt zur Oma. Mir is nur nochnicht so ganz klar wie das gelingen kann. Aber niemand, wirklich niemand profitiert davon das Jazz ein "Männer-Genre" ist.
strag 28.10.2018
2.
wieso wird daraus wieder ein Geschlechterthema gemacht? Es wurde nur ihr junges Alter bzw. ihre mögliche Unerfahrenheit kritisiert, vom Geschlecht war keine Rede!
herrbasan 28.10.2018
3.
Wie, können wir jetzt Frauen dazu zwingen Jazz zu mögen? Also ich persönlich würde davon profitieren. Da gibts im Auto weniger reiberei was wir hören bei der fahrt zur Oma. Mir is nur nochnicht so ganz klar wie das gelingen kann. Aber niemand, wirklich niemand profitiert davon das Jazz ein "Männer-Genre" ist.
guenther2009 28.10.2018
4. Was heute als Jazz
bezeichnet wird ist sagenhaft. Free-Rock- usw. Jazz. Das Jazz eine Musikform ist wie jede andere Musik ist wohl verloren gegangen. Ich habe den Eindruck, dass viele Jazzmusiker der Minung sind bei einem Dolo die Oktven rauf und runter zu dudeln, sei ein Jazzsolo, leider ist dem nicht so. Hören sie sich ein Solo von Frank Foster (Count Basie Big Band) in der Nummer The Misgets, an. Was dieser Musiker an ideen in seinem Solo verwirklicht ds ist Jazz und zeigt , dass damals diese Musik mit sehr viel Freude gespielt wurde obwohl die techn. Ausbldung dieser Musiker bei weitem nicht dem heutigen Niveau entspricht.
Newspeak 28.10.2018
5. ....
Mit 41 ist man nicht mehr jung und auch nicht mehr in der Qualifizierungsphase, auch wenn einem das die alten Postenbesetzer gerne sagen. Es sollte endlich eine Revolution der Jugend gegen diese Leute geben, die sich gegenseitig die Pfründe und Posten zuschieben, und die Jugend mit prekärer Beschäftigung abspeisen. Es ist nicht der Neoliberalismus, es sind konkrete Leute, die Verträge formulieren, zu denen sie selbst nie gearbeitet haben. Insofern...gut, dass sich etwas tut. "Die Künstlerin Nina Backman bietet zum Mittagessen ein Silence Meal an: 40 Gäste, drei Gänge, keine Gespräche, trotz Wein und Champagner. Backman wird die Geräusche dieses stillen Mahls aufnehmen, es klingt wie Neue Musik!" Das allerdings ist postmoderner Quark.
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