Polit-Sängerin Nadine Shah "Wie könnt ihr nur ruhig schlafen?"

Das politische Pop-Statement der Stunde: Auf ihrem neuen Album "Holiday Destination" wütet die britische Sängerin Nadine Shah eindrucksvoll gegen die Empathielosigkeit in Zeiten der Krise.

Nadine Shah
Anna Victoria Best

Nadine Shah

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Wenn man sich noch einmal "Living", den letzten Song desletzten Albums von Nadine Shah, anhört, dann war es vielleicht unvermeidlich, dass aus der inzwischen 31-jährigen Britin eine der wichtigsten, politischsten Popstimmen der Gegenwart werden würde. Der Song handelte vom prekären Leben inmitten der glitzernden Turbokapitalismus-Kathedralen in der Londoner City. Im Frühjahr 2015 war das, eine halbe Ewigkeit vor dem Brexit, vor der Flüchtlingskrise in Syrien und Europa, vor dem Erstarken der Nationalisten, vor Trump und dem kontinuierlichen Terror des IS und seiner Attentäter.

In diese zugespitzten, angespannten Zeiten hinein wird nun das dritte Album von Nadine Shah veröffentlicht. Es ist nicht nur ein musikalisches Ereignis und das bisher ausgereifteste Statement einer Songwriterin, die bereits mit Nick Cave und PJ Harvey verglichen wurde, es ist auch das überfällige Popalbum, das sich analog zum politischen Erwachen vieler US-Künstler im Zuge der Rassismusdebatte in Amerika eindringlich mit den gesellschaftlichen Krisen und miteinander verwobenen Konflikten in Europa und im Nahen Osten beschäftigt.

Auf dem Cover ist eine zerbombte Ruine im Gazastreifen zu sehen, doch um Israel geht es in den Songs von "Holiday Destination" nur implizit, sie handeln von der allgemeinen Empathielosigkeit und Ignoranz, mit der wir im Alltag dem Leid der Flüchtlinge und Verfolgten begegnen.

Es sind wütende Protestlieder, die an den Polit-Pop der Achtzigerjahre erinnern, ein pulsierender Post-Punk-Sound treibt sie an, gewürzt mit orientalischen Akzenten und tribalen Rhythmen, aus denen sich immer wieder pure Popmomente und zupackende Refrains oder Hooklines herauskristallisieren: "How you gonna sleep tonight?" wiederholt Shah im Titelsong insistierend: Wie kannst du nur ruhig schlafen, wenn all das da draußen passiert und die Bösen gewinnen?

Dass sich ihr künstlerischer Fokus ändert, bemerkte Shah bereits vor dem Erscheinen ihres letzten Albums "Fast Food". 2014 komponierte sie die Musik für eine Dokumentation über ein Flüchtlingscamp an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei, die ihr Bruder, Journalist beim Nachrichtensender Al-Jazeera, produzierte.

Etwa zur gleichen Zeit, sah sie einen Bericht im Fernsehen, der sie nachhaltig verstörte: "Es war ein Stück über Migranten und Flüchtlinge, die am Strand der griechischen Insel Kos anlandeten", erzählte Shah in einem Interview. "Britische Urlauber wurden dazu befragt, und sie sprachen darüber, wie sehr das alles ihre Ferien ruiniere. Die Tatsache, dass sie sich nicht schämten, das vor laufender Kamera zu sagen,… war wirklich schockierend für mich. Ich sehe das auf der ganzen Welt, dass Leute völlig arglos solche schlimmen Sachen sagen: Wow, Leute interessieren sich einen Dreck und reden auch noch fröhlich darüber. Deshalb heißt das Album 'Holiday Destination'".

Shah selbst erlebt immer wieder, wie es ist, wenn man ausgegrenzt und diskriminiert wird, nur weil man wegen seiner Anmutung und Hautfarbe als Migrant abgestempelt wird. Die Sängerin, die aus einem kleinen Ort an der nordenglischen Nordseeküste nahe Newcastle stammt, hat einen pakistanischen Vater und eine norwegische Mutter. In Songs wie "Evil" und "Out The Way", thematisiert sie, wie es sich anfühlt, ständig gesagt zu bekommen: "Geh doch dahin zurück, wo du herkommst". "Ich antworte dann meistens: Wohin denn? Nach South Shields? Das ist eine veritable Identitätskrise für mich: Ich wurde in England geboren - I'm proper fucking english, mate! -, aber kulturell bin ich außerdem auch Muslim."

Handelten ihre vorherigen beiden Alben vorrangig von privaten Wirrungen und Findungen, sah Shah ihr Liebesleben nun als nachrangig. Allmählich fand sie ihre Stimme als politische Songwriterin, besteht allerdings darauf, keine Predigten halten zu wollen: "Ich liebe Billy Bragg, aber ich wollte nicht so Billy-Bragg-politisch sein auf diesem Album", sagte sie dem Magazin "The Quietus" Bragg gilt als Inbegriff des britischen Protestsängers. Als Vorbild wählte sich Shah vielmehr den politischen Ansatz von US-Soulsänger Stevie Wonder, dessen funky Sozialdrama "Living In The City" von 1973 sie liebt.

Entsprechend groovebetont klingt vieles auf "Holiday Destination", allerdings streng im europäisch grundierten Rock verhaftet: Talking-Heads-Einflüsse treffen auf Gang of Four und Siouxsie And The Banshees. Verzerrte Saxophon-Eruptionen (von Pete Wareham in "Out The Way") wechseln sich mit Gothic-Balladen wie "Yes Men" ab, das den Aufstieg von Trump, Erdogan, Orban und Konsorten geißelt.

Shah bringt die Empathie, die sie von ihrem Publikum einfordert, vor allem selbst auf. In einem bewegenden Song-Doppel zum Schluss schafft sie es, erst die Perspektive einer syrischen Flüchtlingsfamilie einzunehmen ("Mother Fighter"), sich dann aber auch in die Nöte und Ängste der vermeintlich dumpfen Brexit-Befürworter in der britischen Provinz, ihrer Heimat, einzufühlen ("Jolly Sailor"). Im zugleich spannungsreichen und umarmenden "2016", eine emotionale Zusammenfassung des vergangenen, alles verändernden Krisenjahres, formuliert sie unwiderstehlich ihre Botschaft der Annäherung und Grenzenüberwindung: "Come over here, I hold you tight". Frust und Trost, im Furor einer hellwachen Popkünstlerin vereint.

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Vanagas 24.08.2017
1. Frage
Außer ein bischen Singen, was hat die Dame konkret zur Verbesserung der Welt beigetragen? Konnte leider davon im Artikel nichts lesen. Wäre schön das zu erfahren oder singt sie nur gegen das Elend der Welt an?
Nordstadtbewohner 24.08.2017
2. Empathie steht für Einfühlungsvermögen. Mehr aber auch nicht.
"Britische Urlauber wurden dazu befragt, und sie sprachen darüber, wie sehr das alles ihre Ferien ruiniere. Die Tatsache, dass sie sich nicht schämten, das vor laufender Kamera zu sagen… war wirklich schockierend für mich." Nadine Shah macht einen Fehler, den viele in der Öffentlichkeit stehende Menschen machen: Sie erwartet, dass Menschen genau so leben und fühlen wie sie selbst. So etwas zu erwarten, zeugt von massiver Selbstüberschätzung. Die britischen Urlauber waren ehrlich, statt vor der laufenden Kamera Mitgefühl und Anteilnahme zu heucheln. Das mag nicht jedem gefallen, dennoch ist es nicht verkehrt, an sich selbst zu denken. Ich finde es gut, wenn sich Menschen (wirklich) altruistisch z.B. für Migranten und Flüchtlinge engagieren. Andere zu Empathie und Hilfe zwingen zu wollen, so wie es Nadine Shah macht, halte ich für falsch und überheblich.
warkeinnickmehrfrei 24.08.2017
3. Zum Lachen.....
Das Problem unserer Zeit ist doch gerade, das die "Gefühligkeit" und das "Mitgefühl" und die "gefühlte Lage" und angebliche "moralische Verpflichtungen" jegliche Vernunft und Logik verdrängt haben. Pilcher vor Kant, sozusagen...
sarkasmis 24.08.2017
4. Einseitige Empathie ist auch Empathielos
In England werden ständig neue Vergewaltigergruppen ausgehoben, die sich zum Großteil aus Muslimen, nicht wenige davon pakistanischer Herkunft, zusammensetzen und immer die gleiche Masche durchgezogen haben und junge weiße Mädchen aus schwierigen Familienverhältnissen mit Drogen, Gewalt und ein bisschen anfänglicher Zuneigung gefügig gemacht haben. Rotherham war nur ein Fall von vielen. Wo ist da die Empathie? Wo ist die Empathie mit den Anschlagsopfern diverser muslimischer Terroristen, sei es in Manchester oder die beiden Autoattacken in London dieses Jahr. Die syrische Mutter mit Kindern ist nur eine Meme. Die Flüchtlinge, die es zuerst in den Westen zieht, sind zum Großteil junge wehrfähige gesunde Männer, während Frauen, Alte und Kinder rund um Syrien ausharren.
pascal3er2 24.08.2017
5. "Wie könnt ihr nur ruhig schlafen?"
Wir knallen uns wie ihr Künstler mit harten Drogen zu und nehmen Medikamente Zudem schauen wir einfach weg. Im übrigen, wie trägt Singen zur Verbesserung der Lage bei? Schonmal in Afrika eine Schule besucht und den Kindern geholfen junge Frau? Nicht? Nicht gut für die Karriere ne? Dann lieber nicht zu weit aus dem Fenster hängen...
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