Zum Tod der Jazzdiva Nancy Wilson Überall Dramen, überall Chancen

Die Stimme des Stolzes: Die große Jazzsängerin und Bürgerrechtsaktivistin Nancy Wilson vereinte Sentiment und Selbstbewusstsein. Jetzt ist sie im Alter von 81 Jahren gestorben.

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Stolz war ein zentraler Begriff für sie, sowohl in persönlichen wie politischen Kontexten. In ihren Songs pochte Nancy Wilson immer auf eine starke weibliche Autonomie, bei ihrer Karriereplanung forderte sie stets für sich als schwarze unabhängige Frau ein Stück vom Kuchen in der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Dass sie es verstand, Sentiment und Sarkasmus gleichermaßen virtuos zu spielen, mag ihr dabei geholfen haben, ihre Forderungen durchzusetzen.

Man nehme nur "Guess Who I Saw Today", ein Song aus dem Jahr 1960, als Wilson gerade aus dem US-Rust-Belt nach New York gekommen war und nun als neue Stimmsensation vom Jazzbetrieb aufgenommen wurde. In dem Stück erwischt eine Frau ihren Mann in der Stadt beim Fremdgehen; erst gefühlvoll, dann immer lakonischer, später fast mit ironischer Schärfe beschreibt sie das Szenario. Am Ende herrscht eine Aufgeräumtheit, dass man annehmen darf, die Frau werde schon die richtigen Schlüsse aus dem Betrug ziehen.

Nancy Wilson singt "Guess Who I Saw Today"

Nancy Wilson sang Soul, Blues und Gospel, aber sie war keine Schmerzschwester. Sie phrasierte trocken, klar und immer mit spielerischer Leichtigkeit, beim Hören ihrer schönsten Songs hatte man das Gefühl, man schwebe auf einem fliegenden Teppich über eine hell beleuchtete Stadt. Überall Dramen, überall Chancen.

Botschafterin der Bürgerrechtsbewegung

Geboren wurde Wilson 1937 in Ohio als Tochter eines Stahlarbeiters und eines Hausmädchen. Als sie im Radio Dinah Washington hörte, wusste sie, dass sie Jazzsängerin werden wollte. Schon früh engagierte sie sich politisch, nach ihrer Ankunft in New York wurde sie schnell Teil der Bürgerrechtsbewegung, 1965 nahm sie neben Martin Luther King an den berühmten Protestmärschen in Selma, Alabama, teil.

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Jazzsängerin: Eine Stimme wie ein fliegender Teppich

Immer wieder äußerte sich die Künstlerin zu gesellschaftlichen Entwicklungen; dass sie die Gesetze der Unterhaltungsbranche zu ihren Bedingungen spielen konnte, machte sie zur wichtigen Botschafterin der Bürgerrechtsbewegung.

Wilsons Auftreten war von müheloser Eleganz, ihr gigantischer Output schien ihr keine Anstrengungen zu bereiten, jedenfalls keine, die man in ihrer bis ins hohe Alter geschmeidigen Stimme wahrnehmen konnte. In den über 50 Jahren ihres Schaffens soll sie mehr als 70 Alben herausgebracht haben. Dabei bewegte sie sich zwischen den Stilen und Formaten, zwischen amerikanischem Songbook und süffigem Mainstreampop. Sie interpretierte Beatles-Songs, sang Musicalnummern und Discotracks - allerdings stets mit virtuoser, gelegentlich auch etwas barocker Jazzphrasierung. Das "Time"-Magazin feierte sie als "Übersetzerin von Popstandards ins Jazzidiom".

Nancy Wilson kannte schlicht keine Berührungsängste. Sie spielte in den Sechziger- und Siebzigerjahren in etlichen TV-Sendungen mit, etwa in "The F.B.I." und "Hawaii 5-O." Mitte der Siebzigerjahre hatte sie beim Sender NBC ihr eigenes Programm, "The Nancy Wilson Show". Sie verstand es, lässig zu improvisieren, das Mikrofon hielt sie meist mit zwei Fingern wie einen Zauberstab, Songdarbietungen und Kommentierungen gingen bei ihr fließend ineinander über. Melancholie und Biss waren auch hier eng verzahnt.

Noch in den unterhaltsamsten Momenten blieb sie die Stimme des Stolzes.

Wie ihr Manager der Nachrichtenagentur Associated Press mitteilte, starb Nancy Wilson nach langer Krankheit am Dienstag in Pionieertown, einer Gemeinde nahe dem Joshua-Tree-Nationalpark. Sie wurde 81 Jahre alt.



insgesamt 1 Beitrag
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allmale 14.12.2018
1. So sad!
Sie war mir eine Göttin! Zusammen mit Dinah Washington, Sarah Vaughan und vielen Anderen. Hört: "When October Goes"! https://www.youtube.com/watch?v=Oh0l2wle7qY
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