Neues Album "Storytone" Hören Sie Neil Young hier vorab im Stream

"Wer steht auf und rettet die Welt?", fragt Rock-Altmeister Neil Young auf seinem neuen Doppelalbum. Der 68-Jährige gibt sich darauf als Hippie, mal solo und akustisch, mal mit Orchestersound. Hören Sie "Storytone" hier komplett vorab!

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Würde man Neil Young nicht besser kennen, man könnte befürchten, "Storytone" wäre eine Art sentimentaler Abschiedsgruß des inzwischen 68 Jahre alten Sängers und Gitarristen. Youngs 39. Album seit 1969 erscheint überraschend nur wenige Monate nach seinem letzten, dem von Jack White in kratziger Low-Fidelity-Ästhetik produzierten "A Letter Home", einer Hommage an alte Americana-Songs, die ihm lieb und teuer sind. Zeitgleich erschien in den USA soeben das Buch "Special Deluxe: A Memoir of Life and Cars", in dem Autonarr Young autobiografische Anekdoten an seinen jeweiligen Vehikeln entlang erzählt.

Alles deutet also auf ein großes Bilanzieren hin. Dazu passt die nostalgische Grundstimmung von "Storytone". Zehn neue Songs schrieb Young für das Doppelalbum; auf der einen Hälfte sind die Lieder als opulente Orchesterversionen zu hören oder als soulige R&B-Nummern im Stax-Stil. Auf der zweiten Platte spielt Young dieselben Songs noch einmal solo und akustisch, an der Gitarre oder am Piano. Natürlich sitzt Young vorzugsweise am Steuer eines Autos, wenn er auf Leben und Lieben zurückblickt, vor allem im vertonten Roadmovie "I Wanna Drive My Car" - wahlweise ein launig schiebender Boogie im Chicago-Blues-Modus oder karg und sinister in Springsteens "Mr. State Trooper"-Manier. Auch in "Glimmer" träumt Young am Steuer, mal mit sehnenden Streichern im Hoagy-Carmichael-Schwulst, mal alleine am Klavier, von "tough love", verflossener und neu gefundener Liebe.

Andere Songs beschäftigen sich ähnlich rückblickend mit dem Leben als Reihe vorbeihuschender Steppenläufer: "Tumbleweeds, that's all I got". Aber stets ist da ein Licht in der Dunkelheit dieser Ödnis, "to find our way back home again". Im Gospel-artigen, mit schwelgenden Violinen arrangierten "I'm Glad I Found You" zeigt sich Young dankbar, nach all den Brüchen seines Lebens einen Platz gefunden zu haben: "So many people don't understand what it's like to be like me. But I'm not different than anybody else", singt er mit seiner hellen, verwehenden Balladenstimme, ein Jedermann auf der Suche nach Geborgenheit.

"Storytone"
Seine Ehefrau Pegi kann mit dem sicheren Hafen eigentlich nicht gemeint sein, denn im September reichte Young nach 36 Jahren die Scheidung ein. Seine auffällig sentimentale Nostalgie in dem Großteil der neuen Songs, darunter auch "When I Watch You Sleeping" und "All Those Dreams", ist daher vielleicht auch als Hommage auf eine abgeschlossene Lebensphase zu verstehen: "The old clock is stopped, no longer ticking, no longer counting every second."

Rückkehr ins Hippie-Lager

Vorab veröffentlicht wurde bereits das weitaus kämpferische "Who's Gonna Stand Up", eine beseelte Aufforderung, das Ökosystem des Planeten zu retten, bevor es zu spät ist: "Stoppt Fracking", heißt es darin: "Protect the land from the greed of men/ Take out the dams/ Stand up to oil/ Protect the plants and renew the soil" - auf orchestraler Seite mit dräuenden Streichern und Chören illustriert, solo im schrammelnden Folkblues-Stil.

Die Öko-Hymne ist ein weiteres, durchaus beherztes Zeugnis der andauernden Polit-Agitation Youngs, der sich im Lauf der Jahrzehnte immer wieder auf musikalischem Wege zu gesellschaftlichen Missständen äußerte: 1970 reagierte er mit "Ohio" auf die tragische Schießerei an der Kent State Universität, 1972 kritisierte er in "Alabama" die Rassenproblematik im Süden der USA, mit dem Album "Living With War" korrigierte er 2006 seine Haltung zur Kriegspolitik George W. Bushs, nachdem der eher liberale Musiker 2002, erschüttert von den Anschlägen auf das World Trade Center, den irritierenden Schlachtruf "Let's Roll" veröffentlicht hatte. Nach Benzin-Duseleien und diversen "Chrome Dreams" kehrt Young mit "Who's Gonna Stand Up" ins Hippie-Lager zurück. Youngs geliebter Lincoln Continental von 1959, der auch das Cover von "Storytone" schmückt, fährt übrigens mit einem umweltschonenden Biosprit-Hybridmotor.

Youngs Unentschiedenheit, sich weder auf den klassisch-intimen Akustik-Sound mit Mundharmonika und Country-Feeling noch auf den ausschwingenden Bigband-Blues des Albums "This Note's For You" (1988) einigen zu wollen, mag abstrus erscheinen. Zu hören, wie sich Charakter und Tonalität der einzelnen Lieder je nach Instrumentierung verändern, ist jedoch verblüffend und faszinierend und zeugt von der Souveränität und Sicherheit, mit der sich Young heute durch sämtliche Americana-Stile bewegt.

Am Ende findet hier jeder, der Neil Young durch die vergangenen 45 Jahre seiner Karriere begleitet hat, liebgewonnene Facetten des Altmeisters wieder. Also vielleicht doch ein versöhnliches, altersmildes Abschiedswerk? Ach, wer weiß, ob Young nicht im nächsten Jahr ein Rap-Album herausbringt. Unberechenbar genug dafür wäre er, vital genug hoffentlich auch.

"Storytone" wird am 31. Oktober bei Reprise/Warner veröffentlicht.



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insgesamt 3 Beiträge
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Tom Joad 24.10.2014
1. Einer meiner Helden
Long may you run, Neil. Rock'n'Roll can never die. Danke für den Stream!
jayram 26.10.2014
2. Älter, ruhiger und weiser
aber wieder der alte Spirit, das tut gut.
NSA Spy 02.11.2014
3. göttlich
he's one of the the graetest
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