Abgehört - neue Musik Onkel Neil hört das Gras wachsen

Altrocker Neil Young steuert die Trump-Verkaterten auf den "Peace Trail". The Weeknd gibt sich stromlinienförmig mit neuer Frisur, Peter Doherty verdaddelte sich in Hamburg - und eine junge Israelin übt Future-R&B.

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Neil Young - "Peace Trail"
(Reprise/Warner, ab 9. Dezember)

2016 ist fast vorbei. Es war ein Jahr, in dem Gewissheiten zertrümmert wurden und Verlässliches zu wackeln begann - die zugehörigen Krisenstichworte heißen Brexit und Trump, Demokratie und Weltoffenheit. Wie schön, dass zum Ende dieses ernüchternden Jahres zumindest auf einen Verlass ist: Neil Young. Der Kanadier, vor wenigen Wochen 71 Jahre alt geworden, gibt sich unermüdlich. Besonders in einem Jahr, in dem der unbezwingbare Tod Popheroen wie David Bowie, Prince und Leonard Cohen an sich riss, muss man das umso mehr zu schätzen wissen. "Can't Stop Working" heißt denn auch, wie zur Selbstbeschwörung, ein Song auf seinem neuen Album "Peace Trail", es ist sein 37.: "It's bad for the body, but it's good for the soul, might even keep me breathing when I lose control", singt er darin lakonisch, und kann nicht anders als dem ewigen Folk-Blues immer weiter durch Raum und Zeit zu folgen.

"Peace Trail" ist Youngs erstes Soloalbum seit "Le Noise" (2010), er nahm es an nur vier Tagen zusammen mit Drummer Jim Keltner und Bassist Paul Bushnell auf. Young selbst spielt natürlich Gitarre, oder er entlockt ihr ein zerrendes, eher sehnendes als wütendes Feedback. Entsprechend reduziert klingen die Songs. Anders als auf "Le Noise", das Young von Produzent Daniel Lanois verhallen und verfremden ließ, erinnert das Klangbild an klassische Young-Musik. Echos aus den Siebzigern, von "Everybody Knows This Is Nowhere", "After The Goldrush" und "Zuma" sorgen für ein umarmendes Gefühl der Vertrautheit mit diesem Sound. Keine Experimente: Hier geht es nicht um musikalische Mätzchen, hier geht es um "Issues", um ein paar schnell verfasste Verse zur Lage des (amerikanischen) Landes von einem, der sich immer wieder politisch machte, von der Studentenprotest-Moritat "Ohio" bis zum Ökoprotest auf "The Monsanto Years" (2015), das er mit seiner aktuellen jungen Band Promise Of The Real aufnahm.

Im Titelsong, der das Album eröffnet, gibt sich Young besorgt, aber nicht pessimistisch: "The world is full of changes/ Sometimes all these changes make me sad", singt er und will sich auf einen "Peace Trail", eine spirituelle Friedensreise begeben, zurück zu "his old town". Für den Althippie Young heißt das nichts anderes, als dass sich die Geschichte 50 Jahre nach dem Summer of Love und den gesellschaftspolitischen Aufständen von 1968 noch einmal wiederholt. Mit dem guten Riecher des Veteranen wittert er eine neue Graswurzelbewegung gegen den Whitelash der Trumpisten und der erstarkenden Alt-Right-Bewegung, aber auch gegen die Übermacht der Konzerne und des Neoliberalismus: "Ain't taken my last hit yet/ I know that things are different now/ I see the same old signs, but something new is growing".

Young macht keinen Hehl daraus, bei wem seine Sympathien liegen. "Indian Givers" ist eine Solidaritätshymne an die seit Monaten andauernden und erbittert geführten Proteste gegen die Dakota Access Öl-Pipeline durch das Sioux-Reservat in Standing Rock, North Dakota; "Suicide Terrorist Hangliders" macht sich über besorgte Bürger lustig, die in jedem neuen Nachbarn mit fremdartigem Namen eine Bedrohung sehen, "John Oaks" behandelt Polizeigewalt gegen Schwarze und Dissidenten, "Show Me" ist eine marschierende Aufforderung, für das Gute und gegen religiöse und politische Buhmänner zu kämpfen.

Young besingt das alles ohne Pathos, in seiner gewohnten, klagend-hochnöligen Tonlage. Seine im Folk-Erzähler-Stil dargebotenen Geschichten wirken beinahe so beiläufig kommentierend wie bei Bob Dylan, sind dadurch aber nicht weniger dringlich. Und nicht ohne anarchischen Humor, etwa wenn sich Young, eben doch ein alter Knacker, in "My Pledge" über die Gesellschaft vereinsamender Smartphone-Zombies mokiert und in "My New Robot" seine neue, natürlich von Amazon gelieferte, vollautomatische Haushaltshilfe auspackt - ein musikalischer "Unboxing"-Clip von Neil Young, wer hätte das gedacht?

Der Oldie kann und will noch, das ist rührend und beglückend, aber sollte uns nicht beruhigen. Richtig gut wäre es, wenn Neil Young auch paar jüngere, bisher lethargische Rocker auf seinen "Peace Trail" locken kann. (7.9) Andreas Borcholte

The Weeknd - "Starboy"
(Republic/Universal, seit 25. November)

Seit Britney Spears' Kopfrasur hat wohl kein Frisurenwechsel im Pop höhere Wellen geschlagen als der von Abel Tesfaye alias The Weeknd: Die markanten Rasta-Bretter, die wie gleich zwei Baseballcap-Schirme sowohl von Stirn als auch Nacken abstanden, sind ab. Styletechnisch sicherlich ein Einschnitt, doch für Tesfaye, der sich selbst einmal als "that n**** with the hair" bezeichnet hat, bedeutet es wohl noch mehr: Im Video zur ersten Single aus seinem dritten Studioalbum "Starboy" spielt er zwei Versionen von sich, die akkurat gestutzte 2016er Edition und ihr haariges Vorjahresmodell. Am Ende liegt The Weeknd 2015 tot auf dem Boden, erstickt mit einer Plastiktüte über dem Kopf.

Wenig mehr als ein Jahr nach seinem Megaseller "Beauty Behind the Madness" soll auf "Starboy" anscheinend ein völlig anderer Sänger seinen Auftritt haben. Doch das kann man getrost als Quatsch abtun. "Starboy" führt das Popprojekt von Tesfaye mustergültig weiter, das aber auf neue Höhen. Davon zeugte schon die Single "Starboy", die Daft Punk beigesteuert haben. Der Mix aus zuckendem Beat, skelettalem Piano und Vocoder-Gehechel hätte sich auch schon auf deren "Random Access Memory" hervorragend gemacht. Doch Tesfaye ist ein um Klassen besserer Sänger als Pharell Williams, weshalb der Song sofort abhebt und ähnlich wie der McLaren P1 aus dem zugehörigen Video umstandslos elegant durch die Landschaft schwebt. Ähnlich schnell erreicht der Großteil der 18 Tracks seine Flughöhe, vom sinnlos-krawalligen "False Alarm" und dem schmierig-säuseligen "True Colors" einmal abgesehen.

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Den besten Showcase für Tesfayes Ausnahmestimme bietet aber der wohlig-softe Disco-Track "Secrets", in dem er seine Freundin beruhigt, dass er für sich behalten wird, worüber sie im Schlaf spricht. Statt im typischen Falsett, das mit Autotune einen noch metallischeren Twang verpasst kriegt, ist hier in den ersten Takten Tesfayes unbearbeitete Singstimme zu hören: überraschend warm und charmant atemlos wirkt das - und stellt trotz der prominenten Gastauftritte von Kendrick Lamar, Lana del Rey und Future das interessanteste Feature des Albums. Dass im selben Song die Achtziger-Ikonen Tears for Fears und Romantics gesamplet werden, verweist gleichzeitig auf die stilistische Offenheit, die Tesfaye bereits auf seinem ersten Mixtape-Album "House of Balloons" samt epochalem Siouxsie-And-The-Banshees-Sample unter Beweis gestellt hat.

Zu seinem Frisurenwechsel, zu dem Tesfaye ernsthaft in Interviews befragt wurde, hat er übrigens gesagt, dass er vor allem pragmatische Gründe gehabt habe: "Now, the sleep is amazing, the shower is amazing because I don't have to spend two hours cleaning it". Die zusätzliche Zeit scheint er gewinnbringend in sein neues Album gesteckt zu haben. (8.0) Hannah Pilarczyk

The Weeknd: "Starboy"

Peter Doherty - "Hamburg Demonstrations"
(Clouds Hill/BMG, ab 2. Dezember)

Mit das Absurdeste, was man in letzter Zeit lesen konnte, stand kürzlich in der Fachzeitschrift "Musikexpress". Dort klagte ausgerechnet Peter Doherty über den Umstand, dass er in produktionstechnischen Dingen stets zu wenig Mitspracherecht habe. Nun war die Musik, die Doherty bislang - in welcher Konstellation auch immer - aufnahm, alles mögliche, nur als produziert, editiert, sequenziert hat man sie eigentlich nicht wahrgenommen.

Trotzdem kommt einem der Gedanke bei "Hamburg Demonstrations": Dohertys zweites Soloalbum vermittelt den Eindruck, als sei eine gewisse Schlampigkeit bewusst als Stilmittel gewählt worden, um das gängige Bild des britischen Sängers offensiv auszustellen. Entstanden ist das Album in Hamburg, insofern ist der Titel korrekt. Im dortigen Studio des Indie-Labels Clouds Hill nahm er zwischen etlichen Abstürzen über Monate verteilt überwiegend liegengebliebene Ideen auf, die der Produzent Johann Scheerer auskleidete und mithilfe deutscher Musikerinnen und Musiker instrumentierte - unter anderem ist das Popduo Boy dabei. Im Wesentlichen geschah dies vor dem Comeback der Libertines im vergangenen Jahr. Die "Hamburg Demonstrations" illustrieren also ein dunkles Kapitel in einem Leben, in dem bereits viel verschwendet wurde.

Das Album besteht zum Großteil aus Meditationen über einsame Nächte, wie wir sie von Doherty eventuell schon zu oft gehört haben. Man kennt jedes Stilmittel, jede Anspielung, jede lyrische Wendung. Das alles ist in seinem kindsköpfigen Behauptungswillen sehr nett, aber es berührt nicht mehr wie früher. Was unter anderem daran liegt, dass Doherty inzwischen darauf verzichtet, seine night tales mittels strahlender Refrains zu Hymnen der Hoffnungslosigkeit werden zu lassen.

"Birdcage" ist zum Beispiel ein Beleg dafür, dass es nie gut ist, wenn aus Wehmut Selbstmitleid wird. Das Stück wird als Duett mit der Sängerin Suzie Martin vorgetragen, deren allzu geschult klingende "Rockröhre" absolut nicht zu Dohertys Fragilität passt. Die bereits bekannte Amy-Winehouse-Hommage "Flags From The Old Regime" erscheint hier in einer introvertierten Neuversion, die betrüblicherweise auf die melodramatischen Geigen des Originals verzichten muss. Einzig "Kolly Kibber" kommt mit einem gewissen Furor daher. Außerdem ist das an Tammy Wynette erinnernde "Hell To Pay At Gates Of Heaven" hervorzuheben: Hier nimmt Doherty die Anschläge von Paris zum Anlass, über eine Welt im Wandel zu sinnieren. Ansonsten ist sein Romantizismus ein Kommentar zu rein gar nichts. Es sind verwehte Botschaften aus jenem versunkenen Reich, das nur noch er selbst Albion nennt.

Immer noch ist Peter Doherty, der kein Pete mehr sein mag, einer der begabtesten Songschreiber seiner Generation. Aber er ist auch einer, der den nächsten Schritt nie getan hat. (6.0) Torsten Groß

Andreas Borcholtes Playlist KW 48
SPIEGEL ONLINE

1. The Weeknd feat. Kendrick Lamar: Sidewalks

2. ADI: Snow

3. Sevdaliza: Human

4. Lisa Who: Alles ist gut

5. Alpines: Heaven

6. Dark0: Forever

7. Matthew E. White feat. Natalie Prass: Cool Out

8. Weyes Blood: Seven Words

9. Neil Young: Peace Trail

10. Jóhann Jóhannsson: Arrival

ADI - "Dreamin'"
(380Grad, ab 9. Dezember)

Wirds Ihnen auch gerade alles zuviel? "All my life I've been told to hold tight, open my eyes, be wide awake/ Where did it lead me, though?", fragt Adi Ulmansky im Intro ihres Songs "Pink Pillz", der, nun ja, schlicht und einfach davon handelt, sich fallen zu lassen und sich dem Drogenrausch zu ergeben, sweet oblivion. Nur so, eskapistisch bedröhnt, könne sie sich selbst mal wieder fühlen. Für die Sängerin aus Jerusalem ist das offenbar ein Prozess, der kreative Früchte trägt. Die Israelin ist in ihrer Heimat schon recht bekannt, machte Werbung für Asos-Sneakers und gründete einst die Band Lorena B., die Radioheads Krautrock-Ambient mit Dubstep und Elektro vermählte, durchaus gut übrigens.

Seit 2013 ist Ulmansky, die sich in ihrer aktuellen Inkarnation nur noch ADI nennt, als Solokünstlerin tätig und veröffentlichte diverse EPs, auf denen sie sich als schillernde Kreuzung aus M.I.A., Grimes und Iggy Azalea gab, inklusive einer grundsätzlich eher weißblonden Haarmähne, die sie wahlweise grün oder in Regenbogenfarben tönt - globales Superstardom, man sieht und hört es wachsen.

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"Dreamin'" soll nun ADIs internationalen Anspruch untermauern, dazu ließ sie ihre neuen Tracks in New York von Eric Dingus produzieren, der schon Beats für Drake liefern durfte. Entsprechend weniger überkandidelt und hyperaktiv, dafür schön entschleunigt im Trap-Hip-Hop und Future-R&B-Stil klingen EP-Höhepunkte wie "Pink Pillz" oder "Dreamin'", bei dem der US-Rap-Newcomer KDC aus South Dakota mitmacht. "Snow" erinnert mit träumerischem Popgroove an Vorbilder wie Banks oder AlunaGeorge, und in "Nothing To Prove" kulminiert die lässige Dopeness dieser fünf souveränen Tracks in einer irrlichternd-vertrackten Ballade. Auf das für 2017 angekündigte Debüt-Album darf man schon mal neugierig sein. (7.0) Andreas Borcholte

Liebe Leserinnen und Leser, das war die letzte reguläre Abgehört-Ausgabe für dieses Jahr. Am 13. und 20. Dezember besprechen wir wie üblich die zehn besten Alben aus 2016. Neue Musik wird ab dem 4. Januar 2017 rezensiert.


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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menton 29.11.2016
1. Neil Young
Sorry, aber nur weil jemand eine prima politische Gesinnung zum Ausdruck bringt und hohe Verdienste für wasweisich hat, muss man ihm noch nicht 7,9 Punkte für sein aktuelles Album geben, bei dem man schon nach wenigen Einspielminuten hört, dass es schnell zusammengeschustertes Geschrumpsel auf Zehntklässlerniveau ist. Ich nehme es Herrn Borcholte jedenfalls nicht ab, dass er sich diese Platte freiwillig (unbezahlt) mehr als ein Mal anhören wird...
max_k 06.12.2016
2. Keine Experimente?
Ich frage mich, wie man Neil Youngs neues Album hören und ernsthaft zu dem Urteil "Keine Experimente" kommen kann. Sogar in den hier zur Verfügung gestellten Soundschnipseln ist meiner Meinung nach ziemlich deutlich zu vernehmen, dass er bei "My Pledge" mit stark durch den Autotune-Effekt verfremdeten Chören arbeitet und in "Show Me" die Akustikgitarre loopt wie McCartney in "FourFiveSeconds". Die Stücke dieses Albums klingen auf den ersten Eindruck vielleicht wir klassisches Folk-Songwriting, weisen bei tiefgehenderer Beschäftigung aber Tricks und Kniffe in der Produktion auf, die Neil Young so wahrscheinlich noch nie angewendet hat. Er hat mit diesem Album also zumindest innerhalb seines Oeuvres absolutes Neuland betreten - durch Experimente.
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