Neues Album "Blank Project" Locker bleiben mit Neneh Cherry

Nach 18 Jahren Pause meldet sich Neneh Cherry mit einem Soloalbum zurück - und das klingt roher als alles, was sie bisher veröffentlicht hat. Es zeigt die Sängerin von einer neuen Seite: Sie entwickelt sich als Künstlerin weiter, statt sich mit einem gemütlichen Alterswerk zufriedenzugeben.

AFP

So richtig gerechnet hatte man nicht mehr damit. Neneh Cherry, einst in der oberen Star-Liga des HipHop unterwegs, schien nach ihrem 1996er Album "Man" ein bisschen in der Versenkung verschwunden. Allein daher ist es eine Sensation, dass sie jetzt mit "Blank Project" ihr gerade mal viertes Soloalbum hinterherschickt. Ein spätes Lebenszeichen, könnte man denken, immerhin wird Neneh Cherry dieser Tage 50 Jahre alt. Aktionen dieser Art gehen mitunter gründlich schief. Nicht in diesem Fall.

Eigentlich ist Neneh Cherry überhaupt nie richtig weg gewesen. Sie zeigte sich nur nicht mehr allzu deutlich im Rampenlicht wie zum frühen Höhepunkt ihrer Karriere Anfang der Neunziger, als sie mit Hits wie "Buffalo Stance", "Manchild", dem Cole-Porter-Song "I've Got You Under My Skin" oder "7 Seconds", ihrem Duett mit dem senegalesischen Popstar Youssou N'Dour, Popgeschichte schrieb.

Im Rückblick erscheint diese Popstarphase beinahe wie ein Betriebsunfall in Neneh Cherrys Biographie. Die schwedische Stieftochter des Trompeters und Free-Jazz-Pioniers Don Cherry interessierte sich zwar schon früh für Musik, doch lagen ihre Sympathien stets mehr beim Underground. Ihre ersten Plattenaufnahmen machte sie zu Beginn der achtziger Jahre in London mit der experimentellen Jazz-Postpunk-Band Rip Rig + Panic zu einer Zeit, als sie noch nicht einmal volljährig war - sie hatte kurzerhand die Schule abgebrochen, um es mit dem Singen zu probieren.

Weniger radikal als ergreifend

Und vor zwei Jahren veröffentlichte sie mit der schwedischen Free-Jazz-Band The Thing das Album "The Cherry Thing", auf dem sie unter anderem sehr freie Coverversionen von Stücken der Stooges, der No-Wave-Band Suicide oder von Free-Jazz-Begründer Ornette Coleman darbot. Daneben arbeitet sie immer wieder mit unterschiedlichsten Musikern zusammen, so auch in der Triphop-Band CirKus, an der sowohl ihr Mann Cameron McVey als auch ihre gemeinsame Tochter Tyson alias Lolita Moon beteiligt sind.

Jetzt also das "Blank Project". Es ist vielleicht nicht die radikalste Platte, an der Neneh Cherry bisher beteiligt war, gleichwohl ist es für ihre Solokarriere ein überraschendes Album. Und es ist eine ihrer ergreifendsten Platten geworden. Ob sie damit einen weiteren Welthit landen wird, bleibt abzuwarten. Doch der kommerzielle Erfolg scheint für Neneh Cherry bei dieser Platte ohnehin nicht im Vordergrund gestanden zu haben.

Geografisch zumindest kehrt Neneh Cherry mit "Blank Project" an ihre musikalischen Anfänge zurück. Als Produzent zeichnet der Londoner Musiker Kieran Hebden alias Four Tet verantwortlich, für die Musik verpflichtete sie das junge britische Duo RocketNumberNine, bestehend aus den Brüdern Ben und Tom Page. An Keyboards und Schlagzeug liefern die beiden einen spartanischen Klang, in dem elektronische Musik, HipHop, Pop und vereinzelt auch Rock fließend ineinander übergehen.

Direkt, intim und sehr spartanisch

So roh und exponiert wie auf "Blank Project" hat man Neneh Cherry selten gehört. "Across the Water", der erste Song des Albums, besteht ausschließlich aus ihrem Gesang und Tom Pages tribalistischer Perkussion. Die Intimität und Direktheit dieser Aufnahme ist charakteristisch für das gesamte "Blank Project", in dessen Verlauf nicht allzu viele Instrumente hinzukommen.

Kieran Hebden hat sich als Produzent mit eigenen Zutaten sehr zurückgehalten. Dafür stellte er mit seinen Entscheidungen die Weichen für das gesamte Ergebnis: Neneh Cherry und RocketNumberNine sollten "einfach wie immer live spielen. Er sorgte für den richtigen Sound, und dann nahmen wir alle zusammen zwei oder drei Takes auf, um diese spezielle Stimmung festzuhalten", so Neneh Cherry.

Diese spezielle Stimmung findet sich auch in den Songtexten, die fast bekenntnisartig um die Höhen und Tiefen einer Zweierbeziehung kreisen. Neneh Cherry beweist dabei die Größe, sich nicht auf eine reine Nabelschau zurückzuziehen.

Älterwerden ist eines der Themen, das sie offensiv angeht: "Ich mag es, zu einer älteren Frau zu werden", sagt sie. Nach Alterswerk klingt "Blank Project" aber keinesfalls. Es ist ein entspanntes Album geworden, das gerade in seiner Offenheit und Lakonie etwas Gegenwärtiges und Zeitloses zugleich hat. In einigen Stücken wie der Schlussnummer "Everything" gestatten sich die Musiker sogar ein wenig Improvisation, was zur peinlichkeitsfreien Lockerheit beiträgt. Und wenn in der diskret ohrwurmtauglichen Single "Out of the Black" die junge Landsfrau Robyn als Gastsängerin hinzukommt, mag diese jünger klingen, frischer wirkt hingegen die 15 Jahre ältere Neneh Cherry. Mit ihr ist weiterhin zu rechnen. Ganz sicher.


Neneh Cherry: "Blank Project" (Smalltown Supersound/Rough Trade)
Tour: 5.3. Uebel & Gefährlich Hamburg, 6.3. Berghain/Panorama Bar Berlin, 7.3. Stadtgarten Köln



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.