Liedermacher im Regen: Sonne im Herzen

Von , Köln

Ben Howard: Sänger, die den Regen wärmen Fotos
Frank Patalong

Der Konzertsommer 2013 ist ein Phänomen - ein gefühlter Februar, der nach anderer Wärme verlangt. Die liefern gegen alle coolen Trends Jungs mit hohen Stimmen und tiefen Gefühlen: Ed Sheeran, Passenger und nicht zuletzt Ben Howard. Der senkt sogar die Toleranz für Regenschirme.

"Mensch!", brüllt eine weibliche Stimme so laut, dass sie bricht und kippt, "nimm endlich den Schirm runter!" Die Menge lacht schallend, nur der Schirmträger reagiert nicht. Es wird langsam dunkel, die Temperatur liegt irgendwo bei 13 Grad, der Wind pfeift mit 15 km/h vom Fluss und treibt einen feinen Nieselregen vor sich her. Es ist Sommer und nein, nicht in Neufundland, sondern in Köln: Irgendwo da vorn spielt Ben Howard, Open Air, im Tanzbrunnen am Rhein. Irgendwo hinter dieser Wand aus Regenschirmen.

Rund zehntausend stehen da im Regen, mit glänzenden Augen und einem Lächeln im Gesicht. Howard kennt das inzwischen, er füllt auch große Arenen, am Samstag spielt er auf der Hauptbühne beim Glastonbury-Festival. Weitere Stationen der nächsten Wochen: der Londoner Olympiapark, das Montreux Jazz Festival, Phoenix Park Dublin, Central Park New York, Toronto und so weiter. Seit 2011 geht das so, als Howard sein erstes und bisher einziges Album herausbrachte. Seine Fans können nicht genug davon bekommen. Es sind Lieder, die sich von Anfang an anfühlten, als wären sie alte Freunde. Das ist vielleicht nicht cool, aber es ist durchaus trendy.

Vielleicht kann man das den Howard-Effekt nennen, alternativ wäre auch Sheeran-, Turner-, Passenger- oder Lumineers-Syndrom denkbar, je nachdem, wer gerade aufspielt. Sie alle sind Männer mit hohen, oft brüchigen Stimmen. Sie alle schaffen es, bis auf die Knochen durchnässte, frierende Menschen aussehen zu lassen, als hätten sie sich soeben frisch verliebt. Sie sind Sänger und Gruppen, die Lagerfeuer entfachen können und Herzen wärmen. Gibt es hier irgendwo Glühwein?

Konzertsommer 2013: Warme Wärme kommt von innen

Es ist ein Phänomen in doppelter Hinsicht. Irgendwie sind diese warmen Lieder von Liebe und Einsamkeit und Freundschaft und Nähe wie ein Antidot gegen das Konzertwetter 2013: Warme Weisen für kalte Zeiten. Selbst in den Charts schlagen sich die akustischen, liedermacherhaften Songs regelmäßig nieder. "Ho Hey!" singen die Lumineers, als wollten sie zum Bauerntanz aufspielen. "Let Her Go" fistelt Passenger und verdrängt sogar coole Köpfe wie Macklemore zeitweilig von der Spitze.

Und Howard? Ist irgendwie der beste, uncoolste und stillste von ihnen allen und aus vielen Gründen auch der am wenigsten bekannte. Seine Kompositionen sind merklich komplexer. Wie Sheeran ist er ein virtuoser Instrumentalist. Er entlockt seiner Akustikgitarre mit hoch kontrollierten Pickings einprägsame Riffs, aus denen man Ohrwürmer fertigt, und Spontaneitäten, die auf der Gefühlsklaviatur des Publikums spielen. Verbal hingegen ist er eine absolute Nullnummer: Mit dem Publikum redet er wenig, und meist ist das auch besser so. Er spricht dann mit dünner, schüchterner Stimme und kommt nerdig und schräg herüber. "Gegen den", ruft mir mein Schatz mit glänzenden Augen zu, "ist Ed Sheeran eine Hure!"

Soll heißen: Der ist süß und glaubhaft. Denn bei aller Perfektion wirken Howards Lieder nie so, als wären sie für das Publikum gemacht. Howard ist die Wiedergeburt des prototypischen introvertierten Liedermachers. Er scheint zu singen, um sich damit auszudrücken, mitzuteilen. Er findet dabei eine Waage zwischen ruhig und laut, langsam und schnell, einfühlsam und leidenschaftlich, die Männer wie Frauen anspricht, letztere oft aber regelrecht verzückt. In seinen besten Liedern, die die meisten Reaktionen ernten, schlägt die Bass-Drum einen Herzschlag-Rhythmus.

Da will man eintauchen, dabei sein, sich ganz wuschig machen lassen. Und es reicht, um die Wut gegen Schirmträger zu wecken, die die Sicht verstellen: "Ey! Nimm das Ding runter!" stimmen jetzt auch andere ein. Langsam senken sich die Schirme, jeder Benässungswillige bekommt Applaus, bis die Menge komplett im Regen steht.

Jetzt endlich können alle das Lagerfeuer sehen.

"Keep Your Head Up" von Ben Howard auf tape.tv ansehen

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