Neuauflagen bekannter Alben Der Club der toten Jazzer

Was John Coltrane, Duke Ellington und andere Jazzgrößen vor 50 Jahren auf Platte einspielten, wird jetzt erneut in aufwendigen CD-Serien auf den Markt gebracht. Wirklich neu und überraschend sind dabei nur die jetzt erhältlichen Aufnahmen aus deutschen Rundfunkarchiven.

AP

Duke Ellington kennen wir vor allem als Bigbandleader und Komponisten. In diesem Bereich gibt es im Jazz keinen größeren. Als Pianisten in kleinen Ensembles können wir den 1974 verstorbenen Künstler nun im Zusammenspiel mit so unterschiedlichen Musikern wie Coleman Hawkins und John Coltrane erleben. Ellingtons Aufnahmen mit den beiden Saxofonisten entstanden 1962. Dass der Großmeister mit dem aufstrebenden Avantgardisten Coltrane ins Studio ging, galt als kleine Sensation - ein Coup des damals gerade ein Jahr alten Labels Impulse.

Das Album "Duke Ellington Meets Coleman Hawkins And John Coltrane" gehört zu der CD-Serie, die Universal zum 50. Jubiläum von Impulse gerade auf den Markt gebracht hat. 1961 hatte der Produzent Creed Taylor die Bosse des Konzerns ABC/Paramount davon überzeugt, ein Jazz-Label zu gründen. Obwohl mit Blue Note, Verve, Prestige und Atlantic bedeutende Konkurrenten mitmischten, wurde Impulse ein Erfolg. Produzenten wie Taylor und Bob Thiele nahmen Coltrane, Art Blakey, Ahmad Jamal und andere unter Vertrag; mehr als 15 Jahre lang galt das Label als das innovativste der Branche. Zum Erfolg der Platten trugen die grafische Gestaltung der Hüllen und die informativen Booklets bei. Sie wurden reproduziert und gehören zu 15 CDs mit je zwei Alben eines Impulse-Künstlers, die nun digital remastert und preiswert zu haben sind. Im September, wenn der 1967 verstorbene John Coltrane 85 geworden wäre, wird Universal weitere Aufnahmen des Jazz-Giganten herausbringen.

Coltrane ist auch auf einer der Boxen vertreten, die der Universal-Konkurrent Warner - ganz ohne Jubiläumsaufhänger - veröffentlicht. Es handelt sich um Original-Alben des Labels "Atlantic" (bei dem Coltrane vor seinem Wechsel zu Impulse unter Vertrag war). Boxen von acht Künstlern enthalten je fünf CDs, die genaue Nachbildungen der Langspielplatten aus den sechziger und siebziger Jahren sind - schön handlich, nur braucht man eine Lupe, um die Texte auf der Rückseite zu lesen. Neben Coltrane dürften die Alben von Ornette Coleman, Herbie Mann und Al Jarreau für Jazzfans besonders interessant sein.

Billiger Griff in Kataloge

Die meisten der Stücke auf den Neuveröffentlichungen von Universal und Warner sind schon mehrfach auf CD herausgekommen - die großen Firmen greifen immer wieder auf ihre riesigen Kataloge zurück. Zuweilen wird ihnen daher vorgeworfen, sie täten mehr für die toten Jazzer als für die lebenden. Tatsächlich kostet der Griff ins Archiv weniger als Neuproduktionen mit Nachwuchstalenten. Doch die Re-Issues haben auch jazzgeschichtliche Bedeutung, und junge Interessierte mögen über sie die Vielfalt des Jazz kennen lernen.

Noch nie auf kommerziellen Tonträgern erschienen sind etliche Produktionen deutscher Rundfunkanstalten, die mancher Fan gerne in seiner Sammlung hätte. Dazu zählen Einspielungen des Pianisten Jan Johansson bei NDR-Workshops zwischen 1964 und 1966. Der Schwede gehörte zu den ersten, die skandinavische Volksmusik und Jazzelemente miteinander fusionierten und damit etwas schufen, was heute zuweilen Euro-Jazz genannt wird. Aufnahmen von Johansson, der Musiker wie Nils Landgren wesentlich beeinflusste, bringt das Münchner Label ACT in diesem Monat heraus. Der Pianist und Komponist spielt im Trio, in einer Combo aus Landsleuten und mit der NDR Studio Band; immer dabei ist der Bassist Georg Riedel. "Für mich war er die Nummer eins", sagt Riedel.

Johansson entwickelte sich zu einem europäischen Jazzstar, als er 1968, gerade 37 Jahre alt, bei einem Autounfall ums Leben kam.



insgesamt 14 Beiträge
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jot-we, 06.08.2011
1. °!°
Dass die record companies vorzugsweise alten Kram wieder aufwärmen und Zeitgenössisches links liegen lassen, dürfte nicht ausschliesslich an Kostengründen liegen. Denn warum sollte es beim Jazz anders sein als bei Klassik, Blues und von mir aus sogar Pop und Dixieland? Die magischen Momente jeder relevanten Musikrichtung finden nunmal stets zu ihrem Beginn statt - jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und NUR jedem Anfang, basta! Wer z. B. 40 Jahre nach Coltrane gross rauskommt, weil er dessen 'scales & phrases' mustergültig durchs Metall bläst, kann eben ein noch so guter Musiker sein: etwas sonderlich Neues und Aufregendes wird er nicht leisten. Tatsächlich lassen sich fast alle Neueinspielungen auf ältere Aufnahmen zurückführen - im besten Fall findet eine kreative Vermengung ehemals eigenständiger Stilarten statt, doch die Gefahr gepflegter Langeweile wächst natürlich, je öfter das passiert. Jede Zeit hat ihre eigene Musik hervorgebracht. Nur die jetzige - Kulturpessimisten aufgemerkt - eigenartigerweise nicht ... Aber vielleicht kommt ja noch was?
laszlo_szell, 06.08.2011
2. vom wald den baum nicht sehen
Zitat von jot-weDass die record companies vorzugsweise alten Kram wieder aufwärmen und Zeitgenössisches links liegen lassen, dürfte nicht ausschliesslich an Kostengründen liegen. Denn warum sollte es beim Jazz anders sein als bei Klassik, Blues und von mir aus sogar Pop und Dixieland? Die magischen Momente jeder relevanten Musikrichtung finden nunmal stets zu ihrem Beginn statt - jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und NUR jedem Anfang, basta! Wer z. B. 40 Jahre nach Coltrane gross rauskommt, weil er dessen 'scales & phrases' mustergültig durchs Metall bläst, kann eben ein noch so guter Musiker sein: etwas sonderlich Neues und Aufregendes wird er nicht leisten. Tatsächlich lassen sich fast alle Neueinspielungen auf ältere Aufnahmen zurückführen - im besten Fall findet eine kreative Vermengung ehemals eigenständiger Stilarten statt, doch die Gefahr gepflegter Langeweile wächst natürlich, je öfter das passiert. Jede Zeit hat ihre eigene Musik hervorgebracht. Nur die jetzige - Kulturpessimisten aufgemerkt - eigenartigerweise nicht ... Aber vielleicht kommt ja noch was?
wohl doch. es kommt auf den blickwinkel / einstellung / wahrnehmungswille, bzw. -vermögen an.
MikeNaeheHamburg 06.08.2011
3. Ja klar ...
Zitat von jot-weDass die record companies vorzugsweise alten Kram wieder aufwärmen und Zeitgenössisches links liegen lassen, dürfte nicht ausschliesslich an Kostengründen liegen. Denn warum sollte es beim Jazz anders sein als bei Klassik, Blues und von mir aus sogar Pop und Dixieland? Die magischen Momente jeder relevanten Musikrichtung finden nunmal stets zu ihrem Beginn statt - jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und NUR jedem Anfang, basta! Wer z. B. 40 Jahre nach Coltrane gross rauskommt, weil er dessen 'scales & phrases' mustergültig durchs Metall bläst, kann eben ein noch so guter Musiker sein: etwas sonderlich Neues und Aufregendes wird er nicht leisten. Tatsächlich lassen sich fast alle Neueinspielungen auf ältere Aufnahmen zurückführen - im besten Fall findet eine kreative Vermengung ehemals eigenständiger Stilarten statt, doch die Gefahr gepflegter Langeweile wächst natürlich, je öfter das passiert. Jede Zeit hat ihre eigene Musik hervorgebracht. Nur die jetzige - Kulturpessimisten aufgemerkt - eigenartigerweise nicht ... Aber vielleicht kommt ja noch was?
Immer wieder lustig anzusehen, wie Plattenfirmen jeden Strohhalm ergreifen, um sich selbst die Taschen vollzumachen. Früher die Musiker geleimt, indem denen Tantiemen vorenthalten wurden;, heute Kunden mit der xten Auflage von Coltrane & Co. nerven (nicht falsch verstehen: wunderbare Künstler, tolle Musik). Schon vor zehn Jahren kam „The Heavyweight Champion - The Complete Atlantic Recordings“ von Coltran als 7-CD-Box auf den Markt. Und jetzt darf man als Fan natürlich noch mal Geld für den fast identischen Inhalt hinlegen. Meinetwegen können die Plattenfirmen alle Pleite gehen. Die braucht kein Mensch! Es gibt schon tolle neue Musik. Leider findet man sie nicht häufig im Radio, nie im Fernsehen - und in presseähnlichen Angeboten wie dem „Rolling Stone“ leider auch nicht. Aber Künstler, die ihr Geld ohne Plattenfirma und fast ausschließlich von ihren Auftritten leben, schalten ja auch keine Anzeigen oder beschäftigen PR-Menschen. Ich bin echt froh, dass es Internet-Radios und Blogs gibt.
kosi, 06.08.2011
4. bebop
Zitat von jot-weDass die record companies vorzugsweise alten Kram wieder aufwärmen und Zeitgenössisches links liegen lassen, dürfte nicht ausschliesslich an Kostengründen liegen. Denn warum sollte es beim Jazz anders sein als bei Klassik, Blues und von mir aus sogar Pop und Dixieland? Die magischen Momente jeder relevanten Musikrichtung finden nunmal stets zu ihrem Beginn statt - jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und NUR jedem Anfang, basta! Wer z. B. 40 Jahre nach Coltrane gross rauskommt, weil er dessen 'scales & phrases' mustergültig durchs Metall bläst, kann eben ein noch so guter Musiker sein: etwas sonderlich Neues und Aufregendes wird er nicht leisten. Tatsächlich lassen sich fast alle Neueinspielungen auf ältere Aufnahmen zurückführen - im besten Fall findet eine kreative Vermengung ehemals eigenständiger Stilarten statt, doch die Gefahr gepflegter Langeweile wächst natürlich, je öfter das passiert. Jede Zeit hat ihre eigene Musik hervorgebracht. Nur die jetzige - Kulturpessimisten aufgemerkt - eigenartigerweise nicht ... Aber vielleicht kommt ja noch was?
Den gleichen Satz habe ich in den 80ern, 90ern etc. gehört. Dann wurde im nachhinein irgendetwas als Typisch für diese Zeit definiert. NACHHER! Sie stecken zu tief im JETZT..evt. denken sie auch zu kompliziert? Denken sie mal was für die 80er und 90er als typische Musikrichtung definiert wurde...wären sie drauf gekommen....und ist das wirklich eine eigene Musik? ..oder denken sie in größeren Zeitrahmen...Barock, Klassik etc.? falls ja, dann sind wir eigentlich noch beim Jazz, oder haben sie irgendwo sonst Innovation in der Musik entdeckt? Sobald ein Pop-Rock-Schlager-Musikstück in irgeneiner Weise gut und speziell ist, dann ist es immer irgendwie "Jazzig".
flynn10 06.08.2011
5. ..und der Rundfunk mach mit!
Wer sich einmal einen Mitschnittvertrag des WDR, des NDR oder des BR aus dieser Zeit angeschaut hat, wird schnell wissen, warum die Aufnahmen nach und nach auf de Markt geworfen werden. Die Musiker haben da zumeist alle Rechte abgetreten. Und das probieren WDR & Co. auch heute noch, vorzugsweise im World Music Bereich, wo oft ahnungslose Musiker unterschreiben, was ihnen vorgelegt wird. Ich habe als Agent stets solche Knebelparagraphen herausgestrichen, weiß aber von Kollegen, die mit der Auswertung beauftragt sind, daß das die wenigsten getan haben. Eine Abzocke ohne Gleichen!
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