Neuaufnahme von Brittens "War Requiem" Die Hoffnung siegt

Ob als Filmmusik oder als Reflexion über den Krieg: Benjamin Brittens Kompositionen gehören zu den Besten des 20. Jahrhunderts. Zum 50. Geburtstag seines "War Requiems" gibt es eine Neuaufnahme, die an die Uraufführung mit Dietrich Fischer-Dieskau erinnert.

Marjan Laznik

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Wie sehr die Musik Benjamin Brittens (1913-1976) bezaubern kann, bewies gerade der Regisseur Wes Anderson in seinem Film "Moonrise Kingdom". Wenn seine neuenglische Pfadfinderwelt zu den sakralen Klängen von "Noye's Fludde" beinahe im Wasser versinkt, verschmelzen Witz und Grauen zu einem märchenhaften Chaos.

Widersprüchliche Emotionen sind typisch für Britten: Als der Engländer Jeffrey Tate 2009 sein Amt als Chefdirigent der stets unterschätzten Hamburger Symphoniker antrat, wählte er als erstes Dirigat das opulente "War Requiem" op. 66 seines Landsmannes Benjamin Britten. Ein Musikstück der Trauer, aber auch der Versöhnung und des Aufbruchs. Ein vielschichtiges Statement, denn die 1962 uraufgeführte Totenmesse markierte nicht nur das Gedenken an die Zerstörung der englischen Stadt Coventry und ihrer Kathedrale durch deutsche Bomben, sondern versuchte auch eine Art Brückenschlag zwischen den Feinden im Zweiten Weltkrieg - bei der Uraufführung sang neben zwei Briten auch der Deutsche Dietrich Fischer-Dieskau.

Britten fügte der archaischen Requiem-Form Elemente der Reflexion, sogar der bitteren Ironie hinzu, denn er verwendete neben dem überlieferten lateinischen Text auch Verse des britischen Dichters Wilfred Owen, der 1918 nur 25-jährig im Ersten Weltkrieg ums Leben kam. Owens Texte zum Krieg waren Zeugnisse und Verarbeitung des realen Kriegsschreckens, fernab von naivem Hurra-Patriotismus und der naiv verherrlichenden Schlachtenbetrachtung mancher seiner literarischen Zeitgenossen.

Historische Uraufführung mit Dietrich Fischer-Dieskau

Mit Hilfe dieses lyrischen Reality-Checks überwand Benjamin Britten die Grenzen der Requiem-Form, für die er neben kraftvoll-pathetischen Tönen des Orchesters auch abgestufte Zwischenfarben bei den intimen Kammermusik-Teilen erfand. Für diese Wechselbäder müssen die Stimm-Solisten einiges an Gespür für die sprachliche Gestaltung einbringen.

Natürlich war dafür bei der Premiere des Werkes der damals aufstrebende Sänger Dietrich Fischer-Dieskau (1925-2012) künstlerisch eine erste Wahl für den Bariton-Part, doch gerade als junger deutscher Künstler und Botschafter der demokratischen Nachkriegs-Bundesrepublik bedeutete sein Auftritt 1962 neben Brittens Freund Peter Pears (Tenor) und der Engländerin Heather Harper mehr als nur einen künstlerischen Ritterschlag. Die ursprünglich eingeladene russische Sopranistin Galina Wischnewskaja konnte wegen eines verweigerten Visums nicht auftreten; der Kalte Krieg war in vollem Gang.

Mit dem London Symphony Orchestra unter dem Mailänder Dirigenten Gianandrea Noseda, der bereits seit 2001 in England wirkt (von 2001 bis 2011 als leitender Dirigent des BBC Philharmonic Orchestra), fand das "War Requiem" nun einen perfekt geformten Klangkörper für diese genuin englische Neuaufnahme (LSO Live). Der Tenor Ian Bostridge und sein Bariton-Kollege Simon Keenlyside gehören zur internationalen Spitze ihres Fachs, die slowenische Sopranistin Sabina Cvilak trat in den Opernhäusern von Wien, Hamburg und vielen weiteren europäischen Bühnen auf und blickt schon auf eigene "War Requiem"-Erfahrungen zurück (2011 an der Seite von Bariton Matthias Goerne). Das Trio harmoniert ohne Konkurrenzkampf, es addiert sich in der Interpretation zu mehr als einer Summe der Teile.

Da ist auch die epische Länge des Werkes kein Problem - 90 spannende Minuten, in denen beinahe eine Oper des Schmerzes und der Trauer abläuft, in der aber doch Zuversicht und Hoffnung siegen. Schließlich war das Requiem ein Auftragswerk zum Wiederaufbau der zerstörten Kathedrale von Coventry. Hervorragend gelungen ist auch das Booklet zu dieser CD, in dem der englische Komponist Collin Matthews die musikalische Struktur des Werkes präzise und nicht zu ausufernd darstellt - klare Worte, die den Hörgenuss nachhaltig fördern.

Wie gut sich Benjamin Britten generell auf interessante Dialoge verstand, zeigt auch seine "Serenade for tenor, horn & strings, op. 31", die er bereits 1943 schrieb. Auch hier liegt eine äußerst gelungene Neuaufnahme vor (harmonia mundi). Zum durchaus klassisch-harmonisch geprägten Zusammenspiel von Stimme und Streichorchestern komponierte Britten lange, sangliche Strecken für den Hornisten, hier stilsicher und technisch perfekt von Stephen Bell realisiert. Sein musikalischer Partner, der 1961 in Canterbury geborene Tenor Mark Padmore, verbindet langjährige Opern- und Konzertkompetenz mit besonderem Gespür für die Musik Benjamin Brittens. Beide Solisten werden adäquat von der Britten Sinfonia begleitet, die luftig-weite Britten-Klangräume entstehen lässt. Dies relativ "kleine" Werk (angereichert durch ein Nocturne für Tenor und Streicher) macht Mut, sich dem mächtigen Requiem zu nähern, falls man der Musik Brittens bisher eher reserviert gegenüberstand.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
flaschenöffner 02.06.2012
1. .
falsche CD abgebildet (links neben dem Artikel).
flaschenöffner 02.06.2012
2. .
"Die ursprünglich eingeladene russische Sopranistin Galina Wischnewskaja konnte wegen eines verweigerten Visums nicht auftreten; der Kalte Krieg war in vollem Gang." Natürlich wurde nicht "das Visum" verweigert sondern die Ausreise aus der UdSSR.
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